von ih 14.09.2026 07:36 Uhr

Brenner-Archiv: KI an 12.000 Alpbach-Fotos getestet

Tausende von Fotografien aus dem Archiv des European Forum Alpbach (EFA) sollen im Brenner-Archiv der Uni Innsbruck digitalisiert und mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) untersucht werden. In dem Projekt „FACE-EFA“ werde eine lokal betriebene, quelloffene KI-Anwendung zur Gesichtserkennung und Einordnung für eine Datenbank helfen, betonten die Projektverantwortlichen im APA-Gespräch. Die endgültigen Entscheidungen blieben jedenfalls bei den Archivmitarbeitern.

APA/EXPA/JOHANN GRODER

„Ich verstehe es eher als einen Sortierassistenten, der zuverlässiger ist als mein Gedächtnis“, erklärte Projektleiterin und Literaturwissenschaftlerin Irene Zanol. Die Software könne etwa mehrfach vorhandene Fotos zuverlässiger erkennen und repetitive Arbeit übernehmen. Dadurch würden zudem Ressourcen für Qualitätssicherung und historische Einordnung frei.

Die Identifizierung einer Person durch die KI sei „eigentlich nur der Ausgangspunkt für den nächsten Schritt“, erklärte die Wissenschafterin. Anschließend müssten die Aufnahmen von menschlichen Mitarbeitern mit weiteren Informationen verknüpft und historisch kontextualisiert werden. Die KI solle die klassische Archivarbeit ausdrücklich nicht ersetzen, sondern punktuell ergänzen. Das System liefere nur Vorschläge, die dann von Mitarbeitern bestätigt oder verworfen würden. „Es gibt immer menschliche Kontrolle“, betonte Zanol.

Software übersetzt Gesichter in Zahlenwerte

Technisch werde mit bestehenden, quelloffenen und damit frei verfügbaren KI-Modellen experimentiert, erklärte indes der technische Projektleiter Joseph Wang-Kathrein. Zunächst erkenne die Software Gesichter auf den eingescannten Aufnahmen. Anschließend werde jedes Gesicht in eine Reihe von Zahlenwerten, ein sogenanntes „Embedding“, übersetzt. Ähnliche Gesichter lägen in diesem mathematischen multidimensionalen Modell näher beieinander.

Welcher Name zu einem Gesicht gehöre, wisse die Software dadurch noch nicht. Das System könne aber ähnliche Aufnahmen vorschlagen, erklärte der IT-Experte. Die verlässliche Zuordnung oder die Verknüpfung mit weiteren Metadaten müssten anschließend von den Archivmitarbeitern vorgenommen werden.

Eine Herausforderung stellten die historischen Schwarz-Weiß-Fotos dar, weil viele Modelle vor allem mit modernen Farbfotografien trainiert worden seien. Inwiefern zusätzliche Veränderungen und Zusatztraining am Modell – sogenanntes Fine-Tuning – nötig würden, wird derzeit getestet, berichtete Wang-Kathrein.

Daten sollen das Archiv nicht verlassen

Eine zentrale Vorgabe sei von Beginn an der Datenschutz gewesen. Die Verantwortlichen hätten sich deshalb für eine lokal betriebene sowie quelloffene „Inhouse“-Lösung entschieden. Die Fotografien sollten für die Gesichtsanalyse weder an externe Cloud-Dienste noch an Plattformbetreiber übermittelt werden, erklärte der Wissenschafter. Besonders sensibel werde die Verarbeitung, sobald ein erkanntes Gesicht mit Namen und weiteren biografischen Angaben verbunden werde.

Der Forscher verwies zugleich auf eine grundsätzliche Frage beim Einsatz Künstlicher Intelligenz: „Es ist nicht die Frage: Kann KI das? Sondern: Soll man das KI überlassen?“ Das Forschungsprojekt solle daher keinen vollständig automatisierten Archivierungsprozess schaffen, sondern erproben, wo Maschinen repetitive Arbeit übernehmen könnten und wo weiterhin Fachwissen notwendig sei.

Acht Jahrzehnte Zeitgeschichte in Alpbach

Das Archiv des European Forum Alpbach war im Zusammenhang mit dem 80-Jahr-Jubiläum des Forums im vergangenen Jahr an das Brenner-Archiv gekommen. Die Schenkung umfasste über 60 Umzugskisten. Der Fotobestand mit rund 12.000 Aufnahmen aus den Jahren 1945 bis 2015 sei als erste größere Bestandsgruppe systematisch erschlossen worden, berichtete das Projektteam. Das restliche Archiv werde derzeit noch archivarisch aufgearbeitet.

Der Gesamtbestand dokumentiere „acht Jahrzehnte Kultur, Geschichte, Geistesgeschichte, Wirtschaft, Politik“, erklärte indes die Leiterin des Brenner-Archivs, Ulrike Tanzer. Über die Jahrzehnte seien zahlreiche Wissenschafter, Nobelpreisträger, internationale Politiker und Philosophen nach Alpbach gekommen, darunter etwa Erwin Schrödinger, Lise Meitner, Karl Popper, Theodor W. Adorno oder Indira Gandhi. Zum Bestand gehörten auch Sitzungsprotokolle, Teilnehmerlisten und Programme, die wertvolle Einblicke in die Zeitgeschichte ermöglichten.

Für Tirol und die Europaregion habe der Bestand zudem besondere Bedeutung, betonte Tanzer. Die Ursprünge des Forums reichten in die unmittelbare Nachkriegszeit zurück und seien mit dem Versuch verbunden gewesen, internationalen und geistigen Austausch wieder zu ermöglichen. Bei der Identifikation historischer Fotos helfe zudem auch lokales Wissen: Ortskundige hätten bei einem Besuch in Alpbach zahlreiche Einheimische auf Aufnahmen wiedererkannt.

Fotos über Datenbank abrufbar

Für das Forschungsprojekt seien knapp 30.000 Euro durch die Uni Innsbruck zur Verfügung gestellt worden, betonte Tanzer. Neben dem Kauf eines leistungsfähigen Rechners sei damit auch eine zusätzliche Stelle für eine studentische Mitarbeiterin geschaffen worden.

Erste umfassendere Ergebnisse werden für 2027 erwartet. Rechtlich unproblematische Fotografien würden jedenfalls über das nationale Suchportal Kulturpool sowie das damit verknüpfte internationale Suchportal Europeana für Forschung oder interessierte Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

apa

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