Stolls Modell für Bozen-Leifers: Das Vorbild liegt an der slowenischen Grenze

Doch der damalige Entwurf hatte noch eine zweite, bislang kaum beachtete Seite: Bozen und Leifers sollten trotz unterschiedlicher politischer Zugehörigkeit als gemeinsamer Lebensraum funktionieren. Dafür hatten Stoll und Esterbauer sogar ein konkretes Vorbild.
Der geplante neue Senatswahlkreis Bozen-Leifers hat eine Frage aufgeworfen, die weit über gewöhnliche Wahlkreisgrenzen hinausgeht. Bozen und Leifers sollen künftig gemeinsam einen eigenen Einerwahlkreis bilden, während das gesamte Unterland dem Wahlkreis Meran zugeschlagen wird. Damit entsteht ein Wahlkreis, in dem die italienische Sprachgruppe mit rund drei Vierteln eine deutliche Mehrheit stellt. Alessandro Urzì hat den politischen Hintergrund offen benannt: Einer der insgesamt fünf Südtiroler Direktwahlkreise für Kammer und Senat müsse für die italienische Sprachgruppe tatsächlich realistisch erringbar sein.
UT24 hat deshalb bereits die Gegenfrage gestellt: Wenn die Zusammensetzung der Sprachgruppen beim Zuschnitt eines Wahlkreises eine so entscheidende Rolle spielt, was bedeutet das dann für die deutschsprachigen Bozner und Leiferer? Als Denkanstoß diente ein Modell, das Eduard Stoll und Fried Esterbauer bereits 1979 entwickelten. Ihr damaliger Vorschlag hatte zwar nichts mit einem Senatswahlkreis zu tun, folgte aber einem bemerkenswerten Grundgedanken: Politische Zuordnung und Wohnort müssen nicht zwingend dasselbe sein. Angehörige einer Sprachgruppe sollten sich einer anderen politischen Einheit zuordnen können, ohne deshalb ihre Wohnung, ihren Arbeitsplatz oder ihre Schule wechseln zu müssen. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Auflösung politischer Zugehörigkeiten, sondern im Gegenteil deren klare Regelung. Erst danach stellte sich die Frage, wie der Alltag über solche Grenzen hinweg funktionieren kann. Doch damit war das Modell noch längst nicht zu Ende gedacht.
Nicht einfach eine neue Grenze ziehen
Wer den Vorschlag von 1979 nur auf die politische Zuordnung verschiedener Sprachgruppen reduziert, übersieht einen entscheidenden Punkt. Stoll und Esterbauer wollten zwar klare politische Zuständigkeiten schaffen, gleichzeitig aber verhindern, dass daraus eine harte Trennung des gemeinsamen Lebensraumes entsteht. Das überwiegend italienisch geprägte „Neu-Bozen“ sollte gemeinsam mit Leifers eine eigene Einheit bilden können, während für Angehörige der jeweils anderen Sprachgruppe eine abweichende Zuordnung möglich bleiben sollte.
Für sämtliche Bozner und Leiferer sollten unabhängig davon Wohnsitz, Arbeitsplatz und Schulen gesichert bleiben. Die politische Zugehörigkeit sollte eindeutig sein, ohne deshalb jeden gewachsenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhang zu durchschneiden. Genau darin lag die eigentliche Besonderheit des Modells: Nicht jeder Unterschied in der politischen Zugehörigkeit sollte zwangsläufig auch eine gesellschaftliche Trennung nach sich ziehen.
Eine „transnationale Grenzregion“
Stoll und Esterbauer beließen es nicht bei diesem Grundsatz. Für jene Angelegenheiten, die Bozen und Leifers trotz unterschiedlicher politischer Zugehörigkeit weiterhin gemeinsam betroffen hätten, sollte ein paritätisch besetzter Koordinierungsausschuss geschaffen werden. Die Autoren verwendeten dafür einen Begriff, der heute beinahe moderner klingt als 1979: „transnationale Grenzregion“.
