Lukas Steinwandter

18.02.2021

Warum die Kritik an „Zomholten“ Heuchelei ist

Der Lockdown zehrt an der Substanz, im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und menschlichen Sinne. Nach fast einem Jahr coronabedingter Einschränkungen stehen Existenzen vor dem Abgrund. Das sind keine Floskeln, das sind Fakten. In den Sonntagsreden und wohlklingenden Rechtfertigungen der dafür mitverantwortlichen Politiker und Bürokraten hören wir nur, man müsse solidarisch mit dieser und jener vulnerablen Gruppe sein. Die Gesellschaft müsse jetzt zusammenhalten.

Bild: Pixabay_kleinmoni59

Doch vom Landhaus angeordnete Solidarität ist keine. Solidarität ist vor allem dann Solidarität, wenn sie freiwillig ist. Der Autor Reinhard K. Sprenger konstatierte vor kurzem in der Neuen Zürcher Zeitung, Solidarität sei zerstört, „wenn sie als kollektiver moralischer Imperativ, gar als politisches Programm zur Anpassung oder Umerziehung eingesetzt wird“.

In diesem Fall verkomme sie zu einer „rhetorischen Moralkeule der Gemeinschaftsseligkeit“, die Freiheitsrechte beschneide.

Angelika Kaufmann – „Südtiroler des Tages“

Wie gut tut es in so einer für viele (nicht für Politiker und Bürokraten) ernsten Lage, wenn es Mitmenschen gibt, die die Sorgen anderer ernst nehmen und uneigennützig und aus eigener Kraft helfen. So wie es die Lananerin Angelika Kaufmann seit einigen Tagen erfolgreich vormacht.

Via Facebook bauten sie und ihr Team unter dem Motto „Zomholten“ einen digitalen Marktplatz und unbürokratische lokale Spendenplattformen auf, womit Bedürftigen geholfen wird, angefangen mit Lebensmitteln bis hin zur Bezahlung von Strom- oder Zahnarztrechnungen. Der Radiosender Südtirol1 kürte sie und ihre Initiative deshalb am Montag zum „Südtiroler des Tages“.

In der Vergangenheit suchen

Doch keine 24 Stunden später trübte sich der Himmel über „Zomholten“. Zumindest wenn man von der moralisch erhabenen, gutmenschlichen, also linken Talseite draufschaute. Aufmerksame Geister mit viel Tagesfreizeit kramten ältere Facebook-Einträge Kaufmanns heraus, in denen es um krude Verschwörungstheorien über den neuen US-Präsidenten Joe Biden, über angebliche weltverschwörerische Hintergründe der Flüchtlingskrise oder um ihre politische Präferenz geht.

Die üblichen Medien veröffentlichten die üblichen Artikel. Die erwartbaren Facebook-Nutzer schrieben die erwartbaren Einträge. Den Vogel ab schoss eine Salto-Autorin, die auf Twitter ihre Kritik an der „Zomholten“-Initiative unter anderem damit rechtfertigte, sie könne nicht ausschließen, dass die Macher und Beteiligten dunkelhäutige Mädchen im Schwimmbad neben sich ertrinken lassen würden.

Wer hilft, soll selbst entscheiden können

Klar, wer ein so irrational schlechtes Bild von seinen Landsmännern und -frauen hat, dem fällt alles ein, aber sicher kein ehrliches Lob oder Anerkennung für die selbstlose Leistung. Ein Teil der Kritik richtete sich auch gegen einige Äußerungen, die Kaufmann tätigte, um für ihre Hilfsorganisation zu werben. „Von Südtirolern für Südtiroler“, hieß es etwa.

Was daran schlecht sein soll? Das wissen wohl nur die Hohepriester des Antirassismuskults. Denn wer etwas von sich hergibt, weil er seinem Nächsten in einer Notsituation helfen möchte, der kann schlussendlich selber entscheiden, wem er es gibt. Und all den Milliarden Menschen helfen, denen es wirtschaftlich schlechter geht als den Südtirolern, das können auch die besten aller Gutmenschen nicht.

