Ein Blog von

Georg Dekas

19.02.2019

Warum der Sandwirt ein Held bleibt

Der Schützenkommandant Andre Hofer wurde am 20. Feber 1810 auf Befehl Napoleons erschossen. Er war ein Held. Einer, wie es ihn wieder bräuchte. Für ein neues Europa.

Foto: © SSB/Richard Andergassen

Andre Hofer Anno 2019

Der Gastwirt, Händler und Schützenkommandant Andre Hofer aus Sankt Leonhard in Passeier wurde am 20. Feber 1810 auf Befehl Kaiser Napoleons I. standrechtlich erschossen. Er, der Sandwirt, hatte in den Jahren zuvor im Auftrag seines Kaisers die Tiroler Landesverteidigung angeführt und erbittert gegen die französischen Eindringlinge gekämpft. Dafür wurde er als „Edler von Passeyr“ in den Adelsstand erhoben.

Nach den legendären Siegen seiner Tiroler Schützen über die französischen Heere und deren bayerischen Verbündete am Berg Isel vor Innsbruck war Andre Hofer für kurze Zeit auch der Landeshauptmann von Tirol. Seine Bergkrieger führte er mit dem Schlachtruf „Für Gott, Kaiser und Vaterland!“ gegen den Feind.

Doch als der Habsburger Kaiser Franz II. sich mit dem französischen Selfmade-Kaiser aus Korsika arrangierte und die einfachen Tiroler das nicht begreifen wollten, war es um Hofer geschehen. Nach einem letzten Aufgebot mit letztem, unnützen Blutvergießen („Ach, Himmel, es ist verspielt“) versteckte sich der Bauernführer auf der Pfandleralm in seinem Tal. Von einem Landsmann an die Sieger verraten, wurde er das Etschtal hinunter nach Mantua geführt, wo ihm von den Franzosen der Kriegsprozess gemacht und das Todesurteil vor den Toren der Stadt vollstreckt wurde.

Hofer, der Deutsche

Ab 1830, als Napoleon längst Geschichte war, begann die Legende um Andre Hofer zu blühen. Der Kult ging von Deutschland aus. Man sah im Bauernführer mit der Tiroler Tracht und dem wallenden Bart einen deutschen Helden. Einer, der sich entgegen aller Opportunität einer siegreichen Großmacht entgegenstellt. Der erfolgreiche Widerstand der Tiroler von 1809 werden gelesen als der Funke, der auf das ganze Reich überspringt, wenn jemand auch nur im Kleinen das Eigene entschlossen genug verteidigt.

Hofer, der Gläubige

Die Heldenverehrung Hofers kam auch der Kirche im Kampf gegen die fortschreitende Verweltlichung Europas gelegen. Hofer war tiefgläubiger Katholik. Sein Feldkamerad, der wortgewaltige Kapuzinermönch Haspinger aus Gsies, sorgte dafür, dass der Abwehrkampf gegen die Franzosen als Glaubenskrieg gegen die gottlosen Söhne der Revolution verstanden wurde. Hofers kurze Regentschaft in Innsbruck soll der Herrschaft eines Gottesstaates ziemlich nahe gekommen sein.

Hofer, der Taliban

Das nationalreligiöse Heldenbild Hofers war lange unangefochten, bis linke Intellektuelle ab 1970 begannen, den Bauernanführer als bigotten Tölpel und kleingeistigen Knecht reaktionärer Herrschaftskreise zu zeichnen, der im Nationalsozialismus den Höhepunkt der Verehrung fand. Andre Hofer war jetzt Fundamentalist und Taliban, seine Feinde die wahren Freunde der Menschheit: Frankreich, das Land der Aufklärung, die revolutionären Franzosen Verkünder der Menschenrechte. Sie hatten sich des Königs und der adeligen und kirchlichen Großgrundbesitzer entledigt. Sie waren die Guten.

Hofer, die Hausmarke

Unabhängig von diesen drei großen politisch-ideologischen Dimensionen des Bildes von Andre Hofer gibt es selbstverständlich noch eine vierte, gänzlich unverfängliche. Demnach gehört der Andreas Hofer mit seiner Lederhose und seinem „Sabel“ ganz einfach zu Tirol wie der Speck, die Berge und gute Wirtshäuser.