Damit wird deutlich, dass ihre Vorstellung nicht einfach lautete: Deutsche auf die eine Seite, Italiener auf die andere – und dazwischen eine neue Grenze. Zuerst sollte geklärt werden, welcher politischen Einheit sich die jeweiligen Volksgruppen zugehörig fühlen. Wo der Alltag beide Seiten weiterhin verband, sollte anschließend pragmatisch zusammengearbeitet werden.
Die Grenze sollte also politische Zugehörigkeit sichtbar machen, ohne zwangsläufig zur Mauer im täglichen Leben zu werden. Und für diese Idee nannten Stoll und Esterbauer sogar ein reales Vorbild.
Das Vorbild hieß Görz-Nova Gorica
Ausdrücklich verwiesen die beiden auf Görz und Nova Gorica. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der historisch zusammengehörende Raum an der neuen Grenze zwischen Italien und Jugoslawien auseinandergerissen. Görz verblieb bei Italien, während große Teile seines bisherigen Hinterlandes Jugoslawien zugeschlagen wurden. Auf jugoslawischer Seite entstand daraufhin unmittelbar an der Grenze die neue Stadt Nova Gorica.
Gerade diese Konstellation war für Stoll und Esterbauer interessant: zwei unterschiedliche politische Räume, die dennoch einen gemeinsamen Lebensraum bilden. Die staatliche Zugehörigkeit beider Seiten blieb klar. Gleichzeitig zeigte sich, dass eine solche Grenze wirtschaftliche, gesellschaftliche und alltägliche Verbindungen nicht zwingend dauerhaft unterbrechen muss.
Im Rückblick bekommt dieser Vergleich eine bemerkenswerte Pointe. Denn Görz und Nova Gorica entwickelten sich in den folgenden Jahrzehnten tatsächlich immer stärker in jene Richtung, die Stoll und Esterbauer als Beispiel für ihre „transnationale Grenzregion“ herangezogen hatten.
Aus der Grenze wurde ein europäisches Vorzeigeprojekt
Mit der Zeit verlor die Grenze zwischen beiden Städten immer mehr von ihrer trennenden Wirkung. Die Zusammenarbeit wurde ausgebaut, gemeinsame Strukturen entstanden und grenzüberschreitende Projekte wurden institutionalisiert. Der bisher sichtbarste Höhepunkt folgte 2025: Nova Gorica und Görz traten gemeinsam als erste grenzüberschreitende Europäische Kulturhauptstadt auf.
Das Motto „GO! Borderless“ hätte kaum besser zu jenem Gedanken passen können, den Stoll und Esterbauer fast ein halbes Jahrhundert zuvor formuliert hatten. Zwei Städte können unterschiedlichen Staaten angehören, ohne deshalb auf Dauer zwei voneinander abgeschottete Lebensräume bleiben zu müssen.
Entscheidend ist dabei aber: Görz blieb bei Italien, Nova Gorica gehört heute zu Slowenien. Die Zusammenarbeit ersetzte die jeweilige politische Zugehörigkeit nicht – sie organisierte das Zusammenleben über die Grenze hinweg.
Dass Stoll und Esterbauer ausgerechnet dieses Beispiel bereits 1979 für ihre Überlegungen zu Bozen und Leifers heranzogen, ist deshalb mehr als eine historische Randnotiz.
Selbstbestimmung und Zusammenarbeit schließen sich nicht aus
Das Görzer Beispiel verändert auch den Blick auf das damalige Südtirol-Modell. Auf den ersten Blick lässt es sich als ethnische Grenzziehung lesen: ein italienisch geprägtes Neu-Bozen mit Leifers auf der einen Seite, ein deutsch geprägtes Gebiet auf der anderen. Doch das greift zu kurz.
Stoll und Esterbauer verbanden zwei Gedanken, die keineswegs Gegensätze sein müssen: das Recht auf klare politische Zugehörigkeit und die Möglichkeit, über Grenzen hinweg weiterhin praktisch zusammenzuarbeiten.
