von Alexander Wurzer 17.05.2026 14:28 Uhr

„Deutsch wird zur Nebensache“: Rabensteiner rechnet mit der Mehrheit ab

Deutsch ist in Südtirol Amtssprache. Doch im öffentlichen Dienst werde es immer öfter zur Nebensache, warnt Hannes Rabensteiner. Der Landtagsabgeordnete der Süd-Tiroler Freiheit kritisiert die Ablehnung seines Antrags zur Stärkung der Zweisprachigkeit scharf und wirft der Mehrheit vor, offensichtliche Probleme kleinzureden. Für ihn steht nicht weniger als die Glaubwürdigkeit der Autonomie auf dem Spiel.

Bild: STF

Im UT24-Interview spricht Rabensteiner über sprachlichen Rückzug deutschsprachiger Bediensteter, über die Rolle der SVP, über gefälschte Zweisprachigkeitszertifkate und über die Frage, ob die Landespolitik aus Personalmangel bereit ist, bei Deutschkenntnissen im öffentlichen Dienst stillschweigend Abstriche zu machen.

Herr Rabensteiner, die Mehrheit hat Ihren Antrag zur Stärkung der Zweisprachigkeit im öffentlichen Dienst abgelehnt. Ist das aus Ihrer Sicht noch politische Fahrlässigkeit – oder bereits ein bewusstes Wegschauen bei der schleichenden Verdrängung der deutschen Sprache?

Die deutsche Sprache ist kein Nebenthema, sondern das Fundament unserer Autonomie. Wenn konkrete Maßnahmen zum Schutz der Zweisprachigkeit abgelehnt werden, obwohl die Probleme im Alltag immer sichtbarer werden, dann kann man nicht mehr von bloßer Nachlässigkeit sprechen. Viele Bürger merken längst selbst, dass Deutsch in Ämtern und internen Abläufen immer öfter in den Hintergrund gedrängt wird. Wer hier wegschaut, nimmt eine schleichende Veränderung bewusst in Kauf. Und genau das darf in Südtirol niemals passieren.

Die Landesregierung betont regelmäßig den Schutz der Autonomie. Gleichzeitig lehnt sie konkrete Maßnahmen ab, um Deutsch als Arbeits- und Verwaltungssprache zu stärken. Wie glaubwürdig ist diese Autonomiepolitik noch?

Autonomie bedeutet nicht nur schöne Reden am Festtag, sondern Schutz im täglichen Leben. Wenn Bürger auf dem Amt das Gefühl haben, ihre deutsche Muttersprache werde zur Nebensache, dann verliert die Autonomie ihre Glaubwürdigkeit. Wer die Autonomie ernst nimmt, muss auch bereit sein, Deutsch und Ladinisch aktiv zu stärken – nicht nur auf dem Papier, sondern im Alltag der Verwaltung.

Besonders die SVP versteht sich seit Jahrzehnten als Schutzmacht der deutschen und ladinischen Sprachgruppe. Hat sie aus Ihrer Sicht ihren eigenen Anspruch aufgegeben, wenn sie konkrete Maßnahmen zum Schutz der deutschen Sprache im öffentlichen Dienst ablehnt?

Viele Menschen in Südtirol fragen sich inzwischen genau das. Jahrzehntelang hat man versprochen, die deutsche und ladinische Sprachgruppe zu schützen. Aber entscheidend sind nicht die Worte, sondern die Taten. Wenn konkrete Vorschläge abgelehnt werden, die den Gebrauch der deutschen Sprache stärken würden, dann entsteht der Eindruck, dass man sich mit dem langsamen Rückzug des Deutschen bereits abgefunden hat. Das ist ein gefährlicher Weg. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass man aus Rücksicht auf Koalitionspartner oder mögliche politische Konflikte lieber schweigt, statt das Problem offen anzusprechen. Statt ehrlicher Lösungen verweist man darauf, dass auf dem Papier ohnehin alle zweisprachig seien. Diese Zweisprachigkeit kennen wir ja alle, die Realität im Alltag erleben die Bürger oft ganz anders.

