von Alexander Wurzer 01.08.2026 13:04 Uhr

Barcelona zieht die Notbremse – auch Südtirol hat die Grenze des Erträglichen erreicht

Barcelona will „nicht einen Touristen mehr“. Eine der meistbesuchten Städte Europas erklärt damit das jahrzehntelange Streben nach immer neuen Gästerekorden für beendet. Die Zahl der Besucher soll nicht weiter wachsen, zusätzliche touristische Kapazitäten sind nicht mehr erwünscht.

Menschenmassen an der Mittelstation Furnes, die auf die Seceda wollten (Foto: Elide Mussner)

Was auf den ersten Blick wie eine radikale Kampfansage klingt, ist bei genauerem Hinsehen eine überfällige politische Erkenntnis: Eine Stadt ist kein Freizeitpark und ein Land keine beliebig erweiterbare Urlaubskulisse. Irgendwann ist jene Grenze erreicht, an der zusätzlicher Tourismus nicht mehr nur Wohlstand schafft, sondern die Lebensqualität der eigenen Bevölkerung beeinträchtigt. Diese Diskussion muss endlich auch in Südtirol geführt werden.

Barcelona sagt offen: Es reicht

Rund 16 Millionen Touristen empfing Barcelona im Jahr 2025. Nun soll Schluss sein mit dem unbegrenzten Wachstum. Der neue Beauftragte für nachhaltigen Tourismus, José Antonio Donaire, bringt den Kurswechsel unmissverständlich auf den Punkt: Barcelona habe die maximale Zahl an Touristen erreicht, die es bewältigen könne. Künftig gehe es nicht mehr darum, immer mehr Gäste anzulocken, sondern die vorhandenen Besucherströme besser zu steuern.

Die Ankündigung bleibt nicht bei schönen Worten. Die Zahl der Kreuzfahrtterminals soll von sieben auf fünf sinken. Dadurch wird auch die gleichzeitig mögliche Abfertigung von Kreuzfahrtpassagieren reduziert. Die Genehmigungen für mehr als 10.000 touristisch genutzte Wohnungen sollen nach ihrem Auslaufen im Jahr 2028 nicht mehr erneuert werden Damit verliert die besonders lukrative tageweise Vermietung an Urlauber ihre rechtliche Grundlage.

Barcelona greift damit dort ein, wo die Folgen des Massentourismus für die Einwohner besonders spürbar werden: beim Wohnraum, im öffentlichen Verkehr, in den überfüllten Stadtvierteln und bei der Frage, wem die Stadt eigentlich noch gehört.

Nicht den Reiseplattformen, nicht den Kreuzfahrtkonzernen und nicht den internationalen Hotelketten, sondern zuerst den Menschen, die dort leben.

Und Südtirol feiert den nächsten Rekord

In Südtirol ist man von einer derartigen Erkenntnis weit entfernt. Hier wird nahezu jeder neue Höchststand weiterhin als Erfolgsmeldung verkauft.

2025 verzeichnete Südtirol 9,1 Millionen Gästeankünfte und 38,2 Millionen Übernachtungen. Gegenüber dem Vorjahr stiegen die Ankünfte um 3,9 Prozent und die Übernachtungen um 3,1 Prozent. Im August wurde erstmals die Marke von sechs Millionen Übernachtungen überschritten.

Mehr Gäste, mehr Übernachtungen, mehr Umsatz: So lautet seit Jahren die politische Erzählung. Doch was in den Hochglanzbroschüren als Erfolg erscheint, erleben viele Einheimische längst als Belastung.

Die Straßen sind zu den Hauptreisezeiten überfüllt. Auf den Pässen, an den Seen und bei bekannten Ausflugszielen herrscht teilweise ein Andrang, der mit Naturerlebnis kaum noch etwas zu tun hat. Busse und Züge werden voller, Dörfer verwandeln sich zeitweise in Durchgangszonen und Wohnraum wird dort, wo mit Urlaubern mehr zu verdienen ist, der einheimischen Bevölkerung entzogen.

Natürlich ist nicht jeder Stau allein auf den Tourismus zurückzuführen. Auch nicht jede teure Wohnung und jeder volle Zug. Doch ebenso unehrlich wäre es, so zu tun, als hätten jährlich Millionen Gäste keinen Einfluss auf ein Land mit gerade einmal rund 542.000 Einwohnern.

Eine Zahl, die alles sagt

Wie weit Südtirol inzwischen gegangen ist, zeigt ein Vergleich mit Barcelona.

Die Stadt Barcelona verzeichnete 2025 rund 37,8 Millionen touristische Übernachtungen. Südtirol kam auf 38,2 Millionen. Die Gesamtzahl ist also nahezu identisch.

