Südtirols Arzttermine: Statistik wird besser, das Warten nicht

Der wichtigste Punkt in der Antwort des Südtiroler Sanitätsbetriebs an UT24 steht gleich am Anfang. Eine Wartezeit allein sagt wenig aus. Entscheidend sei, wie dringend ein Fall medizinisch eingestuft wird. Dafür gibt es im italienischen und damit auch im Südtiroler Gesundheitswesen vier Dringlichkeitsstufen, fachsprachlich Prioritätsklassen genannt. Auf jeder Verschreibung steht, in welche davon eine Visite oder eine Untersuchung fällt.
Laut Sanitätsbetrieb gelten diese Fristen:
- U (dringend): sofort, innerhalb von 24 Stunden, der Zugang läuft normalerweise über die Notaufnahme
- B (prioritär): Termin innerhalb von zehn Tagen
- D (aufschiebbar): Facharztvisiten innerhalb von 30 Tagen, diagnostische Leistungen innerhalb von 60 Tagen
- P (programmiert): innerhalb von 120 Tagen
Die erste Stufe werde in Südtirol praktisch immer eingehalten, teilt die Pressestelle des Sanitätsbetriebs mit. In den vergangenen zwei Jahren habe man gemeinsam mit dem Gesundheitsressort vor allem an der zweiten Stufe gearbeitet, also an den prioritären Leistungen. Dort seien große Fortschritte gelungen
Wo es gut läuft
Bei den Facharztvisiten der Stufe B werden nach Angaben des Sanitätsbetriebs rund 90 Prozent der Termine innerhalb der vorgesehenen Frist angeboten. Das sei klinisch besonders wichtig, weil hier jene Menschen erfasst werden, die rasch abgeklärt oder behandelt werden müssen. In der Neurochirurgie, der Schmerztherapie und der Urologie liege die Wartezeit für prioritäre Visiten mittlerweile bei fünf bis sieben Tagen. Auch bei der prioritären Diagnostik gelinge es beim Großteil der Untersuchungen, die Frist von höchstens 60 Tagen einzuhalten. Besonders deutlich verbessert haben sich laut Sanitätsbetrieb im Vergleich zwischen September 2025 und September 2026 unter anderem diese Untersuchungen:
- Ultraschall der Schilddrüse: von 64 auf zwölf Tage
- Koloskopie: von 73 auf 33 Tage
- Ultraschall der Brust: von 37 auf drei Tage
Wo die Leserbriefe herkommen
Anders sieht es bei den aufschiebbaren Visiten der Stufe D aus, für die eigentlich 30 Tage vorgesehen sind. Hier spricht der Sanitätsbetrieb selbst von einem gemischten Bild. Zu lange sind die Wartezeiten demnach vor allem in drei Bereichen:
- aufschiebbare urologische Visite: 138 Tage
- aufschiebbare dermatologische Visite: 110 Tage
- aufschiebbare neurochirurgische Visite: 93 Tage
Bei der neurochirurgischen Visite weist der Sanitätsbetrieb darauf hin, dass sich die Wartezeit gegenüber September 2025 halbiert hat. Damals waren es 179 Tage. Auf eine aufschiebbare neurologische, physiatrische oder kardiologische Visite wartet man rund 70 bis 80 Tage.
In der Diagnostik stechen die Doppleruntersuchungen der unteren Arterien und Venen mit jeweils 102 Tagen heraus sowie die Magnetresonanz der Wirbelsäule mit und ohne Kontrastmittel mit 101 Tagen. Damit steht die Antwort des Sanitätsbetriebs nicht im Widerspruch zu dem, was Leser berichten. Sie erklärt den Widerspruch: Die guten Zahlen stammen aus der prioritären Klasse, die langen Wartezeiten aus der aufschiebbaren. Wer als nicht dringend eingestuft wird, wartet in einzelnen Fachbereichen mehr als vier Monate.
Was der Sanitätsbetrieb nicht liefert
UT24 hat die zehn Facharztvisiten und die zehn diagnostischen Untersuchungen mit den längsten Wartezeiten angefragt, aufgeschlüsselt nach Krankenhaus. Diese Aufschlüsselung gebe es aber nicht. Die Wartezeiten würden für den Sanitätsbetrieb in seiner Gesamtheit erhoben und ausgewertet, heißt es, weil die Terminvergabe landesweit organisiert sei. Patienten hätten dadurch den Vorteil, dass sie für die meisten Leistungen sofort erfahren, wo in Südtirol der nächste freie Termin ist. Für die Südtiroler bedeutet das aber auch: Wie lange man in Innichen, Schlanders oder Bozen tatsächlich wartet, lässt sich aus den offiziellen Daten nicht herauslesen. Eine landesweite Durchschnittszahl kann eine sehr ungleiche Verteilung verdecken.
