von Alexander Wurzer 21.07.2026 09:38 Uhr

Lieber Einzelkind als Fratelli d’Italia

Im Unterland reißt der Protest nicht ab. Fast täglich kommen neue Transparente hinzu. An Straßen, Brücken und Zäunen machen die Menschen ihrem Zorn Luft. Die Botschaften verbreiten sich über soziale Netzwerke, WhatsApp-Gruppen und Leserbriefe weit über die einzelnen Dörfer hinaus.

"Lieber Einzelkind als Fratelli d'Italia": Die Bewohner des Unterlandes drücken klar aus was sie von den Fratelli d'Italia halten (Foto: Privat)

Eines der jüngsten Plakate bringt die Stimmung mit bitterem Humor auf den Punkt: „Lieber Einzelkind als Fratelli d’Italia.“

Doch hinter dem Wortspiel steckt eine ernste Frage, die inzwischen ganz Südtirol betrifft: Wenn heute ohne Mitsprache der Bevölkerung mit dem Unterland geschachert wird – welcher Landesteil ist morgen an der Reihe?

Der Protest zwingt die SVP zum Rückwärtsgang

Die öffentliche Empörung zeigt bereits Wirkung. Nachdem die SVP zunächst den Eindruck vermittelt hatte, sich mit der geplanten Teilung weitgehend arrangiert zu haben, klingt sie nun plötzlich ganz anders.

Im Senat will die Partei jetzt versuchen, die Verkleinerung des Wahlkreises Bozen–Unterland doch noch zu verhindern. Sogar ein Nein zum gesamten Wahlgesetz steht im Raum. Zuvor war vor allem davon die Rede gewesen, für den Fall der Teilung wenigstens die Vertretung in der Abgeordnetenkammer abzusichern.

Was als Pragmatismus verkauft wurde, empfanden viele Unterlandler als politischen Kuhhandel: Die eigene Heimat wird zerschnitten, während die Volkspartei ihre Sitze rettet.

Erst der Aufstand der eigenen Basis, der Bürgermeister, Funktionäre und vor allem der Bevölkerung zwang die Parteiführung zum Rückwärtsgang. Ohne die immer neuen Transparente, den Druck in den sozialen Medien und den offenen Zorn aus den Gemeinden wäre diese Kehrtwende wohl kaum erfolgt.

  • Täglich werden neue Transparente im Unterland aufgehängt (Foto: Privat)
  • Täglich werden neue Transparente im Unterland aufgehängt (Foto: Privat)

Heute das Unterland – morgen das Wipptal?

Der Fall darf jedoch nicht allein auf die aktuelle Wahlkreisdebatte reduziert werden. Viel gefährlicher ist das Prinzip, das damit geschaffen wird.

Wenn historisch gewachsene Räume ohne Befragung der Betroffenen nach parteipolitischer Zweckmäßigkeit neu zugeschnitten werden können, wo endet diese Logik?

Heute wird das Unterland zum Gegenstand römischer Wahlarithmetik. Morgen könnte jemand auf die Idee kommen, das Wipptal anders zuzuordnen. Übermorgen vielleicht den Vinschgau, das Pustertal oder das Burggrafenamt.

Solche Pläne sind derzeit nicht bekannt. Doch gerade das Vorgehen im Unterland zeigt, wie schnell eine Grenzverschiebung auf den Tisch kommen kann – ohne öffentliche Diskussion und ohne dass die betroffenen Menschen zuvor gefragt werden. Wer Gemeinden nur noch als Stimmenpakete betrachtet, macht ganz Südtirol zur politischen Verschiebemasse.

FdI handelt – die SVP schaut zu

Fratelli d’Italia zeigt dabei einmal mehr, was die Partei unter Südtirolpolitik versteht: nationale und parteipolitische Interessen stehen über gewachsenen Zusammenhängen und über der Sensibilität eines Minderheitengebietes.

Überraschen kann das niemanden. Alessandro Urzì und seine Partei haben ihre Haltung nie verborgen. Umso schwerer wiegt die Verantwortung der SVP. Sie hat Fratelli d’Italia zum Regierungspartner gemacht, der Partei Ämter, Einfluss und politische Legitimität verschafft. Nun muss sie erleben, wie der Partner in Rom seine eigene Agenda verfolgt.

Dass die Volkspartei erst dann entschlossenen Widerstand ankündigt, als ihr im Unterland die eigene Basis davonläuft, ist kein Zeichen politischer Stärke. Es ist Schadensbegrenzung unter massivem Druck.

Aus dem Unterland kann ein Flächenbrand werden

Die Stimmen in der Bevölkerung zeigen: Der Protest ist nicht abgeklungen. Er wächst. „Lieber Einzelkind als Fratelli d’Italia“ ist deshalb mehr als ein bissiger Spruch. Es ist eine Absage an die italienisch-nationalistische Politik der Fratelli – und zugleich eine Warnung an die SVP, die sich mit dieser Partei ins politische Bett gelegt hat.

Die Transparente machen den Unmut der Bevölkerung greifbar, doch man darf die Stimmung nicht nur auf die Plakate reduzieren. Der Zorn der Bevölkerung ist überall zu spüren, manchmal vielleicht nicht so sichtbar, doch es brodelt. Selten war das Unterland so geeint und der Tenor eindeutig: „Es reicht!“

Noch richtet sich der Widerstand vor allem gegen die Zerschneidung des Unterlandes. Doch sollte sich der Eindruck festsetzen, dass in Rom beliebig über Südtirols Landesteile verfügt werden kann, könnte aus diesem Protest ein Flächenbrand werden.

Denn heute lautet die Frage: Was geschieht mit dem Unterland? Morgen könnte sie lauten: Wer ist als Nächstes dran?

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