Doch Barcelona hat rund 1,7 Millionen Einwohner, Südtirol lediglich 542.134. Damit entfallen in Barcelona rechnerisch etwa 22 touristische Übernachtungen auf jeden Einwohner. In Südtirol sind es mehr als 70.

Gemessen an der Einwohnerzahl ist die Übernachtungsintensität in Südtirol somit mehr als dreimal so hoch wie in Barcelona.

Natürlich lassen sich eine dicht besiedelte Millionenstadt und ein alpines Land nicht in jedem Detail gleichsetzen. Barcelona trägt zusätzlich die Last von Kreuzfahrtpassagieren und internationalen Tagesgästen. Doch auch Südtirol kennt Millionen Tagesausflügler, Durchreisende und Besucher, die in den Übernachtungszahlen überhaupt nicht auftauchen.

Der Unterschied ist deshalb zu groß, um ihn mit statistischen Spitzfindigkeiten wegzuerklären.

Barcelona zieht bei rund 22 Übernachtungen pro Einwohner die Notbremse. Südtirol liegt bei mehr als 70 – und diskutiert noch immer darüber, wie die nächste Steigerung bewältigt werden kann.

Tourismus darf nicht zum Selbstzweck werden

Südtirol lebt vom Tourismus. Tausende Familien beziehen daraus ihr Einkommen. Gastbetriebe, Bergbahnen, Geschäfte, Handwerker, Bauern und zahlreiche Dienstleister sind unmittelbar oder mittelbar davon abhängig.

Gerade deshalb muss der Tourismus langfristig geschützt werden. Denn ein System, das nur durch ständiges Wachstum funktioniert, zerstört irgendwann seine eigenen Grundlagen.

Die Schönheit der Landschaft, die Ruhe der Dörfer, die gepflegte Kulturlandschaft, die Sicherheit, die Sauberkeit und die besondere Lebensart Südtirols sind keine unerschöpflichen Rohstoffe. Sie sind der eigentliche Grund, warum die Gäste kommen. Werden sie durch Überfüllung, Verkehrschaos und immer neue Verbauung beschädigt, verliert am Ende auch der Tourismus selbst.

Es geht daher nicht darum, Gäste zu vertreiben oder den Fremdenverkehr abzuschaffen. Es geht darum, sich vom Irrglauben zu verabschieden, dass mehr automatisch besser sei.

Ein voller Betrieb kann wirtschaftlich sinnvoll sein. Ein voller Pass, ein überfüllter Bus, ein unbezahlbares Dorf und ein Ausflugsziel, an dem sich Menschenmassen gegenseitig auf die Füße treten, sind es nicht.

Keine neuen Betten durch die Hintertür

Südtirol braucht eine tatsächliche Wachstumsgrenze. Keine Bettenobergrenze, die durch Ausnahmen, Sonderregelungen, Übertragungen und politische Hintertüren immer wieder aufgeweicht wird. Es darf nicht gleichzeitig von Nachhaltigkeit gesprochen und an allen Ecken weiter ausgebaut werden.

Auch touristisch genutzter Wohnraum muss strenger behandelt werden. Wohnungen sind in erster Linie zum Wohnen da – besonders in einem Land, in dem junge Einheimische kaum noch Eigentum erwerben und Familien immer größere Teile ihres Einkommens für die Miete aufbringen müssen.

Die Einnahmen aus dem Tourismus müssen zudem stärker dort eingesetzt werden, wo die Belastungen entstehen: im öffentlichen Verkehr, bei der Verkehrslenkung, beim Schutz der Natur, bei der Reinigung und bei der Infrastruktur für die einheimische Bevölkerung.

Vor allem aber braucht es einen politischen Maßstabwechsel. Der Erfolg eines Tourismusjahres darf nicht länger allein daran gemessen werden, ob die Zahl der Übernachtungen wieder gestiegen ist. Entscheidend muss sein, ob die Bevölkerung noch gut im eigenen Land leben kann.

Genug ist genug

Barcelona hat erkannt, dass die Interessen der Einwohner nicht dauerhaft dem touristischen Wachstum untergeordnet werden dürfen. Die Stadt sagt nicht, dass Touristen unerwünscht seien. Sie sagt lediglich, dass das Maß voll ist.

Diese Ehrlichkeit fehlt in Südtirol. 38,2 Millionen Übernachtungen bei rund 542.000 Einwohnern sind kein gewöhnlicher Fremdenverkehr mehr. Sie sind eine Belastung, die sich auf Straßen, Wohnraum, Landschaft, Infrastruktur und Alltag auswirkt.

Südtirol muss nicht auf den vollständigen Kollaps warten, bevor es handelt. Die Warnzeichen sind längst sichtbar. Die Grenze des Erträglichen ist erreicht.

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