Sechs Förderplätze, sechsmal Gaza – und 1.200 Euro monatlich

Die Freie Universität Bozen hat ein besonderes Förderprogramm für Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten eingerichtet. Unter dem Namen SCAAC (Support Programme for Students from Countries Affected by Armed Conflicts) sollen sechs Teilnehmer für knapp ein Jahr nach Südtirol kommen können, um universitäre Lehrveranstaltungen und Sprachkurse zu besuchen. Sie können dabei Studienleistungen erwerben und sich auf ein späteres ordentliches Studium vorbereiten. Ein regulärer Studienplatz ist mit der Aufnahme allerdings noch nicht verbunden.
Das Programm bietet eine umfangreiche Unterstützung: Jeder Teilnehmer erhält monatlich 1.200 Euro einschließlich Steuern für Unterkunft und Lebenshaltungskosten. Hinzu kommen zwei kostenlose Mahlzeiten täglich in der Universitätsmensa, ausgenommen Samstagabend und Sonntag. Die Universität hilft bei der Wohnungssuche, stellt einen akademischen Betreuer zur Verfügung und ermöglicht die kostenlose Nutzung eines Leih-Laptops. Auch psychologische Unterstützung auf Anfrage sowie Sportangebote gehören zum Programm. Studiengebühren entfallen bis auf eine Stempelgebühr von 16 Euro.
Wer zuerst klickt, gewinnt
Zwischen dem 15. und 30. September gingen 20 Bewerbungen aus dem Gazastreifen, dem Westjordanland, Afghanistan, Pakistan und Ruanda ein. Wie aus einer schriftlichen Antwort von Landesrat Philipp Achammer auf eine Landtagsanfrage der Grünen hervorgeht, stammen die ersten sechs gültigen Bewerbungen allesamt aus dem Gazastreifen.
Besonders kurios ist das Auswahlverfahren. Nicht die individuelle Notlage der Bewerber gab den Ausschlag, sondern der Zeitpunkt, zu dem die vollständigen Unterlagen eingereicht wurden. Wer schneller war, hatte die Nase vorn.
Die Universität begründet dies mit der Einfachheit und Überprüfbarkeit des Verfahrens. Eine individuelle Bewertung nach Schutzbedürftigkeit hätte hingegen besondere Kriterien und Fachkenntnisse erfordert.
Dabei räumt die Hochschule selbst ein, dass die Geschwindigkeit einer Bewerbung nicht zwangsläufig den tatsächlichen Unterstützungsbedarf widerspiegelt. Gerade Menschen in Kriegsgebieten können jedoch Schwierigkeiten haben, Dokumente zu beschaffen oder eine funktionierende Internetverbindung zu finden.
Was weiß man über die Bewerber?
Doch damit beginnen erst die eigentlichen Fragen. Schließlich stammen die Interessenten aus Regionen, in denen Krieg, Gewalt und politische Instabilität das Leben seit Jahren prägen.
Der Gazastreifen stand jahrelang unter der Herrschaft der islamistischen Hamas. Diese wird von der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft. Selbstverständlich lässt sich daraus keine Aussage über die politische Einstellung einzelner Bewerber ableiten. Dennoch ist die Frage berechtigt, welche Sicherheitsüberprüfungen vorgesehen sind und wie mögliche Verbindungen zu extremistischen Organisationen überprüft werden.
Welche Behörden sind eingebunden? Welche Identitätskontrollen finden statt? Und überprüft die Universität über die staatlichen Visa- und Aufenthaltsverfahren hinaus weitere Voraussetzungen?
Was Krieg mit Menschen machen kann
Auch die psychische Belastung von Menschen, die aus Kriegsgebieten kommen, verdient Aufmerksamkeit. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Kriegserfahrungen das Risiko für posttraumatische Belastungsstörungen erheblich erhöhen können.
Eine 2020 veröffentlichte internationale Metaanalyse unter Federführung von Jonathan Henkelmann fand bei einem erheblichen Anteil der untersuchten Geflüchteten Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen.
Untersuchungen, die das US-amerikanische National Center for PTSD zusammenfasst, zeigen zudem statistische Zusammenhänge zwischen solchen Belastungsstörungen und aggressivem bzw. gewalttätigem Verhalten.
Die Universität bietet im Rahmen des Programms auf Anfrage psychologische Unterstützung an. Ob darüber hinaus eine systematische Abklärung möglicher psychischer Belastungen erfolgt, geht aus den veröffentlichten Leistungen nicht hervor.
Ein Blick nach Deutschland
Dass Fragen zu Sicherheit und Integration gesellschaftlich brisant sind, zeigen auch die deutschen Kriminalstatistiken. Nach einer Antwort der deutschen Bundesregierung vom Mai 2026 lag die polizeiliche Tatverdächtigenbelastungszahl bei Gewaltkriminalität im Jahr 2025 für syrische Staatsangehörige bei 1.722 je 100.000 Einwohner, für deutsche Staatsangehörige bei 158.
Und wer denkt an Südtirol?
Schließlich stellt sich eine grundsätzliche Frage: Welche Prioritäten setzt Südtirol angesichts wachsender Zuwanderung und zunehmender Wohnungsnot?
Ende 2024 lebten bereits 57.884 ausländische Staatsbürger in Südtirol. Das entspricht 10,7 Prozent der Bevölkerung. Gleichzeitig fällt es vielen jungen Einheimischen schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Selbst Arbeitnehmer mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag haben in Bozen teilweise kein Dach über dem Kopf.
Sechs zusätzliche Personen werden die Wohnungsnot gewiss nicht verursachen. Trotzdem muss sich auch ein solches Förderprogramm Fragen gefallen lassen.
7.200 Euro im Monat – und das ist längst nicht alles
Allein die monatliche finanzielle Unterstützung summiert sich bei sechs Teilnehmern auf 7.200 Euro. Bei einer rein rechnerischen Laufzeit von zwölf Monaten wären das 86.400 Euro. Die tatsächliche Gesamtsumme hängt von der Dauer der Förderung ab.
Hinzu kommen die kostenlosen Mahlzeiten, die Betreuung durch akademische Tutoren, Beratungsleistungen, die Bereitstellung von Leihgeräten und weitere Angebote. Die Teilnehmer sind außerdem von den regulären Studiengebühren befreit. Eine kostenlose Unterkunft wird hingegen nicht zugesagt. Die Universität unterstützt lediglich bei der Suche.
Wie hoch die Gesamtkosten des Programms ausfallen und aus welchen Mitteln es finanziert wird, geht aus den vorliegenden Angaben nicht hervor.
Damit stellt sich auch die Frage, nach welchen Maßstäben die Universität solche Ausgaben priorisiert und wie transparent sie darüber Rechenschaft ablegt. Gerade angesichts der angespannten Wohnsituation und der finanziellen Herausforderungen vieler Studenten in Südtirol ist das von öffentlichem Interesse.
Und was geschieht nach einem Jahr?
Erwähnenswert ist schließlich auch noch, dass die Aufnahme in das Förderprogramm noch keinen regulären Studienplatz bedeutet. Die Teilnehmer können einzelne Lehrveranstaltungen und Sprachkurse besuchen. Wer anschließend ein ordentliches Studium beginnen möchte, muss die regulären Zulassungsvoraussetzungen erfüllen.
Doch was geschieht, wenn diese Voraussetzungen nicht erfüllt werden? Endet damit auch der Aufenthalt in Südtirol? Oder besteht die Möglichkeit, auf anderem Wege hierzubleiben? Die Antworten auf diese Fragen dürften sicherlich viele Südtiroler interessieren.






