Mitten in Bozen: Wer hat diesen Auftritt genehmigt?

Was für die Teilnehmer Teil ihrer Religion sein mag, wirkte auf viele Außenstehende nicht wie ein harmloses Fest, sondern wie ein brachialer Auftritt im Herzen der Stadt. Nicht jeder kulturelle Brauch wird dadurch unproblematisch, dass man ihn „Tradition“ nennt. Und nicht alles, was unter dem Etikett der Vielfalt auftritt, muss von der einheimischen Bevölkerung widerspruchslos hingenommen werden.
Bozen ist kein Experimentierfeld für fremde Machtsymbolik
Religionsfreiheit ist ein hohes Gut. Niemand bestreitet, dass auch die Sikh-Gemeinschaft ihren Glauben leben darf. Aber Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass jede religiöse Symbolik automatisch in den öffentlichen Raum getragen werden muss – schon gar nicht in einer Form, die auf viele Bürger einschüchternd wirkt.
Der öffentliche Raum gehört allen. Gerade deshalb darf er nicht zur Bühne für Auftritte werden, die von großen Teilen der Bevölkerung nicht verstanden, nicht eingeordnet und nicht als angemessen empfunden werden. Wer mitten in Bozen mit einer derart fremden, wehrhaften Symbolik auftritt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob hier noch Rücksicht genommen wird – oder ob die Stadt einfach vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.
Toleranz heißt nicht Selbstaufgabe. Eine offene Gesellschaft muss nicht jede Inszenierung akzeptieren, nur weil sie religiös begründet wird. Sie darf Grenzen setzen. Sie darf sagen: Das passt nicht hierher. Nicht in dieser Form. Nicht in dieser Wucht. Nicht mit dieser Wirkung.
Die entscheidende Frage lautet: Welche Regeln galten?
Der eigentliche Skandal ist daher nicht, dass ein religiöses Fest stattgefunden hat. Der Skandal liegt darin, dass ein solcher Auftritt offenbar möglich war, ohne dass die Öffentlichkeit weiß, welche Regeln dafür galten.
War die Prozession angemeldet? Welche Strecke wurde bewilligt? Welche Auflagen gab es? Waren Ordnungskräfte vor Ort? Wurde geprüft, welche Gegenstände mitgeführt werden dürfen? Und wurde der Bevölkerung erklärt, was dort geschieht?
Gerade bei den sichtbaren Schwertern stellt sich diese Frage besonders deutlich. Auf den Bildern wirken sie jedenfalls nicht wie bloße Dekoration. Ob sie geschliffen, stumpf, ungeschliffen oder anderweitig gesichert waren, lässt sich anhand der Aufnahmen nicht abschließend beurteilen. Umso wichtiger ist eine klare Auskunft der zuständigen Behörden.
Es reicht nicht, hinterher zu sagen, es handle sich eben um religiöse Symbole. Im öffentlichen Raum zählt nicht nur die Absicht der Teilnehmer, sondern auch die Wirkung auf die Bevölkerung.
Der Unterschied zu den Schützen
Der naheliegende Einwand aus nicht patriotischen Kreisen wird nicht lange auf sich warten lassen: Auch die Schützen treten bei Prozessionen, Gedenkfeiern und offiziellen Anlässen mit historischen Waffen und wehrhaften Symbolen auf. Dieser Hinweis ist nicht falsch – aber er erklärt nicht alles. Denn zwischen einer in Südtirol gewachsenen Tradition und einer fremden religiösen Symbolik, die plötzlich in großer Wucht mitten in Bozen sichtbar wird, besteht ein Unterschied.
Die Schützen sind hier nicht Gäste, die ihre eigene Symbolwelt in eine fremde Stadt tragen. Sie gehören zur Geschichte dieses Landes. Ihre Tracht, ihre Fahnen, ihre Kompanien, ihre Gedenkfeiern und ihre Auftritte sind Teil des heimischen Brauchtums. Sie stehen für eine gewachsene Südtiroler Tradition, die hier verwurzelt ist und für die Bevölkerung lesbar bleibt.
Das bedeutet nicht, dass für die Schützen keine Regeln gelten. Selbstverständlich brauchen auch sie Genehmigungen, Ordnung und klare Abläufe. Aber sie treten in ihrer eigenen Heimat auf, in einem kulturellen Rahmen, der aus der Geschichte dieses Landes heraus entstanden ist. Wer in Südtirol Schützen sieht, weiß in der Regel, worum es geht: um Brauchtum, Erinnerung, Heimat und ein historisch gewachsenes Selbstverständnis.
Beim Nagar Kirtan war die Wirkung eine andere. Viele Bürger sahen eine große religiöse Prozession, deren Symbolik ihnen fremd war und deren Auftreten mitten in Bozen einschüchternd wirken konnte. Diese Verunsicherung ist kein Beweis für Intoleranz. Sie ist eine nachvollziehbare Reaktion auf einen Auftritt, der in dieser Form nicht aus der Geschichte unseres Landes heraus verständlich ist, sondern als fremde, massive Inszenierung in den öffentlichen Raum getragen wurde.
Der Unterschied liegt also nicht darin, dass für die einen Regeln gelten und für die anderen nicht. Der Unterschied liegt darin, ob eine Tradition in der eigenen Heimat gewachsen ist – oder ob eine fremde Symbolik plötzlich in einer Wucht auftritt, die viele Einheimische nicht mehr als kulturelle Vielfalt, sondern als Zumutung empfinden.
Man stelle sich vor, Südtiroler Schützen würden in Indien, Pakistan oder einem anderen fremden Land in voller Montur, mit Säbeln und Gewehren durch die Straßen marschieren. Wie lange würde es dauern, bis von Provokation, Einschüchterung oder mangelndem Respekt gegenüber der dortigen Mehrheitsgesellschaft die Rede wäre?
Integration heißt Anpassung an den öffentlichen Rahmen
Wer hier lebt, darf seine Herkunft und seinen Glauben nicht verleugnen müssen. Aber er muss akzeptieren, dass Südtirol nicht nur Kulisse für mitgebrachte Traditionen ist. Integration bedeutet nicht, dass sich die Aufnahmegesellschaft an jede fremde Symbolik gewöhnen muss. Integration bedeutet auch Anpassung, Maß und Rücksicht.
Gerade in Bozen, einer Stadt mit einer schwierigen Geschichte und einer ohnehin sensiblen Symbolpolitik, kann man solche Auftritte nicht einfach als „buntes Fest“ verkaufen. Hier wird über jedes Denkmal, jede Fahne, jede historische Bezeichnung gestritten. Dann muss erst recht gefragt werden dürfen, warum eine fremde religiöse Prozession in dieser Form durch die Stadt ziehen kann.
Toleranz ist gut. Aber Toleranz endet dort, wo sie von der Bevölkerung verlangt, das eigene Unbehagen zu schlucken und jeden Widerspruch als Engstirnigkeit abzustempeln. Eine Gesellschaft, die sich selbst ernst nimmt, darf sagen: Wir respektieren eure Religion – aber nicht jede öffentliche Inszenierung davon passt in unsere Stadt.






