Wie lange bleibt ein Gast eigentlich noch?

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer gibt an, wie viele Nächte ein Gast bleibt. Sie ergibt sich aus den Übernachtungen geteilt durch die Ankünfte. Das Landesinstitut für Statistik führt diese Kennzahl auf Anfrage von UT24 selbst nicht als durchgehende Zeitreihe, bestätigt die Berechnung aber als korrekt. Rechnet man sie aus den veröffentlichten Jahreswerten zurück, ergibt sich ein klares Bild:
Der Höhepunkt lag in den Siebzigerjahren bei 8,6 Tagen. Seither hat sich die Aufenthaltsdauer halbiert. Der Rückgang läuft seit fünfzig Jahren nahezu ununterbrochen, unterbrochen nur vom Coronajahr 2020, als sie kurz auf 4,7 Tage stieg. Im September 2026 lag sie bei vier Tagen, nach 4,2 im September davor.
Zum auffälligen Anstieg zwischen 1960 und 1970 teilt das ASTAT mit, dass es in diesem Zeitraum keine Änderung der Erhebungsmethode gab. Die Nächtigungen stiegen damals um 169 Prozent, die Ankünfte nur um 63 Prozent. Die Gäste kamen also nicht nur zahlreicher, sie blieben auch deutlich länger. Über die Gründe sagt die Statistik nichts, sie zeigt nur die Mengen.
Die Rechnung, die niemand aufmacht
Entscheidend ist, was eine kürzere Aufenthaltsdauer bedeutet, wenn die Nächtigungen gleich bleiben sollen. Denn dann braucht es mehr Anreisen. Südtirol zählte 2025 insgesamt 38,24 Millionen Nächtigungen. Bei der Aufenthaltsdauer von 1970 hätten dafür rund 4,45 Millionen Anreisen gereicht. Tatsächlich waren es 9,07 Millionen. Das sind rund 4,6 Millionen zusätzliche Anreisen im Jahr, ohne dass eine einzige Übernachtung mehr zustande gekommen wäre. Oder kürzer: Südtirol bewältigt heute für dieselbe Zahl an Nächtigungen doppelt so viele Anreisen wie vor fünfzig Jahren.
Auch der jüngste Schritt ist greifbar. Würde die Aufenthaltsdauer des Septembers 2026 für ein ganzes Jahr gelten, bräuchte es für die Nächtigungen von 2025 rund 9,56 Millionen Anreisen statt 9,07 Millionen. Das sind fast 490.000 zusätzliche Anreisen, allein durch zwei Zehntel Tage. Jede dieser Anreisen bedeutet eine Fahrt über den Brenner oder durchs Etschtal, einen Zimmerwechsel, eine Reinigung, einen Check-in und einen Check-out.
Das Muster zieht sich durch den ganzen Sommer
Dass es sich nicht um einen einzelnen Monat handelt, zeigen die Daten der vergangenen Saison. In jedem Sommermonat 2026 stiegen die Ankünfte deutlich stärker als die Übernachtungen:
- Juli: Ankünfte plus 5,9 Prozent, Übernachtungen plus 2,2 Prozent
- August: Ankünfte plus 3,7 Prozent, Übernachtungen plus ein Prozent
- September: Ankünfte plus 11,2 Prozent, Übernachtungen plus 8,4 Prozent
Im Pustertal sank die Aufenthaltsdauer im Juli von 4,9 auf 4,7 Tage, im August von 5,2 auf 5,1. Das ASTAT selbst hält fest, dass die Ankünfte seit 2003 stärker steigen als die Übernachtungen.
Was das für die Betriebe heißt
Für einen Betrieb ist ein Gast, der vier Nächte bleibt, etwas anderes als ein Gast, der acht Nächte bleibt. Bei gleicher Bettenzahl und gleicher Auslastung verdoppelt sich die Zahl der Wechsel. Jeder Wechsel bedeutet Endreinigung, Wäsche, Anmeldung, Meldung an die Meldestelle, Abrechnung, Schlüsselübergabe. Der Umsatz pro Bett bleibt dabei im besten Fall gleich. Der Aufwand nicht. Und der Aufwand fällt in einem Land an, das seit Jahren über Personalmangel im Gastgewerbe klagt, bei einem Medianlohn, der in der Beherbergung bei 28.947 Euro und in der Gastronomie bei 24.927 Euro brutto im Jahr liegt.
Dazu kommt die Verteilung. Kürzere Aufenthalte heißen nicht nur mehr Wechsel, sondern auch, dass sich diese Wechsel auf dieselben wenigen Anreisetage konzentrieren. Wer samstags im Sommer auf der Brennerautobahn oder der MeBo unterwegs ist, kennt das Ergebnis.
Die Zahl, die fehlt
An dieser Stelle wird es bemerkenswert. Tourismuslandesrat Luis Walcher hat im Mai, bei der Vorstellung der Jahreszahlen, gesagt: „Es ist mir ein großes Anliegen, die Aufenthaltsdauer zu verlängern und dafür auch in nachhaltige Mobilitätskonzepte zu investieren.“ Auf die Frage, wie viele Gäste mit Bahn und Bus anreisen, teilt das ASTAT allerdings mit, dass es dazu keine Angaben gibt. Die vorhandenen Mobilitätserhebungen beziehen sich auf das Verhalten der Südtiroler Bevölkerung, nicht auf die Verkehrsmittel, mit denen Gäste ins Land kommen.
Südtirol erfasst seine Gäste also tagesgenau, nach Herkunftsland, nach Betriebskategorie und nach Gemeinde. Wie sie ankommen, erfasst es nicht. Wer kürzer bleibt, reist häufiger an. Wer häufiger anreist, erzeugt mehr Verkehr. Ob dieser Verkehr auf der Straße oder auf der Schiene stattfindet, weiß niemand.
Südtirol ist damit nicht allein
Der Trend zu kürzeren Reisen ist kein Südtiroler Sonderweg. In Tirol blieben die Gäste vor dreißig Jahren im Schnitt 6,6 Tage, vor zwanzig Jahren 5,6, vor zehn Jahren 5,1. Zuletzt lag der Wert bei rund 4,1 Tagen. Südtirol liegt mit 4,2 Tagen im Jahresschnitt also ungefähr dort, wo auch die Nachbarn stehen, und ist traditionell eher am oberen Ende des Alpenraums. Der Trend wirkt alpenweit, und einzelne Mobilitätskonzepte werden ihn kaum umkehren.






