von red 29.09.2026 15:33 Uhr

Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 83)

Mit dem hier zu besprechenden Sammelband Wir sind Tirol! Vorarlberger Objekte in der Sammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum hat das Herausgeberquartett Karl C. Berger, Anna Bertle, Andreas Rudigier und Roland Sila ein bemerkenswertes Werk vorgelegt. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.

Karl C. Berger [u. a.] (Hg.). Wir sind Tirol! Vorarlberger Objekte in der Sammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum (Ausstellungskatalog Vorarlberg Museum 01.07.2023–07.01.2024, Bregenz), Innsbruck/Wien 2023.

Erschienen im Tyrolia-Verlag, fungiert das Buch gleichzeitig als wissenschaftliche Aufsatzsammlung und als Begleitkatalog zur Ausstellung im Vorarlberg Museum, die von Juli 2023 bis Jänner 2024 in Bregenz zu sehen war. Auf 200 Seiten beleuchtet das Buch das spannungsreiche und kulturhistorische Beziehungsgeflecht zwischen Vorarlberg und Tirol anhand musealer Sammlungsgeschichte.

Kulturpolitischer Bruch und die Emanzipation des Westens

Die Anthologie widmet sich im Kern einer geschichtlichen Entflechtung. Lange Zeit waren die beiden Regionen institutionell eng miteinander verwoben, was sich insbesondere in den Beständen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum widerspiegelt.

Christof Aichner untersucht in seinem Beitrag den sogenannten „Abfall der Vorarlberger Mitglieder“. Aus der Perspektive des Tiroler Hauptmünz- und Landesmuseums wird die Gründung des eigenständigen Vorarlberger Museumsvereins rekonstruiert. Was aus Innsbrucker Sicht als Verlust oder gar Verrat wahrgenommen wurde, markiert historisch den Beginn einer eigenständigen Vorarlberger Identitätsstiftung durch die Institutionalisierung der eigenen Sachkultur.

Peter Melichar spitzt diese Dynamik in seinem treffend betitelten Aufsatz „Wir sind nicht Tirol!“ weiter zu und zeigt auf, wie der Bedeutungswandel von Kunst- und Altertumsgegenständen im 19. Jahrhundert zum Vehikel für regionale Emanzipationsbestrebungen wurde.

Gemeinsame Geschichte und museale Spurensuche

Dass die Trennung jedoch keine absolute war, belegen die Beiträge von Roland Sila und Markus Neuwirth. Sila wirft Schlaglichter auf die gemeinsamen historischen Verknüpfungen des Ferdinandeums mit dem äußersten Westen Österreichs. Er macht deutlich, dass das Ferdinandeum über Jahrzehnte hinweg als zentraler Sammelpunkt für das kulturelle Erbe der gesamten Region fungierte.

Einen tieferen Einblick in die Kunstgeschichte der katholischen Restauration gewährt Markus Neuwirth am Beispiel der Maler Gebhard Flatz und Friedrich Overbeck. Hier wird die Brücke von lokalen Künstlern hin zu großen europäischen Kunstströmungen des 19. Jahrhunderts geschlagen, deren Spuren sich in den Sammlungsbeständen beider Länder wiederfinden.

Die Suche nach der Identität am Beispiel großer Namen

Ein besonderes Highlight der Aufsatzsammlung ist der Beitrag von Magdalena Häusle-Hagmann zur Malerin Angelika Kauffmann. Unter dem bezeichnenden Titel „Wir suchten lang ein Original der Angelika Kaufmann, einer Vorarlbergerin, vergeblich“ wird die mühsame Spurensuche und die Sehnsucht nach Werken der berühmten Künstlerin im Ferdinandeum dokumentiert. Kauffmann, deren familiäre Wurzeln im vorarlbergischen Schwarzenberg lagen, galt beiden Regionen als Identifikationsfigur.

Der Aufsatz zeigt eindrücklich, wie biografische und geografische Zuschreibungen den musealen Sammlungsdrang befeuerten. Abgerundet wird das Werk durch eine detaillierte Bestandsaufnahme der dokumentierten Vorarlberger Objekte, die sich bis heute in Innsbruck befinden.

Kritische Würdigung und Fazit

Das Buch besticht durch seine gelungene Verknüpfung von regionaler Detailforschung und überregionaler Museumsgeschichte. Den Herausgebern ist es zu verdanken, dass hier kein trockenes Inventarverzeichnis entstanden ist, sondern ein lebendiger Diskurs über die Frage, wem Geschichte und Kunst eigentlich gehören.

Die Beiträge sind wissenschaftlich fundiert, bleiben jedoch durch ihren flüssigen Stil und die reiche Bebilderung auch für kulturhistorisch interessierte Laien zugänglich.

„Wir sind Tirol ist alles in allem ein unverzichtbarer Beitrag zur österreichischen Regionalgeschichte. Es zeigt auf hohem Niveau, dass Museumsbestände keine statischen Relikte sind, sondern Projektionsflächen für politische Identitäten, Sehnsüchte und Abgrenzungen, deren Echos bis in die Gegenwart reichen.

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Karl C. Berger [u. a.] (Hg.). Wir sind Tirol! Vorarlberger Objekte in der Sammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum (Ausstellungskatalog Vorarlberg Museum 01.07.2023–07.01.2024, Bregenz), Innsbruck/Wien 2023.

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