Hofer, der Held

Ein Held ist Andre Hofer allemal, weil er den Opfertod gestorben ist. Nicht für den persönlichen Vorteil hat er sein Leben und das Leben seiner Männer und Frauen aufs Spiel gesetzt. Nicht für Geld, Ruhm, Ehre und Macht hat er zu den Waffen gerufen, sondern weil es die Pflicht gebot. Und es war Notwehr: Das Plündern und Brandschatzen der feindlichen Heere wollte der Schützenmajor Hofer nicht über sein Land ergehen lassen.

Deshalb ist der Nationalheld Tirols so groß, obwohl er am Ende der militärische Verlierer war. Sicher wäre es feiner gewesen, zum Schluss als Sieger dazustehen. Es sich  im Lehnstuhl mit einer Zigarre gemütlich machen wie es dem Nationalhelden Italiens, Beppe Garibaldi, vergönnt war. Aber irgendwie gefallen Helden weltweit einfach besser, wenn sie eine tragische Tiefe aufweisen, ein letztes Scheitern aus höherem Grund.

Die tragische Dimension Hofers ist dadurch gegeben, dass er in gottergebenem Vertrauen alles für seinen Habsburger getan hat. Er hat sein und das Leben seiner Mitstreiter auf dem Altar des Vaterlandes geopfert, während im politischen Sinn der Hofer und seine Tiroler Bauern für den Kaiser und seine Eliten nichts anderes sein konnten als eben …Bauern, nämlich die, die auf dem großen Schachbrett der Macht leichthin und als erste geschmissen werden.

Europa braucht Helden wie dich!

Unser Tiroler Held eignet sich also für unterschiedliche Deutungen, übrigens ein Merkmal großer und zeitloser Figuren der Geschichte. Wie aber wollen wir ihn 2019 sehen – dem Jahr, in dem die Europäische Union von den Stürmen des Neonationalismus ordentlich geschüttelt werden wird? In  Juncker würde unser Hofer wohl den Ersatz-Napoleon Europas erkennen. Bei Kanzlerin Merkel alias Kaiser Franz dürfte sich der treue Hofer wohl ein zweites Mal geliefert fühlen – aus Staatsräson, versteht sich.

Auch erkennt sich Andreas in den Populisten nicht wieder, dafür ist er viel zu sehr Tiroler und k.u.k. Österreicher. In seinem Beruf als Wirt und Händler ist er viel herumgekommen, er spricht neben Deutsch auch Italienisch, er ist leutselig, pragmatisch und lebt als Alpenmensch in der Haltung „think positive!“ Nur wenn es um Gott und die Treue zum Eigenen geht, gibt es kein Dazwischen.

Eher unwahrscheinlich, dass er eine französische Neonationalistin (noch dazu ein Weib!) am Steuer des großen Euro-Reiches sehen möchte. Dem Lombarden Salvini würde er vielleicht den Kampfeswillen gutschreiben, aber trauen würde er auch ihm nicht ganz. Auf der christlich-sozialen Seite sieht er überall nur schlau taktierende Vollkaskoversorgte, bei Roten und Grünen sieht er, dass Schein und Haben zweierlei sind. Und die Jugend? Leider zu viele mit dem eigenen Vergnügen beschäftigt, oft selbstzerstörerisch. Sex, Drogen, Sport, Reisen – und Smartphone.

Also bliebe dem tapferen Andre von Passeyr wohl nichts anderes übrig, als mit der Faust auf den Tisch zu schlagen: Jemand muss doch aufstehen gegen die gottlosen, verderblichen Sitten, die uns niederzwingen! Gegen die Entmündigung ganzer Landstriche und Völker, die von oben her im Gange ist! Wer verteidigt uns, wer rettet uns, die redlichen und ganz normalen Menschen?

Ist es Orbàn? Die Gelbwesten? Die AfD? Greta Thunberg? Oder am Ende  gar Wladimir Putin, die Mullahs oder Erdogans? Nein. Es braucht neue Helden. Für ein neues Europa. Ein Europa, das Heimat ist auch für kleine Menschen und kleine Länder. Ein Europa, in dem Kinder Zukunft haben. Ein Europa nicht von des Götzen Globus Gnaden, sondern ein Europa, das Gnade vor Gott findet. Ein neuer Edler muss her. Ein (Süd)Tiroler wird’s diesmal wahrscheinlich nicht mehr. Die sind satt und selbstgefällig geworden.

 

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