Kann ein schlechter Mensch Gutes tun?

Doch zurück zur Person Kaufmann. Wer die Hilfsbereitschaft eines Menschen herabwürdigt, negiert und verurteilt, weil er (in der Vergangenheit) die (vermeintlich) falschen politischen Ansichten hatte oder auf seinem Social-Media-Account gegen Einwanderer hetzte, der wird mit dem Richten über andere Menschen nicht mehr hinterher kommen.

Kann ein schlechter Mensch Gutes tun? Natürlich kann er. Und kann man sein Tun von seinen Ansichten oder vergangenem Handeln trennen? Natürlich kann man. Ein prominentes Beispiel ist der Baptistenpastor Martin Luther King. Kein Linker käme je auf die Idee, diesen Held der Bürgerrechtsbewegung schlechtzureden.

Setzten sie ihre Maßstäbe vom Fall Kaufmann auch bei King an, müssten sie es aber. Denn wie der Historiker, King-Biograf und Pulitzer-Preisträger David Garrow anhand von vor zwei Jahren freigegeben FBI-Akten herausfand, hatte King auch seine dunklen Seiten. Der Reverend, verheirateter Vater von vier Kindern, entpuppte sich durch die neuen Erkenntnisse als frauenverachtender Serien-Ehebrecher und Anstifter eines Vergewaltigers.

Motorradclub „Red Lions“ beendet seine Unterstützung

Als ein befreundeter Baptistenpfarrer in Begleitung von einem Dutzend Frauen mit King in einem Hotel darüber sinnierte, welche Sexpraktiken sich bei welcher der Frauen eignen würden, protestierte laut FBI eine der Kirchenangehörigen, woraufhin der befreundete Pfarrer sie vergewaltigte. Laut den Aufzeichnungen der Sicherheitsbehörde habe King „zugeschaut, gelacht und Tipps gegeben“.

Indes: Der öffentliche Druck im Fall Kaufmann wirkte. Der Motorradclub „Red Lions“, der zunächst die Spendengelder für „Zomholten“ einsammelte, beende seine Unterstützung. Man wolle „nicht groß in den Inhalt der entstandenen Polemiken einsteigen, aber trotzdem werden wir uns aus dem Projekt ab sofort zurückziehen, da wir als Motorradclub nicht in bestimmte Dinge verwickelt werden wollen, die nichts mit unseren Ideen und unserer Art zu tun haben“.

Wer meint, er könne es besser, soll es beweisen

Kaufmann tat das einzig Richtige in dieser absurden Situation und sprach mit der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft – und die Vereinigung steht ja wohl alles andere als im Verdacht, rassistisch zu sein. Die, so hieß es zunächst, werde fortan die Spendengelder abwickeln. Die Vereinigung widersprach dem allerdings. Und sollte es Kaufmann oder einigen der Organisatoren um etwas anderes als um Altruismus gehen, wie einige vermuten, dann wird „Zomholten“ sowieso so schnell wieder verschwinden, wie es aufgetaucht ist.

Kaufmanns Kritikern ist zumindest vorläufig der Wind aus den Segeln genommen. Sie sollten daraus lernen. Die Lananerin hat noch mehr Auszeichnungen verdient. Was sie macht, ist gelebte Zivilcourage, wie sie von Linken immer gefordert wird. Diejenigen mit dem erhobenen Moralzeigefinger sollten sich ein Beispiel an Kaufmann und den anderen Helfern nehmen.

Wem nicht recht ist, was sie tut und wie sie es tut, der muss bei „Zomholten“ nicht mitmachen. Und wer meint, er könne es besser, der soll eine eigene Hilfsplattform gründen. Wir sind gespannt.

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Lukas Steinwandter, Jg. 1990, der Journalist aus dem Hochpustertal arbeitet als Redakteur für die deutsche Wochenzeitung Junge Freiheit.

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