Wie gerecht ist unser Steuersystem?

Bereits zum zehnten Mal in Folge hat das Arbeitsförderungsinstitut (AFI) die Daten des Wirtschafts- und Finanzministeriums für Südtirol ausgewertet. Grundlage sind die Steuererklärungen 2025, die sich auf das Steuerjahr 2024 beziehen. Zur Messung der Ungleichheit dient der Gini-Index. Er liegt bei null, wenn alle Personen gleich viel verdienen und bei eins, wenn eine einzige Person alles besitzt. „In unserer Studie haben wir für Südtirol für 2024 einen Gini-Index von 0,444 für das Bruttoeinkommen und von 0,381 für das Nettoeinkommen errechnet“, sagt AFI-Direktor Stefan Perini, in einer Aussendung. Das sei ein Beleg dafür, dass das derzeitige Steuersystem die Verteilung zum Positiven verändere.
Fast alle nutzen Absetzbeträge
Eine zentrale Rolle spielen dabei die Steuerabsetzbeträge, die direkt die Steuerschuld verringern. Nahezu alle Südtiroler Steuerpflichtigen, nämlich 97,4 Prozent oder 430.650 Personen, machten sie geltend. Das Steueraufkommen für den Staat sank dadurch um insgesamt 880 Millionen Euro. Die wichtigsten Posten betreffen Einkommen aus unselbständiger Arbeit und Renten sowie Ausgaben für Sanierungsarbeiten an Gebäuden.
Wie das AFI berichtet, kommen rund 70 Prozent des gesamten Volumens Steuerzahlern mit einem Einkommen unter 35.000 Euro zugute. „In der Theorie übt dieser Mechanismus eine starke ausgleichende Wirkung aus“, erläutert AFI-Forscher Fabian Hofer. Steuerfreibeträge, die das Gesamteinkommen verringern, nutzte hingegen nur rund ein Fünftel der Steuerpflichtigen. Insgesamt ging es dabei um 518 Millionen Euro oder durchschnittlich 5342 Euro pro Kopf.
Wo das System hakt
Trotz der Steuerprogression sieht das AFI zwei Schwachstellen. Erstens die mangelnde Steuerkapazität: Personen mit geringem steuerpflichtigem Einkommen gelingt es oft nicht, hohe Ausgaben wie teure Zahnbehandlungen oder energetische Sanierungen abzusetzen. Ist die geschuldete Steuer einmal auf null gesunken, geht der verbleibende Absetzbetrag verloren, weil er sich nicht in ein Guthaben umwandeln lässt.
Zweitens die Schieflage bei den Freibeträgen: Sie führen bei höheren Einkommen zu einer deutlich größeren Steuerersparnis. Während Steuerzahler mit niedrigen Einkommen im Schnitt 3167 Euro abziehen, sind es bei den Spitzenverdienern bis zu 23.500 Euro.
„Steuerfreibeträge begünstigen tendenziell Besserverdienende, während Personen mit geringeren Einkommen Sanierungs- oder Gesundheitskosten oft gar nicht voll ausschöpfen können“, fasst Perini zusammen.






