Erst beschimpft Urzì die Schützen – fünf Tage später feiert er sie!

Aus „Kronplatz/Plan de Corones“ wird „Kronplatz Dolomites“. Was die Tourismusverantwortlichen als neue internationale Marke präsentieren, hat einen heftigen Streit ausgelöst. Der Dachverband der ladinischen Kulturvereine spricht von einem schweren Schaden für die ladinische Sprache. Auch die ladinischen Schützen protestieren gegen die Streichung des bisherigen Namens aus dem Logo.
Ihr Anliegen ist durchaus nachvollziehbar. Die Ladiner sind eine sprachliche Minderheit, deren Identität und kulturelles Erbe besonderen Schutz verdienen. Ortsnamen sind schließlich weit mehr als bloße Wegweiser oder Werbeslogans. Sie erzählen die Geschichte einer Region und ihrer Menschen.
Doch während die Ladiner um die Sichtbarkeit ihrer Sprache kämpfen, entdecken plötzlich auch italienische Politiker ihre Begeisterung für den Minderheitenschutz. Allen voran Alessandro Urzì und Michaela Biancofiore.
Am Sonntag verspottet, am Freitag gefeiert
Man muss sich die zeitliche Abfolge auf der Zunge zergehen lassen: Am 25. Oktober marschieren die Südtiroler Schützen anlässlich des österreichischen Nationalfeiertages auf dem Bozner Waltherplatz auf. Sie hissen die österreichische Fahne und bringen damit ihre historische Verbundenheit mit Österreich zum Ausdruck.
Für Alessandro Urzì ein Grund zur Empörung. Der Abgeordnete der Fratelli d’Italia zieht sogar einen Vergleich mit der nationalsozialistischen Anschlussideologie. Die Schützen bezeichnet er sinngemäß als eine kleine Gruppe Verzweifelter in Tracht, die Armeen nachahme.
Fünf Tage später klingt das plötzlich ganz anders. Am 30. Oktober erklärt derselbe Urzì öffentlich seine Unterstützung für den Protest der ladinischen Schützen um Major Emanuel Delmonego. Deren Haltung sei mutig, ihre Argumente nachvollziehbar. Er mache sich ihren Appell ausdrücklich zu eigen.
Warum verteidigt Urzì also plötzlich die ladinischen Schützen, nachdem er das Schützenwesen wenige Tage vorher vehement kritisiert hat?
Was Tolomei mit „Plan de Corones“ zu tun hat
Hier wird die Geschichte besonders interessant. Denn während über den Wegfall eines ladinisch verwurzelten Namens aus dem Logo gestritten wird, bleibt ein entscheidender Umstand weitgehend unerwähnt: „Plan de Corones“ wurde auch durch Ettore Tolomeis Italianisierungspolitik als italienische Ortsbezeichnung festgeschrieben.
Dabei ist eines ausdrücklich klarzustellen: Tolomei hat den Namen nicht erfunden. Seine Wurzeln liegen im Ladinischen. Das Stadtarchiv Bruneck dokumentiert bereits für das Jahr 1780 die Bezeichnung „Plan de corones oder Schlichte“. Auch Kronplatz ist ein historisch gewachsener Name und seit 1831 belegt.
Doch die Geschichte endet nicht im 18. Jahrhundert. Mit der Annexion Südtirols und der anschließenden Italianisierung unter dem Faschismus erhielten die Ortsnamen eine völlig neue politische Bedeutung.
Und ausgerechnet hier gibt es einen bemerkenswerten Originalbeleg: In Ettore Tolomeis berüchtigtem Prontuario dei nomi locali dell’Alto Adige findet sich ausdrücklich die Zuordnung „Kronplatz – Plan de Corones“. Selbst das Kronplatzhaus wurde darin als „Rifugio Plan de Corones“ geführt.
Noch aufschlussreicher ist Tolomeis eigene Erläuterung. Er nennt „Plan de corones“ ausdrücklich als Beispiel einer ladinischen Bezeichnung, die er für die italienische Namensgebung erhalten wollte. Dabei stellte er die Verwendung ladinischer Sprachformen unter den Vorbehalt der italienischen nationalen Einheit. Die ladinischen Täler betrachtete er als Teil des italienischen Sprachraums.
