Trikolore im Klassenzimmer: Wäre der Tiroler Adler auch erlaubt?

Mehr als 30 Klassen der italienischsprachigen Schulen nehmen derzeit am Wettbewerb „La Costituzione vista da noi“ teil. Dafür verteilt die italienische Bildungsdirektion ein eigenes „Kit di Cittadinanza“. Nach Abschluss des Projektes soll das Material dauerhaft an den Schulen bleiben.
Was darunter zu verstehen ist, zeigt Bildungslandesrat Marco Galateo selbst in einem auf Facebook veröffentlichten Video.
Italienische Identität fürs Klassenzimmer
Galateo präsentiert die italienische Verfassung und die Trikolore. Dazu macht er deutlich: Schüler sollen die italienische Nationalhymne und die Verfassung kennen und wissen, für welche Werte und Regeln die italienische Nation und ihre Fahne stehen.
Das ist mehr als bloße Gesetzeskunde. Hier wird staatliche Identität ganz bewusst zum Unterrichtsthema. Und genau an diesem Punkt wird es in Südtirol interessant. Was wäre, wenn die deutsche Bildungsdirektion dasselbe täte?
Ein „Tirol-Kit“ mit Tiroler Fahne, Autonomiestatut, Pariser Vertrag und Unterrichtsmaterial über die Geschichte Tirols, Faschismus, Option, die Freiheitskämpfer der 1960er Jahre, Minderheitenschutz und die deutsche und ladinische Identität Südtirols.
Und dazu ein deutscher Bildungslandesrat, der vor laufender Kamera erklärt, Schüler müssten wissen, wofür der Tiroler Adler steht. Man kann sich zumindest fragen, ob die Reaktionen ähnlich gelassen ausfallen würden.
Bei Tirol heißt es plötzlich „Indoktrinierung“
Wie schnell der Ton schärfer wird, sobald statt der Trikolore Tiroler Symbolik auftaucht, zeigte sich erst am 7. September in Brixen. Dort entdeckte Antonio Bova ein kostenlos aufliegendes Tiroler Merkheft der Süd-Tiroler Freiheit in einer Schreibwarenhandlung. Auf dem Umschlag stand: „Süd-Tirol ist nicht Italien!“
Bova ist Gemeinderat von Fratelli d’Italia in Brixen – also Parteikollege Galateos. Auf Facebook kündigte Bova daraufhin an, künftig lieber anderswo einzukaufen. Noch deutlicher wurde er am Ende seines Beitrages: Er warnte vor einer „Indoktrinierung der Jugendlichen zum Hass gegen den Staat und gegen unsere Gemeinschaft“.
Der entscheidende Unterschied: Dieses Tiroler Merkheft wurde nicht von einer Bildungsdirektion in der Schule verteilt. Es lag kostenlos in einem privaten Geschäft auf. Niemand musste es nehmen, niemand musste es lesen.
Galateos Italien-Kit hingegen kommt über die öffentliche Schulverwaltung direkt in die Klassenzimmer und soll dort auch dauerhaft für die staatsbürgerliche Bildung zur Verfügung stehen.
Was wäre beim Tirol-Kit los?
Damit drängt sich eine einfache Frage auf. Wenn Verfassung, Trikolore, Nationalhymne und italienische Identität selbstverständlich in Südtirols Schule gehören – warum sollte dann ein vergleichbares Tirol-Kit problematisch sein?
Mit Tiroler Fahne. Mit Südtiroler Geschichte. Mit dem Pariser Vertrag. Mit der Geschichte der Autonomie. Mit der Unterdrückung der deutschen und ladinischen Volksgruppe unter dem Faschismus. Und mit jenen Ereignissen, ohne die es die heutige Autonomie kaum in dieser Form gäbe.
Die italienische Bildungsdirektion hat jedenfalls gezeigt, dass Identität und Patriotismus durchaus Platz im Klassenzimmer haben können. Jetzt wäre interessant zu sehen, wie groß diese Offenheit noch wäre, wenn auf dem Tisch nicht die Trikolore, sondern der Tiroler Adler läge.
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