Ein Blog von

Georg Dekas

03.04.2018

Kein Grund zur Schadenfreude

Mit dem Satz „Große Sprünge…ins Gefängnis“ fertigt der hauseigene Kommentator „ka“ auf suedtirolnews die katalanische Unabhängigkeitsbewegung ab.

APA (AFP)

Die Wortwahl gibt deutlich zu verstehen, dass das Königreich Spanien im Recht ist und dass es sich lediglich verteidige. Es ist arg verwunderlich, dass ein Südtiroler Berufsschreiber für den Zentralstaat und gegen republikanische Selbstbestimmung spricht, aber jedem seine Meinung, solange es bei Meinung bleibt.

Ziemlich heiß wird es im Kern des Kommentars. Es geht gar nicht um das Wohl oder Wehe von alten Königreichen und neuen Republiken in Europa! Nein, hier ist wieder einmal selbstgefällige Südtiroler Nabelschau angesagt. Schwupps wechselt „ka“ die Schussrichtung und zielt auf die Freunde der katalanischen Bewegung in Südtirol. Sie hätten suggeriert, die Unabhängigkeit sei für Barcelona ein Spaziergang und gleich darauf könne Südtirol den „Traum von einem eigenen Ministaat“ verwirklichen. Verächtlich hätten diese auf die Abgeordneten herabgeschaut, die für Südtirol in Rom wie „körnerfressende Hamster“ „feilschen“. (Wer bitte hat sich je so geäußert?) Jetzt stünden die Katalanen und „die heimischen Selbstbestimmungsbefürworter“ „mit leeren Händen“ da. “Nein danke”, da lobe er sich die vielen kleinen Schritte, „die zu großen Erfolgen wie das Autonomiestatut führten“.

Hier werden ein paar Dinge völlig auf den Kopf gestellt und mutwillig lächerlich gemacht. Es ist einfach nur gemein, die Freunde der Selbstbestimmung als Träumer und Maulhelden hinzustellen, die nichts weiter als ihren eigenen „Ministaat“ wollten, vielleicht noch mit Zäunen drum herum. Mag sein, dass diese Vorstellung in manchen Köpfen herumschwirrt, aber diese wird leicht aufgewogen durch die Vorstellung von anderen, die ihr Heil in einem Superstaat sehen, also in einem unendlich durchlässigen europäischen Großreich. Beides sind extreme Enden, zwischen denen eine große Ebene liegt, auf der die Frage politischer Eigenständigkeit vielfältig, aber stets mit dem gebotenen Ernst abzuhandeln ist.

Vor allem aber sind die „heimischen Autonomiepolitiker“ nicht die Väter der Erfolgsgeschichte Südtiroler Autonomie! Es sind ihre Kärrner, und das sei mit großer Achtung gesagt. Damit die Südtiroler Autonomie das wurde, was sie heute ist, bedurfte es eines beinharten Kampfes, der vom April 1945 bis zum Juni 1992 geführt wurde. Dieser Kampf um die teilweise Wiedergutmachung für die verlorene Souveränität unseres Landes hat riesige Opfer gefordert. Es gab Großdemos, es gab Gewalt, Folter und Tod. Am Ende musste die UNO einschreiten, um den Zentralstaat, der mit massiver Militärgewalt aufmarschiert war, zu bändigen und in seine Schranken zu weisen. Das waren weit mehr als nur Gefängnisstrafen.

Dass wir Nachgeborene die Früchte dieses fast 50 Jahre andauernden Ringens einsammeln dürfen, sollte uns mit Dankbarkeit und Demut erfüllen anstatt mit selbstgefälliger Schadenfreude gegenüber anderen. Und ob es gefällt oder nicht – es gibt kein Ende der Geschichte, solange die Geschichte (der Menschheit) nicht am Ende ist.

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