Das bedeutet: Der Name wurde von Tolomei nicht geschaffen, aber bewusst für jenes System der italienischen Ortsnamengebung übernommen, mit dem die faschistische Staatsmacht Südtirol sprachlich italienisieren wollte.
Mit dem neuen Kronplatz-Logo verschwindet somit nicht nur eine ladinisch verwurzelte Bezeichnung aus der Tourismusmarke, sondern zugleich ein Name, den Tolomei ausdrücklich in die italienische Toponomastik aufgenommen hatte.
Urzì betont selbst, dass die ursprünglich ladinische Bezeichnung auch in der italienischen Sprachtradition verankert sei. Das stimmt. Doch weshalb verliert er kein Wort darüber, welche Rolle ausgerechnet Tolomei bei ihrer staatlichen Festschreibung spielte?
Ob diese historische Verbindung den politischen Aufschrei mitverursacht, lässt sich nicht beweisen. Fest steht allerdings, dass die Streichung von „Plan de Corones“ auch die Sichtbarkeit einer unter dem Faschismus offiziell etablierten italienischen Namensform trifft.
Und bei Gröden? Plötzlich ganz still!
Wer sich so leidenschaftlich für die Sichtbarkeit historischer Ortsnamen einsetzt, sollte eigentlich überall dieselben Maßstäbe anlegen.
Ein Blick nach Gröden genügt. Das ladinische Tal wird international unter Marken wie „Val Gardena Dolomites“ bzw. „Dolomites Val Gardena“ vermarktet. Der deutsche Name Gröden und das ladinische Gherdëina sind zwar weiterhin präsent, im internationalen Markenauftritt dominiert jedoch die italienische Bezeichnung.
Dasselbe bei St. Vigil in Enneberg. Dort wirbt die Tourismusorganisation mit „San Vigilio Dolomites“. Der ladinische Ortsname „Al Plan“ beziehungsweise „Al Plan de Mareo“ kommt in dieser Marke überhaupt nicht vor. Ausgerechnet im ladinischen Siedlungsgebiet hat man sich also ebenfalls für einen italienisch-englischen Markenauftritt entschieden.
Und dann wäre da noch die Sonnenburg bei St. Lorenzen. Das geschichtsträchtige Schloss wird inzwischen als Luxushotel unter dem Namen „Castel Badia“ vermarktet. Diese italienische Bezeichnung findet sich ebenfalls in Tolomeis faschistischem Ortsnamenverzeichnis. UT24 berichtete bereits im Dezember 2025 ausführlich über die historisch belastete Namensgebung und die Kritik daran. Und weil wir grad dabei sind – was ist mit dem Karerpass, der seit einigen Jahren nur mehr als Carezza vermarktet wird?
Warum also die große Empörung am Kronplatz? Weshalb wird der Verzicht auf eine ladinisch-italienische Bezeichnung zum Politikum, während der Vorrang italienischer Namen im Tourismusmarketing offenbar keine vergleichbar deutlichen Reaktionen von Urzì und Biancofiore hervorruft?
Biancofiore wittert sogar eine Germanisierung
Inzwischen hat auch Senatorin Michaela Biancofiore das Thema für sich entdeckt. Sie verlangt die Rückkehr von „Plan de Corones“ in das Logo und beklagt ein schlechtes politisches und kulturelles Signal.
Noch bemerkenswerter ist ihre Interpretation der Entscheidung: Biancofiore erkennt darin eine Tendenz zur Germanisierung.
Ausgerechnet Germanisierung! Dabei wurde der Kronplatz keineswegs amtlich umbenannt. Und das Ladinische bleibt in „Dolomites“ weiterhin gut sichtbar. Für die deutschen Bezeichnungen von „San Vigilio“, „Castel Badia“ und „Carezza“ gilt das nach wie vor nicht – was Biancofiore und Urzì wohl mit einem Achselzucken quittieren dürften. Die gewachsene und vor Ort bisher verwendete Bezeichnung ist ihnen wohl zu „germanisch“.