Noch deutlicher wird die Lücke bei der Frage, wie viele Südtiroler wegen langer Wartezeiten in die Privatmedizin ausweichen oder ganz auf eine Behandlung verzichten. Solche Daten liegen laut Sanitätsbetrieb derzeit nicht vor.
Drei von vier wollen den ersten Termin nicht
Rund drei Viertel der Patienten, die einen Termin vormerken, nehmen nicht den zeitlich nächsten. Das gilt sowohl für Facharztvisiten als auch für diagnostische Leistungen. Die Erklärung des Sanitätsbetriebs: „Viele bevorzugen einen Standort näher am Wohnort oder am Arbeitsplatz oder einen Zeitpunkt, der sich besser mit Beruf und Familie vereinbaren lässt. Das erste Angebot passe häufig nicht zu den Möglichkeiten der Menschen, und dann entscheide der Patient selbst, später zu gehen.“
Gäste würden Wartelisten kaum belasten
Immer wieder heißt es, manche Gäste würden den Urlaub in Südtirol mit einem Krankenhaustermin verbinden. Der Sanitätsbetrieb widerspricht dieser Vermutung. Beim weitaus größten Teil der behandelten Personen mit Wohnsitz außerhalb Südtirols handle es sich um Gäste und Touristen und die nähmen kaum ambulante Leistungen in Anspruch. Bei rund 38 Millionen Nächtigungen im Jahr gebe es etwa 51.000 Zugänge in den Notfallaufnahmen, also akute Fälle. Vorsorge, Nachsorge, Rehabilitation und längerfristige Behandlungen würden überwiegend von Menschen mit Wohnsitz in Südtirol in Anspruch genommen. Die Auswirkungen auf die Wartelisten seien deshalb überschaubar. Eine Aufschlüsselung nach Krankenhaus und Herkunftsregion, wie angefragt, lieferte der Sanitätsbetrieb nicht.
Mehr Personal, mehr Nachfrage
Dass die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen seit Jahren steigt, führt der Sanitätsbetrieb auf die demografische Entwicklung, die höhere Lebenserwartung und den medizinischen Fortschritt zurück, der immer mehr Diagnose und Therapie möglich macht. Gegengesteuert werde mit einer besseren Steuerung der Termine, einer stärkeren Vernetzung der Standorte und der bestmöglichen Nutzung vorhandener Kapazitäten. Dazu kommt Personal. Die Landesregierung hat am 18. September auf Vorschlag von Gesundheitslandesrat Hubert Messner die Voraussetzungen für 385 zusätzliche Vollzeitstellen im Sanitätsbetrieb geschaffen. Der Aufbau soll noch heuer im Herbst beginnen, die Finanzierung ist nach Angaben des Landes gesichert. Ziel sei es ausdrücklich, die Wartezeiten weiter abzubauen.
Ob das reicht, ist offen. Die Abgeordnete Maria Elisabeth Rieder vom Team K wies im Mai darauf hin, dass fast alle Planstellen im Sanitätsbetrieb besetzt sind und die Wartezeiten für nicht dringliche Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie trotzdem bis zu zwei Jahre betragen. Der Verbraucherschutzverein Robin spricht seit Längerem von einer Zweiklassenmedizin und schätzt, dass rund fünf Prozent der Südtiroler notwendige Behandlungen aufschieben oder ganz darauf verzichten, weil sie sie sich nicht leisten können.
Was Patienten jetzt tun können
Der Sanitätsbetrieb gibt drei konkrete Ratschläge. Entscheidend sei die medizinische Dringlichkeit der verschriebenen Leistung. Wer merkt, dass sich der Gesundheitszustand während der Wartezeit verschlechtert, solle die Situation gemeinsam mitdem behandelnden Arzt neu bewerten lassen, denn unter Umständen muss die Prioritätsstufe angepasst werden. Und es lohne sich, die Terminverfügbarkeit regelmäßig zu prüfen, weil durch Absagen und Zusatzangebote immer wieder frühere Termine frei werden. Über das Vormerkportal SaniBook geht das von zu Hause aus.
Das ist ein brauchbarer Rat. Er bedeutet aber auch, dass die Verantwortung für den früheren Termin bei jenen liegt, die sich auskennen, die einen Computer bedienen und die ihrem Arzt gegenüber nachhaken können. Wer das nicht kann, wartet 138 Tage.






