Jeden Tag arbeiten – und mit 30 noch im Kinderzimmer schlafen?

Herr Tschenett, der ASGB fordert 500 Euro monatlich für junge Arbeitnehmer, damit sie sich eine eigene Wohnung leisten können. Was hat Sie zu diesem Vorstoß bewogen?
Schauen Sie sich doch um! Wir haben junge Menschen, die eine Ausbildung abgeschlossen haben, jeden Tag arbeiten gehen und trotzdem Schwierigkeiten haben, sich eine eigene Wohnung zu leisten. Da muss man sich schon fragen, was in unserem Land eigentlich falsch läuft. Wir sprechen ständig von Wohlstand, Vollbeschäftigung und guten Zukunftsaussichten. Aber was nützt das alles, wenn sich junge Menschen trotz eines sicheren Arbeitsplatzes kein eigenständiges Leben aufbauen können? Das macht mich nachdenklich. Und ja, es ärgert mich auch. Wir dürfen nicht zulassen, dass die erste eigene Wohnung für arbeitende Menschen zu einem Luxus wird.
Viele junge Südtiroler wohnen deshalb noch mit 30 Jahren bei ihren Eltern. Welche gesellschaftlichen Folgen sehen Sie darin?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn jemand gerne bei seinen Eltern wohnt, spricht überhaupt nichts dagegen. Aber wenn ein junger Mensch ausziehen möchte und es sich trotz geregelter Arbeit nicht leisten kann, dann haben wir ein Problem. Die erste eigene Wohnung bedeutet Freiheit, Selbstständigkeit und Verantwortung. Vielleicht möchte man mit seinem Partner zusammenziehen oder eine Familie gründen. Und denken wir auch an die Eltern! Viele unterstützen ihre erwachsenen Kinder weiterhin finanziell, obwohl diese längst auf eigenen Beinen stehen sollten. Wir reden hier nicht von Luxuswünschen, sondern von ganz normalen Lebensperspektiven. Wenn wir diese nicht mehr ermöglichen können, müssen wir dringend etwas ändern.
Ihr Vorschlag sieht 500 Euro monatlich für zwei Jahre vor. Warum gerade diese zeitlich begrenzte Unterstützung?
Weil wir jungen Menschen den entscheidenden Anstoß geben möchten. 500 Euro im Monat sind eine spürbare Entlastung. Über zwei Jahre sprechen wir von insgesamt 12.000 Euro. In dieser Zeit kann man sich einrichten, finanziell organisieren, Rücklagen aufbauen und seine weitere Zukunft planen. Wir wollen niemanden dauerhaft vom Staat abhängig machen. Wir wollen helfen, dass junge Arbeitnehmer überhaupt erst den Sprung in ein eigenständiges Leben schaffen. Dafür sollte ein unbefristeter Arbeitsvertrag doch eine ausreichende Grundlage sein.
Die Förderung soll ausdrücklich ohne EEVE gewährt werden. Damit könnten auch junge Menschen profitieren, die eigentlich gut verdienen. Ist das gerecht?
Wir reden bewusst nicht über eine klassische Sozialleistung, sondern über eine Starthilfe für die arbeitende Jugend. Für Menschen mit geringem Einkommen braucht es selbstverständlich weiterhin gezielte Unterstützungen. Mit unserem Vorschlag verfolgen wir aber ein anderes Ziel: Wir möchten jungen Arbeitnehmern den Schritt in die Selbstständigkeit erleichtern, ohne dass sie zuerst ihre gesamten Einkommens- und Vermögensverhältnisse offenlegen müssen. Gerade in Südtirol kann selbst ein ordentliches Einkommen angesichts der Wohnkosten schnell an seine Grenzen stoßen. Wir wollen klare Voraussetzungen, aber keinen neuen bürokratischen Hindernislauf.
Besteht nicht die Gefahr, dass die Vermieter ihre Mieten einfach um 500 Euro erhöhen und die Förderung damit wirkungslos wird?
