von Alexander Wurzer 01.08.2026 14:34 Uhr

Für wen baut Südtirol eigentlich?

34 neue Sozialwohnungen, ein modernes Gebäude, hohe Umweltstandards und eine feierliche Schlüsselübergabe: Mitte Mai präsentierten das Wohnbauinstitut und die Stadtgemeinde Bruneck den neuen Wohnkomplex in der Albin-Egger-Lienz-Straße als konkrete Antwort auf den steigenden Wohnbedarf. Nun zeigen erstmals veröffentlichte Zahlen, wer in den mit öffentlichen Mitteln errichteten Wohnungen tatsächlich untergekommen ist. Und diese Zahlen dürften für Diskussionen sorgen.

Vertreter des WOBI und der Gemeindeverwaltung sowie die Präsidentin Francesca Tosolini bei der Eröffnung des neuen Wohnkomplexes (Foto: Stadtgemeinde Bruneck)

19 von 30 Mietern außerhalb der EU geboren

Von den insgesamt 34 neuen Sozialwohnungen sind laut einer am 24. Juli beantworteten Landtagsanfrage derzeit 33 vermietet beziehungsweise vergeben. Eine weitere Wohnung befindet sich noch im Zuweisungsverfahren. Drei Wohnungen werden von der Bezirksgemeinschaft Pustertal für institutionelle Zwecke genutzt.

Damit verbleiben 30 reguläre Mietverhältnisse. Zehn der Mieter wurden in Italien geboren, einer in einem anderen Mitgliedsstaat der Europäischen Union und 19 außerhalb der EU.

Fast zwei Drittel der regulären Mietverhältnisse entfallen somit auf Personen, die außerhalb der Europäischen Union geboren wurden. Das ist keine Interpretation, sondern das Ergebnis der von der Landesregierung selbst veröffentlichten Zahlen.

Zugleich besitzen 28 der 30 Mieter inzwischen die italienische Staatsbürgerschaft. Zwei sind Staatsbürger eines Nicht-EU-Landes.

Der soziale Wohnbau fängt die Folgen der Zuwanderung auf

Dass die große Mehrheit mittlerweile über einen italienischen Pass verfügt, ändert nichts am Befund. Eine Einbürgerung verändert die Staatsbürgerschaft, nicht aber den Geburtsort und auch nicht die Tatsache, dass der soziale Wohnbau inzwischen in erheblichem Maße die Folgen jahrzehntelanger Zuwanderung auffängt.

Auch bei den Brunecker Mietern handelt es sich größtenteils nicht um erst kürzlich Zugewanderte. 22 leben bereits seit mehr als 20 Jahren in Südtirol, sieben seit zehn bis 20 Jahren und lediglich einer seit weniger als zehn Jahren im Land.

Gerade diese Angaben zeigen, dass es sich nicht um eine kurzfristige Erscheinung handelt. Südtirols Bevölkerungsstruktur hat sich über Jahrzehnte grundlegend verändert. Diese Entwicklung wird nun auch bei der Vergabe neu errichteter Sozialwohnungen sichtbar.

Die Frage lautet deshalb nicht, ob die einzelnen Antragsteller die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Vergabesystem, das zu einem solchen Ergebnis führt, noch ausreichend den Interessen der einheimischen Bevölkerung dient.

Einheimische kämpfen um leistbaren Wohnraum

Während das Land neue Sozialwohnungen errichtet, können sich immer mehr hier geborene junge Südtiroler, Arbeitnehmer und Familien weder Eigentum noch eine Wohnung auf dem freien Mietmarkt leisten.

Die Immobilienpreise sind für Normalverdiener kaum noch zu bewältigen. Bezahlbare Mietwohnungen sind rar, junge Menschen bleiben länger bei ihren Eltern oder verlassen das Land. Familien müssen einen immer größeren Teil ihres Einkommens für das Wohnen aufbringen.

Diese Menschen arbeiten in Südtirol, zahlen hier ihre Steuern und tragen damit auch zur Finanzierung des öffentlichen Wohnbaus bei. Dennoch erleben sie, dass der Kampf um die knappen Sozialwohnungen immer härter wird.

Wenn bei einem vollständig neu errichteten Wohnkomplex fast zwei Drittel der regulären Mieter außerhalb der EU geboren wurden, darf die Politik deshalb nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Es muss erlaubt sein zu fragen, wer vom sozialen Wohnbau tatsächlich profitiert und ob die einheimische Bevölkerung bei der Vergabe ausreichend berücksichtigt wird.

Ein Einzelfall oder landesweite Entwicklung?

Die veröffentlichten Zahlen betreffen zunächst nur einen Wohnkomplex in Bruneck. Doch gerade deshalb muss das Land nun die entsprechenden Daten für ganz Südtirol offenlegen.

Ist das Ergebnis in Bruneck ein statistischer Ausreißer? Oder sieht die Verteilung bei anderen Neubauten und Neuzuweisungen ähnlich aus?

Ohne landesweite Zahlen lässt sich diese Frage nicht beantworten. Das darf jedoch keine Ausrede sein, sondern muss der Anlass für vollständige Transparenz werden.

Nur dann lässt sich beurteilen, ob der soziale Wohnbau noch jene Bevölkerungsschichten erreicht, für die er ursprünglich geschaffen wurde: einheimische Arbeitnehmer und Kleinunternehmer, Familien und Menschen, die sich aus eigener Kraft keine Wohnung mehr leisten können.

Bis diese Zahlen auf dem Tisch liegen, bleibt eine unbequeme Frage bestehen:

Für wen baut Südtirol eigentlich?

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