Im Antrag heißt es, deutsche Bedienstete würden mitunter angewiesen, interne Mitteilungen nur noch auf Italienisch zu verfassen. Was sagt es über die Sprachpolitik in Südtirol aus, wenn ausgerechnet Deutschsprachige im öffentlichen Dienst sprachlich zurückweichen sollen?

Das ist ein alarmierendes Zeichen. In Südtirol sollte niemand gezwungen sein, die eigene Muttersprache im Arbeitsalltag zurückzustellen. Wenn deutschsprachige Mitarbeiter aus Bequemlichkeit oder Druck auf Italienisch wechseln müssen, dann läuft etwas grundlegend falsch. Zweisprachigkeit bedeutet Gleichberechtigung – nicht, dass am Ende nur eine Sprache den Ton angibt.

Die Mehrheit hat auch Ihren Vorschlag abgelehnt, Deutsch im Arbeitsalltag gezielt gegenüber Kollegen zu verwenden, die die Sprache noch lernen müssen. Fördert diese Haltung nicht genau jene Bequemlichkeit, durch die Italienisch faktisch zur dominanten Arbeitssprache wird?

Genau das ist das Problem. Eine Sprache lernt man nicht nur im Kursraum, sondern im täglichen Leben. Wenn man ständig sofort ins Italienische wechselt, nimmt man den Menschen die Möglichkeit, Deutsch wirklich anzuwenden. Integration funktioniert nur durch gegenseitiges Bemühen. Wer in Südtirol arbeitet, sollte auch bereit sein, die deutsche Sprache im Alltag aktiv zu lernen und zu verwenden.

Laut Ihrem Antrag zeigen die Zahlen ein klares Ungleichgewicht: Italienischsprachige Südtiroler haben deutlich schwächere Deutschkenntnisse als deutschsprachige Südtiroler Italienischkenntnisse. Warum fehlt der Mehrheit offenbar der Mut, dieses Problem offen zu benennen?

Weil man Angst hat, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Aber Probleme verschwinden nicht, nur weil man sie verschweigt. Die Realität ist doch: Die meisten deutschsprachigen Südtiroler sprechen sehr gut Italienisch, während viele italienischsprachige Bürger nie wirklich gezwungen waren, Deutsch im Alltag zu verwenden. Wenn wir echte Gleichberechtigung wollen, dann müssen wir dieses einfordern und das Ungleichgewicht ehrlich ansprechen – ohne Tabus und ohne Schönfärberei. Hier sind auch wir deutschsprachigen Südtiroler gefordert. Wir sollten im Alltag wieder bewusstes Deutsch sprechen und nicht sofort automatisch ins Italienische wechseln. Denn Sprache lernt man nicht nur im Unterricht, sondern vor allem im täglichen Leben. Gleichzeitig ist auch die Privatwirtschaft gefragt. Unternehmen sollten ihre Mitarbeiter stärker dabei unterstützen und auch einfordern, dass man in Südtirol die deutsche Sprache lernt und im Arbeitsalltag verwendet. Echte Zweisprachigkeit funktioniert nur, wenn beide Seiten bereit sind, ihren Beitrag zu leisten.

Ist die Ablehnung Ihres Antrags auch ein Zeichen dafür, dass die Landesregierung das Problem lieber verwaltet, statt es zu lösen – weil jede ehrliche Debatte über die deutsche Sprache sofort als politisch unbequem gilt?

Diesen Eindruck haben viele Südtiroler. Man redet viel über Zusammenleben und Mehrsprachigkeit, aber sobald konkrete Maßnahmen vorgeschlagen werden, wird abgeblockt. Dabei geht es hier nicht um Ideologie, sondern um Fairness und Respekt gegenüber allen Sprachgruppen. Wer Probleme nur verwaltet, statt sie zu lösen, gefährdet langfristig den sozialen Frieden in unserem Land.

Der Skandal um gefälschte Zweisprachigkeitszertifikate hat gezeigt, dass formale Nachweise offenbar nicht immer ausreichen. Warum blockiert die Mehrheit dennoch strengere Kontrollen im Bewerbungsverfahren?

