„So kann es nicht weitergehen“: Brenner-Anwohner schlagen Alarm

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Kritik, dass milliardenschwere Großprojekte wie der Brennerbasistunnel die Bevölkerung entlang der Transitroute kaum spürbar entlasten würden.
Der Wiener Verkehrsexperte und emeritierte Universitätsprofessor Hermann Knoflacher sowie der Innsbrucker Jurist Lothar Gamper verwiesen auf offizielle Gutachten, wonach lediglich zwischen einem halben und vier Prozent des Schwerverkehrs von der Straße auf die Schiene verlagert würden. Die Auswirkungen auf Lärm- und Schadstoffbelastung blieben demnach gering.
Die Referenten betonten, dass eine echte Verkehrsverlagerung nur mit politischen Maßnahmen erreichbar sei. Entscheidend seien höhere Kosten für den Straßentransport und günstigere Bedingungen für die Bahn. Ohne entsprechende Rahmenbedingungen werde kein nennenswerter Anteil des Güterverkehrs auf die Schiene wechseln – unabhängig davon, ob der Basistunnel fertiggestellt werde oder nicht.
Abschaffung steuerlicher Vorteile gefordert
Besonders kritisch bewertet wurde der sogenannte Umwegverkehr. Rund ein Drittel der Lastwagen am Brenner nutze die Route laut den Experten nicht wegen der kürzesten Strecke, sondern aufgrund günstiger Mauttarife, billigen Diesels und vergleichsweise lockerer Kontrollen. Eine Angleichung der Maut an das Schweizer Modell sowie die Abschaffung steuerlicher Vorteile für Diesel könnten den Schwerverkehr am Brenner deutlich reduzieren, hieß es.
Auch Vertreter bayerischer Bürgerinitiativen meldeten sich zu Wort. Der „Brennerdialog“ und das „Bürgerforum Inntal“ sprachen sich nicht grundsätzlich gegen den Ausbau der Bahninfrastruktur aus, sondern plädierten für eine bessere Nutzung bestehender Strecken. Die Bahnverbindung zwischen Kufstein und Rosenheim sei derzeit nur zu rund 60 Prozent ausgelastet. Durch Digitalisierung, zusätzliche Überholgleise, die Reaktivierung stillgelegter Infrastruktur und gezielte Modernisierungen könne die Kapazität deutlich erhöht werden – und das zu wesentlich geringeren Kosten als bei einem Neubau.
Ähnliche Möglichkeiten sehen die Initiativen auch südlich des Brenners. Statt milliardenschwerer Neubaustrecken könne die bestehende Bahntrasse zwischen Franzensfeste und Verona modernisiert werden. Dies sei technisch machbar, ressourcenschonender und mit geringeren Eingriffen in Landschaft und Wasserhaushalt verbunden.
Belastung im Wipptal besonders hoch
Ein emotionaler Höhepunkt des Abends war die Online-Zuschaltung von Karl Mühlsteiger, Bürgermeister von Gries am Brenner. Er schilderte eindringlich die Auswirkungen des Transitverkehrs auf die Bevölkerung im Wipptal. Jährlich würden dort rund 14,4 Millionen Fahrbewegungen registriert, darunter etwa drei Millionen Schwerfahrzeuge.
Viele Bewohner verließen ihre Häuser bereits früh am Morgen und kehrten erst spät abends zurück, um dem Lärm und Staub zu entkommen. Zudem verwies Mühlsteiger auf Baustellen, die sich voraussichtlich bis 2047 hinziehen werden, sowie auf einen auffälligen Anstieg von Krebserkrankungen in der Region, der derzeit wissenschaftlich untersucht werde.
Abschließend rief Mühlsteiger zur Teilnahme an einer Kundgebung am Samstag, 30. Mai, in Matrei am Brenner auf. Gemeinsam mit den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern der Wipptaler Gemeinden soll dort ein Forderungspapier an die Verantwortlichen auf Landes-, Staats- und EU-Ebene übergeben werden. Zu den zentralen Forderungen zählen die Beibehaltung des Nachtfahrverbots, ein Mautsystem nach Schweizer Vorbild und die Abschaffung des Dieselprivilegs.
Der Heimatpflegeverband Südtirol unterstützt die Initiative und ruft ebenfalls zur Teilnahme an der Kundgebung auf – möglichst mit der Bahn.
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