von mag 31.07.2026 15:10 Uhr

Kein Tofu am Großvenediger

Auf über 2.100 Metern Höhe, mitten in der Venedigergruppe, sorgt ausgerechnet eine Speisekarte seit Monaten für Wirbel. Schauplatz ist die Johannishütte in Prägraten, Betreiber Leonhard Unterwurzacher – ein Hüttenwirt mit 30 Jahren Erfahrung. Was ihn über die Landesgrenzen hinaus zur Zielscheibe eines veganen Shitstorms machte, war kein politisches Manifest, sondern ein einziger Satz.

Bodenständig statt Bio-Ersatzprodukt: Die Johannishütte am Fuße des Großvenedigers – hier wird noch gekocht, was die Bauern aus dem Tal liefern (Bild: Whgler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons).

Der Satz, der den Sturm auslöste

„Da wir diese kleinstrukturierte Land- und Almwirtschaft erhalten wollen, kochen wir nicht vegan!“ So steht es auf der Speisekarte der Johannishütte. Keine Kampfansage, sondern eine Begründung. Milch, Eier und Fleisch stammen von Bauern aus dem Tal, das Berglamm aus Prägraten, das Rindfleisch aus Hinterbichl. Unterwurzacher setzt bewusst auf regionale Kreisläufe und möchte damit jene kleinstrukturierte Landwirtschaft unterstützen, die in den Alpen zunehmend unter Druck gerät.

Ein Gast fotografierte den Hinweis, veröffentlichte ihn auf Instagram – und innerhalb kürzester Zeit rollte eine Empörungswelle durchs Netz. Was im September 2025 begann, ist bis heute nicht abgeklungen: Erst vor wenigen Wochen wurde der Fall erneut aufgegriffen und verbreitete sich ein weiteres Mal wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien.

Muss wirklich jede Berghütte vegan kochen?

Man muss sich die Gegebenheiten vor Augen führen: Die Johannishütte ist nur zu Fuß erreichbar, jede Zutat muss mühsam hinaufgebracht werden. Trotzdem erwarten manche, dass dort oben selbstverständlich auch ein eigenes veganes Hauptgericht mit speziellen Ersatzprodukten angeboten wird.

Unterwurzacher sieht das anders. Hungrig müsse bei ihm niemand bleiben: Erdäpfel, Gemüsegerichte, Salate, Linseneintopf oder Pommes stehen ohnehin auf der Karte. Was es nicht gibt, ist ein eigenes veganes Menü. Nicht aus Trotz, sondern weil Platz, Logistik und Personal auf einer Schutzhütte nun einmal begrenzt sind.

Dass daraus überhaupt ein Politikum gemacht wird, sagt wohl mehr über die Empörungskultur sozialer Medien aus als über den Hüttenwirt selbst.

Vom Shitstorm zur Existenzfrage

Ernst wird die Sache dadurch, dass der Deutsche Alpenverein als Verpächter der DAV-Hütte reagierte und Unterwurzacher einen Rüffel erteilte. Der Wirt spricht offen über die Sorge, seine Pacht zu verlieren.

Ein Mann, der drei Jahrzehnte lang verlässlich Wanderer verköstigt und dabei konsequent auf regionale Produkte und bäuerliche Kreisläufe gesetzt hat, sieht sich plötzlich in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht – wegen eines Satzes auf einer Speisekarte, der nichts anderes tut, als die Wahrheit zu sagen.

Den Vorwurf, er führe einen „Kampf“ gegen Veganer, weist Unterwurzacher entschieden zurück: Von einem Konflikt könne keine Rede sein, er habe lediglich kommuniziert, dass ihm für ein zusätzliches Küchenkonzept schlicht die Kapazitäten fehlen.

Instagram gegen Bergrealität

Bemerkenswert ist zudem, dass zahlreiche negative Bewertungen offenbar von Menschen stammen, die die Johannishütte nie besucht haben. Ein Screenshot genügte, um einen Betrieb öffentlich an den Pranger zu stellen.

Natürlich steht es jeder Hütte frei, vegetarisch oder vegan zu kochen. Die benachbarte Reichenberger Hütte macht genau das – und das ist völlig legitim. Genauso legitim sollte es aber sein, wenn sich ein Hüttenwirt bewusst für regionale Produkte seiner Bauern entscheidet.

Am Ende geht es nämlich um eine einfache Frage: Muss wirklich jede Berghütte jedem Ernährungstrend folgen? Oder darf ein Wirt, der seit Jahrzehnten Wanderer mit regionalen Lebensmitteln versorgt, selbst entscheiden, was auf seine Speisekarte kommt?

Man darf gespannt sein, ob der Alpenverein am Ende tatsächlich einem verlässlichen Pächter kündigt – nur weil dieser weiterhin auf Erdäpfel statt Erbsenprotein setzt. Das wäre ein bemerkenswertes Signal an all jene, die tagtäglich versuchen, regionale Landwirtschaft und gelebte Almkultur zu erhalten.

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