Warum die Muttersprache unser wichtigstes sprachliches Fundament ist

Sprache ist mehr als ein Werkzeug zur Verständigung. Sie ist Teil unserer Identität, unserer Geschichte und unserer Kultur. In ihr lernen wir als Kinder die Welt kennen, in ihr erzählen uns Eltern und Großeltern Geschichten, und durch sie werden Erfahrungen und Traditionen von einer Generation an die nächste weitergegeben.
Am heutigen 30. September, dem Internationalen Übersetzertag, lohnt sich deshalb nicht nur ein Blick auf Übersetzer und Dolmetscher. Der Tag bietet auch Anlass, über eine grundsätzliche Frage nachzudenken: Welche Bedeutung hat eigentlich unsere eigene Sprache?
Die erste Sprache prägt uns
Die Muttersprache ist in den meisten Fällen die erste Sprache, die ein Kind hört und versteht. Mit ihr lernt es nicht nur Wörter, sondern auch Begriffe, Redewendungen, Humor und kulturelle Zusammenhänge.
In der Sprache steckt deshalb ein Stück Heimat.
Gerade in Südtirol wird das besonders deutlich. Deutsch, Italienisch und Ladinisch prägen das Land auf unterschiedliche Weise. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Dialekte, die von Ort zu Ort verschieden klingen und oftmals eine ganz eigene Geschichte erzählen. Wer beispielsweise einen Südtiroler Dialekt versteht, versteht nicht automatisch nur andere Wörter. Er bekommt Zugang zu einer besonderen Form regionaler Kultur.
Erst das Fundament, dann die weiteren Sprachen
Mehrsprachigkeit ist zweifellos eine große Fähigkeit. Fremdsprachen eröffnen neue Möglichkeiten, erleichtern Reisen und berufliche Kontakte und ermöglichen den direkten Austausch mit Menschen aus anderen Ländern.
Doch Mehrsprachigkeit und eine starke Muttersprache sind kein Gegensatz. Im Gegenteil: Wer seine Muttersprache sicher beherrscht, verfügt über ein sprachliches Fundament, auf dem weitere Sprachen aufgebaut werden können. Ein Kind sollte deshalb zunächst die Möglichkeit haben, seine erste Sprache wirklich zu verstehen und sicher zu verwenden – bevor immer neue sprachliche Anforderungen hinzukommen.
Denn wer nur über einen begrenzten Wortschatz verfügt, Schwierigkeiten mit Grammatik und Satzbau hat oder sich in der eigenen Sprache nicht sicher ausdrücken kann, wird dadurch nicht automatisch zum besseren Fremdsprachler. Eine weitere Sprache sollte die eigene Sprache ergänzen – nicht ersetzen.
Was verloren gehen kann
Sprachliche Vielfalt ist etwas Wertvolles. Gleichzeitig kann eine Sprache mit der Zeit an Bedeutung verlieren, wenn sie im Alltag immer weniger verwendet und an die nächste Generation nicht mehr selbstverständlich weitergegeben wird.
Das betrifft nicht nur große Nationalsprachen. Auch Dialekte und regionale Sprachformen können innerhalb weniger Generationen zurückgehen. Damit verschwindet nicht lediglich eine bestimmte Aussprache. Mit einer Sprache können auch Geschichten, Redewendungen, Begriffe und Erinnerungen verloren gehen, die sich nicht ohne Weiteres in eine andere Sprache übertragen lassen.
Eine Gesellschaft kann deshalb mehrere Sprachen pflegen und trotzdem darauf achten, dass die eigene Sprache einen festen Platz behält.
Übersetzen verbindet – die Muttersprache verwurzelt
Genau hier treffen sich die beiden Seiten des heutigen Gedenktages. Übersetzer bauen Brücken zwischen Sprachen. Die Muttersprache gibt Menschen gleichzeitig einen sprachlichen Ort, an dem sie verwurzelt sind. Beides ist wichtig.
Wer mehrere Sprachen beherrscht, kann über die eigene Sprach- und Landesgrenze hinausblicken. Wer seine Muttersprache pflegt, bewahrt zugleich einen Teil seiner kulturellen Identität. Das eine muss das andere nicht ausschließen.
Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit: offen für andere Sprachen und Kulturen zu sein, ohne dabei die eigene sprachliche Heimat geringzuschätzen. Denn wer seine eigene Sprache kennt und schätzt, muss sich vor anderen Sprachen nicht fürchten. Er kann ihnen mit Interesse begegnen, sie lernen und verwenden – und trotzdem wissen, wo die eigenen sprachlichen Wurzeln liegen.
Am Internationalen Übersetzertag geht es deshalb nicht nur darum, wie wir einander in anderen Sprachen verstehen. Es geht auch darum, die Sprache zu bewahren, in der wir selbst gelernt haben, die Welt zu verstehen.