Genau deshalb haben wir uns weitergehende Gedanken gemacht. Es wäre vollkommen sinnlos, jungen Arbeitnehmern 500 Euro zu geben, wenn dieses Geld am Ende nur höhere Mieten finanziert. Wir wollen deshalb die bestehenden Gebietsabkommen für begünstigte Mietverträge als Grundlage heranziehen. Sie sehen nachvollziehbare Mietzinsbandbreiten vor, die sich unter anderem nach Lage, Größe und Ausstattung der Wohnung richten. Gleichzeitig müssen wir die Vermieter ins Boot holen. Unser Ziel ist ein Wohnpakt, bei dem der junge Arbeitnehmer eine leistbare Wohnung bekommt und der Eigentümer einen wirtschaftlichen Vorteil hat, wenn er langfristig und zu fairen Bedingungen vermietet.
Sie wollen also auch den Vermietern entgegenkommen. Warum?
Weil wir endlich aufhören müssen, Mieter und Vermieter gegeneinander auszuspielen! Viele Eigentümer haben durchaus nachvollziehbare Bedenken, wenn es um eine langfristige Vermietung geht. Was passiert, wenn die Miete nicht mehr bezahlt wird? Wer kommt für Schäden auf? Was geschieht bei einem langwierigen Rechtsstreit? Wenn wir wollen, dass zusätzliche Wohnungen auf den Mietmarkt kommen, müssen wir diese Sorgen ernst nehmen. Deshalb fordern wir massive finanzielle Anreize, darunter eine Senkung der GIS auf höchstens 0,3 Prozent für entsprechende Mietverhältnisse. Wer fair und langfristig vermietet, soll dafür auch belohnt werden. Und wer eine bisher leerstehende Wohnung wieder zur Verfügung stellt, sollte zusätzliche Vorteile erhalten können.
Stichwort Mietausfälle: In Südtirol gibt es bereits einen gesetzlich vorgesehenen Garantiefonds für Vermieter. Allerdings funktioniert dieser bis heute nicht. Wie beurteilen Sie das?
Das ist für mich völlig unverständlich! Wir diskutieren darüber, wie wir mehr Wohnungen auf den Markt bringen können, und gleichzeitig haben wir ein Instrument, das genau dabei helfen könnte, das aber nicht funktioniert. Wohnbaulandesrätin Ulli Mair hat erst im September bestätigt, dass der Fonds noch immer nicht operativ ist, weil die Frage seiner Verwaltung nicht gelöst wurde. Ein Garantiefonds, der nur auf dem Papier existiert, hilft niemandem! Wir verlangen deshalb, dass dieser endlich funktionsfähig gemacht wird. Ein Eigentümer muss sich darauf verlassen können, dass klar geregelte Mietausfälle und nachgewiesene Schäden abgesichert sind. Wer seine Wohnung vermietet, darf mit diesen Risiken nicht einfach allein gelassen werden.
Nun hat Ministerpräsidentin Giorgia Meloni angekündigt, die sogenannte Cedolare Secca bei begünstigten Mietverträgen von zehn auf fünf Prozent und bei Vermietungen an junge Menschen bis 35 Jahre sogar auf ein Prozent senken zu wollen. Ihr offener Brief wurde zwei Tage zuvor verfasst. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Natürlich begrüße ich, dass sich auch die italienische Regierung mit solchen Anreizen beschäftigt. Das geht in die Richtung, die wir mit unserem Wohnpakt verfolgen. Vermieten muss attraktiver werden, insbesondere wenn dadurch junge Menschen leichter eine Wohnung finden. Entscheidend ist allerdings, dass aus der Ankündigung auch tatsächlich eine gesetzliche Regelung wird. Und wir dürfen dabei die Südtiroler Besonderheiten nicht vergessen. Denn die steuerliche Entlastung der Vermieter allein löst unser Wohnungsproblem noch nicht.
Was meinen Sie mit den Südtiroler Besonderheiten?
