Migration als Erfolgsstory? Diese unbequemen Zahlen erwähnt das Land nicht!

Die Zahl der Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft in Südtirol wächst weiter. Ende 2025 waren es bereits 60.411 Personen, ein Anstieg von 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das geht aus dem Dossier Statistico Immigrazione 2026 hervor, das am Dienstag, dem 27. Oktober, auch in Bozen vorgestellt wurde.
In der offiziellen Aussendung der Südtiroler Landesverwaltung überwiegen die positiven Botschaften. Ausländische Arbeitskräfte seien für die heimische Wirtschaft unverzichtbar, die Zahl der Unternehmen von im Ausland geborenen Personen steige und italienweit ergebe sich im Zusammenhang mit der Einwanderung ein positiver Finanzierungssaldo von rund vier Milliarden Euro.
IDOS-Berater Matthias Oberbacher erklärt sogar, dass ohne die ausländischen Arbeitskräfte in Südtirol eine große Lücke entstehen würde. Die niedrige Entlohnung vieler ausländischer Beschäftigter wird zwar ebenfalls angesprochen. Andere problematische Entwicklungen bleiben in der Landesaussendung jedoch außen vor.
Denn wer das Originaldossier tatsächlich liest, entdeckt Zahlen, die ein wesentlich differenzierteres Bild zeichnen.
9,1 Prozent der Bevölkerung – aber 34,9 Prozent der Anzeigen und Festnahmen
Besonders aufschlussreich ist die Kriminalitätsstatistik. Auf Seite 508 des Dossiers werden die italienweit erfassten Anzeigen und Festnahmen des Jahres 2024 nach Staatsangehörigkeit aufgeschlüsselt. Von insgesamt 505.089 registrierten Vorgängen entfielen 176.027 auf ausländische Staatsbürger. Das entspricht 34,9 Prozent.
Zum Vergleich: Der Anteil ausländischer Staatsbürger an der italienischen Wohnbevölkerung betrug damals lediglich 9,1 Prozent.
Noch auffälliger sind die Unterschiede bei einzelnen Straftaten. Bei Raubdelikten lag der Ausländeranteil an den erfassten Anzeigen und Festnahmen bei 52,4 Prozent. Bei Hehlerei waren es 48,4 Prozent, bei Diebstahl 47,8 Prozent und bei sexueller Gewalt 43,8 Prozent. Auch bei Drogendelikten (39,4 Prozent) und vorsätzlicher Körperverletzung (37,9 Prozent) fallen die Werte auf.
Das sind keine Zahlen einer migrationskritischen Partei. Sie stammen aus dem IDOS-Dossier selbst und werden darin sogar in einem eigenen Kapitel über Kriminalität behandelt.
Der Forschungspräsident und seine politischen Botschaften
Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch der Auftritt von IDOS-Präsident Luca Di Sciullo. Bei der Präsentation des Dossiers rechnete er scharf mit migrationskritischen Positionen ab. Er führte eine Reihe von Vorwürfen gegenüber Migranten an und behauptete, keine einzige davon sei in mehr als 50 Jahren Einwanderungsgeschichte jemals durch einen ehrlichen wissenschaftlichen Beleg gestützt worden.
Dabei vermischte er rassistische Pauschalurteile mit sachlich untersuchbaren Fragen über Kriminalität, Sozialleistungen und schulische Integration. Zugleich sprach er von 30 Jahren fremdenfeindlicher Hasspropaganda und warf politischen Parteien vor, mit Lügen über Migranten Wahlerfolge erzielt zu haben.
Di Sciullo vertritt bereits seit Jahren entsprechende migrationspolitische Positionen. So veröffentlichte er 2024 in der Fachzeitschrift Limes ein Manifest für eine andere Einwanderungspolitik.
IDOS selbst ist ein etabliertes Forschungszentrum, das mit amtlichen Daten arbeitet und über einen wissenschaftlichen Beirat verfügt. Das Dossier wird unter anderem durch das Institut für Politische Studien „S. Pio V“ unterstützt. An der statistischen Arbeit lässt sich daraus keine mangelnde Seriosität ableiten. Die deutliche politische Positionierung seines Präsidenten wirft aber die Frage auf, wie konsequent zwischen wissenschaftlicher Analyse und politischer Überzeugung unterschieden wird.
Und in Südtirol? Auch hier gibt es unbequeme Zahlen
Abseits der italienweiten Kriminalitätsstatistik liefert das Dossier weitere bemerkenswerte Erkenntnisse für Südtirol.
Denn auf dem Arbeitsmarkt ist nicht alles so rosig, wie es eine reine Erfolgsgeschichte vermuten lassen könnte. In der gesamten Region Südtirol-Trentino betrug die Arbeitslosenquote unter ausländischen Staatsbürgern 3,6 Prozent, unter Einheimischen hingegen 1,8 Prozent. Zudem arbeiteten 22,2 Prozent der ausländischen Beschäftigten in nicht qualifizierten Berufen, gegenüber lediglich sieben Prozent der italienischen Beschäftigten.
Diese Zahlen beweisen kein generelles Scheitern der Integration. Sie dokumentieren aber Unterschiede, die bei einer umfassenden Bewertung nicht übergangen werden sollten.
Hinzu kommen weitere Fragen, die für Südtirol besonders relevant sind: Welche Auswirkungen hat eine wachsende Bevölkerung auf den bereits angespannten Wohnungsmarkt? Wie gelingt die sprachliche Integration tatsächlich? Und wie wird sichergestellt, dass die Zuwanderung mit dem langfristigen Schutz der deutschen und ladinischen Minderheit vereinbar bleibt?
Auch zur Kriminalität wäre eine genauere Betrachtung auf Landesebene notwendig. Denn die italienweiten Zahlen des Dossiers sagen noch nichts darüber aus, wie hoch der Anteil ausländischer Tatverdächtiger bei einzelnen Delikten in Südtirol tatsächlich ist.
Warum zeigt das Land nur einen Ausschnitt?
Die Landesverwaltung hebt in ihrer Aussendung vor allem den wirtschaftlichen Nutzen der Einwanderung hervor. Arbeitskräfte, Unternehmensgründungen, Steuereinnahmen und demografische Vorteile erhalten viel Raum. Die Kriminalitätsstatistik des Gesamtberichts bleibt dagegen unerwähnt.
Natürlich kann eine Pressemitteilung nicht sämtliche Ergebnisse eines mehr als 500 Seiten starken Forschungsberichts wiedergeben. Doch die Auswahl der präsentierten Zahlen beeinflusst zwangsläufig, welches Bild bei der Bevölkerung entsteht.
Wer die positiven Entwicklungen hervorhebt, sollte auch die problematischen Befunde nicht aus dem Blick verlieren. Das gilt für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Einwanderung ebenso wie für die Sicherheitslage und den Minderheitenschutz.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie kann die Landesregierung sicherstellen, dass neben den wirtschaftlichen Vorteilen auch die Herausforderungen der Zuwanderung offen untersucht, angesprochen und bewältigt werden?
Denn ein Migrationsbericht wird nicht dadurch zur Erfolgsgeschichte, dass man vor allem seine erfreulichen Zahlen präsentiert.






