Länger leben, gesünder bleiben: Was unser biologisches Alter beeinflusst

Das Geburtsdatum allein sagt wenig darüber aus, wie gesund ein Mensch ist. Zwei Gleichaltrige können körperlich und funktionell sehr unterschiedlich dastehen. Entscheidend ist neben dem chronologischen auch das biologische Alter: Es beschreibt, wie stark Körper, Organe und Zellen tatsächlich gealtert sind.
Darauf macht der Südtiroler Sanitätsbetrieb anlässlich der Woche des Stressbewusstseins aufmerksam. Francesca Lubian, Primaria der Geriatrie am Krankenhaus Bozen, erklärt, dass das biologische Alter von genetischen Voraussetzungen, Lebensstil, Umwelt und Krankheiten beeinflusst wird. Eine beschleunigte biologische Alterung – auch „Age Acceleration“ genannt – bedeutet vereinfacht, dass der Körper schneller altert, als es das Geburtsdatum erwarten ließe.
Rauchen und Stress belasten den Körper
Zu den beeinflussbaren Faktoren zählt Lubian vor allem das Rauchen. Es verursache oxidative Schäden und stehe auch mit Veränderungen der DNA in Zusammenhang. „Wer länger und gesund leben möchte, sollte nicht rauchen“, sagt die Primaria.
Auch eine übermäßige Ansammlung von Fett im Bauchraum, ein erhöhter Blutzuckerspiegel, Bewegungsmangel und Mangelernährung können den Körper belasten. Sie fördern unter anderem Entzündungsprozesse und den Verlust von Muskelmasse. Hinzu kommen Umweltverschmutzung, übermäßiger Alkoholkonsum, chronischer Stress, Einsamkeit und schlechter Schlaf.
Soziale Kontakte seien ebenfalls wichtig für die Lebensqualität im Alter. „Am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und Beziehungen zu pflegen, ist wichtig für die Lebensqualität und die Qualität des Alterns“, betont Lubian. Chronischer Stress und Schlafmangel könnten Entzündungsprozesse aktivieren, die dem Körper auf Dauer zusetzen.
Wenn gealterte Zellen zum Problem werden
Eine Rolle spielen auch sogenannte seneszente Zellen. Sie teilen sich nicht mehr, bleiben aber stoffwechselaktiv. Im Laufe des Lebens können sie bei der Gewebereparatur helfen und zur Unterdrückung von Tumoren beitragen. Mit zunehmendem Alter gelingt es dem Immunsystem jedoch weniger gut, sie zu beseitigen. Dadurch können sie sich ansammeln.
Werden es zu viele, können diese Zellen laut Lubian zu DNA-Schäden und oxidativem Stress beitragen. Außerdem können sie das sogenannte „Inflammaging“ fördern – eine chronische Entzündung niedriger Intensität, die häufig ohne erkennbare Symptome verläuft. Bleibt eine Entzündung dauerhaft bestehen, kann sie Gewebe schädigen, Fibrose begünstigen und die Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
Entzündungshemmer oder Kortison sollten deshalb nicht ohne medizinische Indikation allein zur allgemeinen Verringerung von Entzündungen eingenommen werden. „Das ist nicht sinnvoll und kann dem Organismus schaden“, warnt die Fachärztin. Sie empfiehlt stattdessen Ausdauerbewegung und Krafttraining, eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse und Ballaststoffen, Rauchverzicht und gute Schlafgewohnheiten.
Darm und Gehirn stehen in Verbindung
Auch das Mikrobiom – die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm – ist für die Gesundheit von Bedeutung. Eine vielfältige Zusammensetzung scheint die Darmbarriere zu unterstützen und Entzündungen zu regulieren. Bei Menschen, die hundert Jahre oder älter werden, werde häufig ein besonders vielfältiges Mikrobiom beobachtet, sagt Lubian.
Die Verbindung zwischen Darm und Gehirn wirke in beide Richtungen: Das Gehirn beeinflusse den Darm, und der Darm wirke auf das Gehirn zurück. Bei gebrechlichen älteren Menschen finde sich nach Angaben der Primaria oft eine geringere Vielfalt des Mikrobioms. Eine ballaststoffreiche Ernährung sei daher nicht nur für die Verdauung wichtig, sondern auch Teil einer umfassenden Vorbeugung.
Verjüngung aus dem Labor ist noch keine Therapie
Die Langlebigkeitsforschung untersucht unter anderem, wie sich die Aktivität von Genen verändert, ohne dass sich die DNA-Sequenz selbst ändert. Ein weiteres Forschungsfeld ist die Autophagie: die Fähigkeit der Zellen, beschädigte Bestandteile abzubauen und wiederzuverwerten.
Besonders viel Aufmerksamkeit gilt der epigenetischen Reprogrammierung. Im Labor könne eine Zelle verjüngt werden. Eine vollständige Reprogrammierung birgt laut Lubian allerdings das Risiko, dass die Zelle ihre besonderen Eigenschaften verliert und Tumorprozesse aktiviert werden. Deshalb konzentriert sich die Forschung auf eine teilweise Reprogrammierung, die Zellen verjüngen soll, ohne ihre Funktion aufzugeben.
Eine Methode, mit der Menschen verjüngt werden können, gibt es derzeit nicht. Mögliche klinische Anwendungen lägen laut Lubian eher darin, gezielt auf bestimmte Gewebe oder Erkrankungen einzuwirken. „Eine vollständige zelluläre Reprogrammierung des Menschen sehe ich nicht unmittelbar bevorstehen. Ich sehe darin vielmehr einen möglichen zukünftigen Ansatz zur Bekämpfung bestimmter Erkrankungen.“
Bewegung bleibt eine der wichtigsten Maßnahmen
Bei allen Fortschritten der Forschung bleibt eine bewährte Maßnahme zentral: körperliche Aktivität. Sie kann Entzündungen entgegenwirken, Muskelmasse erhalten und die Selbstständigkeit fördern. Dafür brauche es keine außergewöhnlichen Anstrengungen, sagt Lubian. Schon Treppensteigen statt Aufzugfahren und mehr Bewegung im Alltag könnten helfen. Ausdauer- und Krafttraining ließen sich ergänzen.
„Wenn ich einen einzigen Faktor nennen müsste, der zu einem langen und gesunden Leben beiträgt, wäre es körperliche Aktivität“, sagt die Primaria. Gesund zu altern bedeute, möglichst lange aktiv und selbstständig zu bleiben – und nicht allein, dem Leben möglichst viele Jahre hinzuzufügen.
Prävention beginne zudem bereits vor der Geburt. Die Ernährung der Mutter, weniger Stress, ausreichend Schlaf und Bewegung während der Schwangerschaft könnten günstige Voraussetzungen für das ungeborene Kind schaffen.






