Tourismus am Limit? Neue Ausstellung in Bruneck eröffnet

Der Heimatpflegeverband Südtirol zeigt die vom Architekturzentrum Wien konzipierte Ausstellung gemeinsam mit Partnerorganisationen in der Alten Turnhalle und im NOBIS. Tourismus wird dabei als globales Phänomen betrachtet. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie eine Entwicklung möglich ist, die jene Grundlagen bewahrt, von denen der Tourismus selbst lebt.
Claudia Plaikner, Obfrau des Heimatpflegeverbandes Südtirol, griff bei der Eröffnung das Motiv des schmelzenden Eises auf, das die Ausstellung begleitet. Irgendwann führe eine weitere Kugel nicht mehr zu mehr Genuss, sondern dazu, dass das Eis über den Rand laufe. Ähnlich stelle sich die Frage nach dem richtigen Maß auch beim Tourismus.
Tourismus schaffe Einkommen, Arbeitsplätze und Begegnungen. Gleichzeitig gerieten Wohnraum, öffentliche Räume, Natur und Infrastruktur zunehmend unter Druck. „Ein Ort ist kein Produkt“, betonte Plaikner. Es gehe daher nicht allein darum, wie viele Menschen ein Ort noch aufnehmen könne. Entscheidend sei vielmehr, wie Tourismus gestaltet werde, damit ein Ort auch künftig für Gäste und Einheimische lebenswert bleibe.
Ihr Ziel formulierte Plaikner mit den Worten: „Werte schaffen, ohne Lebensqualität zu verbrauchen.“
Auch die Branche diskutiert Grenzen
Dass die Frage nach den Grenzen des Wachstums auch innerhalb der Tourismuswirtschaft angekommen ist, machte Judith Rainer, Landesvizepräsidentin des HGV, deutlich. Auch in der Branche würden die Grenzen des touristischen Wachstums wahrgenommen und kritisch diskutiert.
Rainer begrüßte, dass die Ausstellung und das begleitende Programm unterschiedliche Positionen zusammenbringen. „Wir müssen miteinander über Tourismus reden, wenn wir dann vom Reden ins Handeln kommen wollen“, erklärte sie. Passend zum Bild des schmelzenden Eises fügte sie hinzu: „Die Zeit drängt, das Eis schmilzt.“
Hannes Kronbichler vom Tourismusverein Bruneck unterstrich ebenfalls die Bedeutung der Auseinandersetzung. Er verwies auf die Bemühungen des Tourismusvereins und der Gemeinde Bruneck, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen und die touristische Entwicklung verantwortungsvoll mitzugestalten.
Vom Erfolgsmodell zu den Grenzen
Der Historiker Hans Heiss, auf dessen Initiative die Ausstellung nach Südtirol gebracht wurde, erinnerte bei der Eröffnung an die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus. Dieser habe Südtirol mehrfach aus schwierigen Situationen geholfen – während der Agrarkrise Ende des 19. Jahrhunderts, in der Phase starker Abwanderung nach 1950 und in den 1970er-Jahren.
Gerade der touristische Aufschwung der 1970er-Jahre habe wesentlich zur Entstehung einer breiten Mittelschicht beigetragen. Gleichzeitig müsse die heutige starke Wachstumsdynamik kritisch hinterfragt werden.
Heiss fasste die aktuellen Herausforderungen unter drei Begriffen zusammen: Raum, Ressourcen und Risiken. Künftig müsse auch über Reduktion, Rückbau und ein mögliches Schrumpfen nachgedacht werden. Südtirol brauche deshalb einen breiten gesellschaftlichen Dialog darüber, welche touristische Entwicklung dem Land langfristig guttut.
Katharina Ritter, Kuratorin am Architekturzentrum Wien, stellte anschließend die Ausstellung mit ihren acht Themenfeldern vor. Internationale Beispiele zeigen darin die unterschiedlichen Auswirkungen des Tourismus, aber auch Alternativen und neue Lösungsansätze.
Nach einem gemeinsamen Rundgang durch die beiden Ausstellungsorte wurde die Eröffnung im NOBIS bei einem Umtrunk mit Südtiroler Spezialitäten und Musik von Titlà abgeschlossen.
Harald Pechlaner eröffnet Veranstaltungsreihe
Bereits am Donnerstag, 10. September, um 18 Uhr im NOBIS startet das Rahmenprogramm. Den Auftakt bildet der renommierte Tourismusforscher Harald Pechlaner.
Er eröffnet die siebenteilige Reihe „Über Tourismus reden“ mit dem Thema „Die Gesellschaft auf Reisen – eine Reise in die Gesellschaft“. Im Zentrum steht dabei die Frage: „Ist der Tourismus noch zukunftsfähig?“
Pechlaner beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen, die den Tourismus antreiben, seinen Grenzen und den Veränderungen, die notwendig sein könnten, damit er zukunftsfähig bleibt. Im Anschluss ist eine Diskussion vorgesehen. Organisiert wird die Reihe vom Heimatpflegeverband Südtirol gemeinsam mit POLItiS.
Führungen und Programm für Schulklassen
Auch für Mittel- und Oberschulklassen gibt es ein eigenes 90-minütiges Vermittlungsprogramm. Gruppenführungen können auf Anfrage gebucht werden. Anfragen sind unter tourismus@hpv.bz.it möglich.
Ab 16. September findet zudem wöchentlich eine öffentliche Führung statt. Der Kostenbeitrag beträgt 3 Euro pro Person. Treffpunkt ist bei der Alten Turnhalle.