Der bisherige begünstigte Steuersatz gilt bei entsprechenden Mietverträgen grundsätzlich nur in sechs Südtiroler Gemeinden: Bozen, Meran, Leifers, Eppan, Lana und Algund. Sollte diese Einschränkung auch bei der neuen Regelung bestehen bleiben, hätten wir weiterhin eine erhebliche Ungleichbehandlung. Es kann doch nicht sein, dass die Vermietung an einen jungen Arbeitnehmer in Bozen steuerlich wesentlich attraktiver ist als beispielsweise in Brixen oder Bruneck! Wir wissen, dass die Festlegung der begünstigten Gemeinden Sache des Staates ist. Das Land kann diese Regelung nicht eigenmächtig ändern. Aber es kann sich in Rom für eine Ausweitung einsetzen und in der Zwischenzeit mit eigenen Förderbeiträgen einen finanziellen Ausgleich für Vermieter in den übrigen Gemeinden schaffen. Genau das schlagen wir vor. Dazu kommt die von uns geforderte massive GIS-Senkung, für die Land und Gemeinden gemeinsam die Voraussetzungen schaffen müssen.
Kritiker werden einwenden, dass sich das Land eine derart umfassende Förderung kaum leisten kann. Woher soll das Geld kommen?
Natürlich kostet das Geld. Und selbstverständlich müssen die Kosten und die Finanzierung seriös geprüft werden. Aber die entscheidende Frage lautet doch: Welche Prioritäten setzen wir? Wir reden ständig darüber, dass uns Fachkräfte fehlen, junge Menschen abwandern und unsere Wirtschaft dringend Nachwuchs braucht. Gleichzeitig wird das Wohnen für viele zur größten finanziellen Hürde. Das passt doch nicht zusammen! Wir können nicht einerseits beklagen, dass uns junge Arbeitskräfte fehlen, und andererseits einfach hinnehmen, dass sich diese Menschen das Leben in Südtirol kaum noch leisten können. Die Zukunft unserer Jugend muss uns etwas wert sein.
Mit Ihrem offenen Brief wenden Sie sich direkt an die Landesregierung, den Landtag und die Gemeinden. Was erwarten Sie sich konkret von der Politik?
Zunächst einmal, dass unsere Vorschläge ernsthaft geprüft werden. Wir haben diesen Brief nicht verfasst, um ein paar Schlagzeilen zu produzieren. Wir wollen etwas bewegen. Deshalb fordern wir einen gemeinsamen Tisch mit der Politik, den Gemeinden, den Gewerkschaften, dem Verband der Hauseigentümer und den Vertretern des Mieterschutzes. Es braucht einen Schulterschluss, bei dem alle ihren Beitrag leisten. Ich erwarte nicht, dass morgen schon alles beschlossen wird. Aber ich erwarte, dass sich die Verantwortlichen mit der notwendigen Dringlichkeit damit befassen. Wir haben bereits zu viel Zeit mit Diskussionen und Ankündigungen verloren.
Zum Abschluss, Herr Tschenett: Was würden Sie einem jungen Südtiroler sagen, der jeden Morgen zur Arbeit geht und trotzdem noch bei seinen Eltern wohnen muss, weil er sich keine eigene Wohnung leisten kann?
Ich würde ihm sagen, dass wir seine Situation ernst nehmen. Und dass wir als Gewerkschaft dafür kämpfen wollen, dass sich daran etwas ändert. Wissen Sie, es macht mich traurig, wenn junge Menschen trotz geregelter Arbeit das Gefühl bekommen, sich in ihrer eigenen Heimat keine Zukunft aufbauen zu können. Das darf nicht zur Normalität werden. Wir brauchen unsere Jugend. Wir brauchen ihren Einsatz, ihre Ideen und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Aber dann müssen wir ihr auch die Möglichkeit geben, selbstständig zu werden. Wer arbeitet, muss sich in Südtirol auch ein eigenes Zuhause leisten können.