Deshalb die Möglichkeit einer unterschiedlichen politischen Zuordnung trotz gleichem Wohnort. Deshalb die Sicherung von Arbeitsplatz und Schule. Deshalb gegenseitige Rechte. Und deshalb ein gemeinsamer Koordinierungsausschuss.
Die politische Grenze sollte nicht verschwimmen. Sie sollte aber auch nicht mehr trennen, als für die jeweilige politische Zugehörigkeit notwendig war.
Bemerkenswert europäisch gedacht
Auch deshalb verstanden Stoll und Esterbauer ihr Konzept nicht bloß als Tiroler Sonderweg. Sie stellten ihre Überlegungen in einen größeren föderalistischen Zusammenhang und verwiesen auf italienische Föderalisten wie Sergio Salvi und Andrea Chiti-Batelli.
Ihr Ansatz lautete damit nicht: Identitäten überwinden und Grenzen abschaffen. Vielmehr sollten Volksgruppen über ihre politische Zugehörigkeit möglichst selbst entscheiden können, während Zusammenarbeit über diese Grenzen hinweg weiterhin möglich bleibt. Politische Selbstbestimmung auf der einen Seite, pragmatische europäische Zusammenarbeit auf der anderen.
Und was hat das mit dem heutigen Bozen-Leifers zu tun?
Natürlich darf man die Dimensionen nicht vermischen. Stoll und Esterbauer diskutierten 1979 über Selbstbestimmung, Staatszugehörigkeit und eine mögliche Neuordnung Tirols. Heute geht es um einen Senatswahlkreis. Staatsrechtlich sind das völlig unterschiedliche Ebenen.
Der zugrunde liegende Gedanke bleibt dennoch interessant: Muss eine territoriale Linie automatisch jede politische Zuordnung bestimmen?
Der neue Wahlkreis zieht eine klare Grenze um Bozen und Leifers. Innerhalb dieser Grenze steht einer italienischen Mehrheit eine deutsche Minderheit von rund einem Viertel gegenüber. Genau deshalb hatte UT24 bereits die Frage aufgeworfen, ob deutschsprachige Bozner und Leiferer bei der Senatswahl einem anderen Südtiroler Wahlkreis zugeordnet werden könnten.
Gerade hier zeigt sich die Verbindung zu Stolls Denken: Politische Zugehörigkeit sollte sich nicht allein daraus ergeben, auf welcher Seite einer territorial gezogenen Linie jemand wohnt. Entscheidend war für ihn vielmehr, einer Volksgruppe eine politische Zuordnung zu ermöglichen, ohne den Alltag der Menschen unnötig zu zerstören.
Stolls Modell liefert auf die heutige Wahlkreisfrage keine fertige Antwort. Aber es liefert einen Gedanken, der fast 50 Jahre später wieder erstaunlich aktuell wirkt.
Ein alter Entwurf mit modernem Kern
Fast 50 Jahre später zeigt ausgerechnet Görz-Nova Gorica, dass klare politische Zugehörigkeit und enge grenzüberschreitende Zusammenarbeit nebeneinander bestehen können. Zwei Städte, zwei Staaten und weiterhin eine politische Grenze – aber zugleich gemeinsame Strukturen und ein eng verflochtener Lebensraum.
Was Stoll und Esterbauer 1979 für Bozen und Leifers als mögliches Modell heranzogen, entwickelte sich anderswo zumindest in Teilen zu europäischer Realität.
Stolls Modell war damit weder ein Plädoyer für Grenzlosigkeit noch für Abschottung. Es verband zwei Gedanken: Volksgruppen sollen über ihre politische Zugehörigkeit selbst bestimmen können – und unterschiedliche politische Zugehörigkeit muss dennoch nicht bedeuten, einen gemeinsamen Lebensraum künstlich zu zerreißen.
Gerade darin liegt vielleicht der interessanteste Gedanke des Modells von 1979: Selbstbestimmung und Zusammenarbeit sind keine Gegensätze. Klare Zugehörigkeit muss nicht Trennung bedeuten.






