Schütteltrauma: Auch in Südtirol gibt es Fälle

In Südtirol werden pro Jahr etwa ein bis zwei Neugeborene wegen Schütteltrauma (Shaken Baby Syndrome) behandelt. „Dabei handelt es sich jedoch nur um die Spitze des Eisbergs“, erklären die Mitglieder der Arbeitsgruppe ProChild im Südtiroler Sanitätsbetrieb.
Das Shaken Baby Syndrome ist eine schwere Form der Kindesmisshandlung, sagt Dr.in Micol Cont, Primaria der Abteilung Pädiatrie am Krankenhaus Sterzing. „Es entsteht, wenn Säuglinge oder Kleinkinder geschüttelt werden. In diesem Entwicklungsstadium sind die Nackenmuskeln noch zu schwach, um den Kopf ausreichend zu stabilisieren, und das Gehirn bewegt sich bei Erschütterungen im Schädel hin und her. Dies kann zu Blutungen, Schwellungen und irreversiblen Hirnverletzungen führen.“
Informationsstand am 23. April
Deshalb ist eine gezielte Sensibilisierung der Familien wichtig. An den Nationalen Tagen des Schütteltrauma Syndroms hat sich auch der Südtiroler Sanitätsbetrieb beteiligt, um das Bewusstsein von Eltern zu stärken. Am 23. April wird im Eingangsbereich des alten Krankenhauses Bozen von neun bis 15 Uhr ein Informationsstand errichtet. Dort informieren das Team von Dr.in Laura Battisti, Primaria der Pädiatrie in Bozen, sowie die ProChild Gruppe die Besucherinnen und Besucher darüber, wie Schütteltrauma verhindert werden kann.
Höchstes Risiko zwischen zweiter Woche und sechstem Monat
„Wenn ein Neugeborenes unaufhörlich weint und sich scheinbar nicht beruhigen lässt, kann es vorkommen, dass Eltern aus Erschöpfung und Frustration instinktiv reagieren und das Kind schütteln. Es ist kein Zufall, dass das Schütteltrauma zwischen der zweiten Lebenswoche und dem sechsten Lebensmonat am häufigsten vorkommt, denn dies ist genau das Alter, in dem Säuglinge am meisten weinen“, gibt Dr.in Sonja Montonesi, Kinderärztin am Krankenhaus Bozen, zu bedenken.
Schwere Folgen nach wenigen Sekunden
Schon wenige Sekunden heftigen Schüttelns können zu Gewebeüberdehnungen, Blutungen oder Durchblutungsstörungen führen. In mehr als der Hälfte der diagnostizierten Fälle bleiben dauerhafte Hirnschäden zurück. Betroffene Kinder entwickeln im weiteren Verlauf häufig kognitive Beeinträchtigungen, Lern und Verhaltensstörungen sowie Verzögerungen in der psychomotorischen Entwicklung. In den schwersten Fällen kann das Schütteltrauma tödlich enden: Etwa jedes zehnte betroffene Neugeborene überlebt die Verletzungen nicht.
Schwierige Diagnose
Das Schütteltrauma ist nicht leicht zu erkennen. Eltern stellen ihr Kind häufig in der Notaufnahme wegen scheinbar unzusammenhängender Symptome vor, wie Trinkschwierigkeiten, ausgeprägte Schläfrigkeit, Bewusstseinsverlust, Reizbarkeit, unstillbares Weinen, Krampfanfälle oder Atemprobleme. Aus diesem Grund empfehlen Fachkräfte dringend, bei jedem noch so kleinen Verdacht sofort ein Krankenhaus aufzusuchen, auch wenn das Schütteln nur kurz erfolgte.
„Unstillbares Weinen kann selbst den geduldigsten Elternteil an seine Grenzen bringen. Ein Neugeborenes zu schütteln, um es zu beruhigen, ist immer gefährlich“, sagt Dr.in Giovanna Tezza, Kinderärztin am Krankenhaus Bozen. „Wenn es einer Mutter oder einem Vater zu viel wird, sollen sie sich Hilfe holen. Bevor der Geduldsfaden reißt, den Säugling an einen sicheren Ort legen und den Raum verlassen“, empfiehlt die Kinderärztin. Und vor allem sollten Eltern keine Scheu haben, Familie, Freunde oder Nachbarn um Unterstützung zu bitten.