Die Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass die Zweisprachigkeit im öffentlichen Dienst tatsächlich vorhanden ist und nicht nur auf einem Stück Papier steht. Wer täglich mit Menschen arbeitet, muss beide Landessprachen wirklich beherrschen. Strengere Kontrollen wären daher kein Misstrauen, sondern eine Selbstverständlichkeit im Interesse der Bürger und der Qualität der Verwaltung. Ich habe bereits im Jänner einen Antrag mit 15 konkreten Maßnahmen eingebracht und damals schon darauf hingewiesen, dass gefälschte Zweisprachigkeitszertifikate ein ernstes Problem darstellen. Einige haben das damals noch belächelt. Wenige Wochen später war das Thema plötzlich in allen Medien präsent und dieselben Personen zeigten sich empört. Genau deshalb braucht es endlich konsequente Kontrollen statt bloßer Lippenbekenntnisse.

Sie fordern verpflichtende Bewerbungsgespräche in beiden Landessprachen. Wenn jemand im öffentlichen Dienst mit Bürgern arbeiten will, müsste das eigentlich selbstverständlich sein. Warum ist selbst diese Selbstverständlichkeit politisch umstritten?

Weil manche offenbar Angst haben, klare Standards einzufordern. Aber die Menschen erwarten zu Recht, dass sie auf dem Amt in ihrer Sprache verstanden werden. Wer im öffentlichen Dienst arbeitet, trägt Verantwortung gegenüber allen Bürgern dieses Landes und bekommt zusätzlich auch die Zulage für das Beherrschen beider Sprachen. Deshalb sollte es selbstverständlich sein, im Bewerbungsgespräch zu zeigen, dass man beide Landessprachen auch praktisch anwenden kann. Andernfalls verliert die Zweisprachigkeitszulage ihre Glaubwürdigkeit gegenüber den Steuerzahlern.

Wegen Pensionierungen und Fachkräftemangel droht der öffentliche Dienst in den kommenden Jahren unter großen Druck zu geraten. Besteht die Gefahr, dass die Mehrheit aus Personalmangel stillschweigend akzeptiert, dass Deutschkenntnisse weiter aufgeweicht werden?

Diese Gefahr besteht ganz klar. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie ernst man Prinzipien nimmt. Wenn man aus Personalmangel beginnt, bei den Sprachkenntnissen wegzuschauen, dann wird das langfristig enorme Folgen haben. Der öffentliche Dienst darf nicht nur funktionieren – er muss auch die Rechte aller Sprachgruppen garantieren. Sonst verliert Südtirol Stück für Stück genau jene sprachlichen Rechte, für die frühere Generationen hart kämpfen mussten.

Die Landesregierung will Fachkräfte gewinnen, lehnt aber gezielte Maßnahmen zur Rückholung junger Südtiroler und zur Bewerbung öffentlicher Stellen im deutschen Sprachraum ab. Ist das nicht ein Widerspruch, der am Ende zulasten der Zweisprachigkeit geht?

Ja, das ist widersprüchlich. Wir haben viele junge Südtiroler nördlich des Brenners, die gut ausgebildet sind und oft gerne zurückkommen würden. Stattdessen sucht man Fachkräfte überall in Italien, ohne gezielt im deutschen Sprachraum zu werben. Wer die Zweisprachigkeit erhalten will, muss auch dafür sorgen, dass genügend Mitarbeiter mit guten Deutschkenntnissen in den öffentlichen Dienst kommen.

Wenn Deutsch im öffentlichen Dienst zur bloßen Pflicht auf dem Papier wird, während intern immer öfter Italienisch dominiert: Wird die Autonomie dann nicht von innen ausgehöhlt – nicht durch Rom, sondern durch die eigene Landespolitik?

Genau das ist die große Gefahr. Die Autonomie wird nicht an einem einzigen Tag abgeschafft. Sie verliert ihre Substanz schrittweise, wenn ihre Grundprinzipien im Alltag nicht mehr gelebt werden. Wenn Deutsch im öffentlichen Dienst nur noch Formalität ist, dann verliert Südtirol einen zentralen Teil seiner Identität. Der Schutz unserer Sprache ist deshalb keine Nebensache, sondern eine Zukunftsfrage für unser Land und für kommende Generationen.

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