von Alexander Wurzer 02.10.2026 07:48 Uhr

Neues Gipfelkreuz auf der Karspitze – und ausgerechnet Tolomeis „Quaira“ kommt mit aufs Holz

Lange musste die Karspitze im hintersten Ultental mit eher bescheidenen Gipfelzeichen auskommen. Noch im Frühjahr standen auf dem aussichtsreichen Berg lediglich einfache Holzkreuze. Seit wenigen Tagen bietet sich Wanderern nun ein ganz anderes Bild: Auf dem Gipfel steht ein neues, stattliches Holzkreuz, handwerklich sauber gearbeitet, mit Verzierungen und einem eigenen Gipfelbuchkasten. Ein Kreuz, das dem Berg zweifellos gut zu Gesicht steht. Doch wer um das neue Wahrzeichen herumgeht, stößt auf ein Detail, das Fragen aufwirft.

Das neue Gipfelkreuz der Karspitze in Ulten und der Aufschrift "Cima Quaira" (Bild: Facebook/Die schönsten 2000er in Südtirol)

Die Karspitze erhebt sich südlich über dem hintersten Ultental und gehört zum Ilmenkamm. Der Aufstieg von St. Gertraud ist eine ausgedehnte Bergtour, die wegen ihrer Länge einiges an Kondition verlangt, technisch bei guten Verhältnissen aber nicht zu den schwierigsten Unternehmungen der Gegend zählt. Wer den Gipfel erreicht, wird mit einem weiten Rundblick über die umliegende Bergwelt belohnt.

Umso erfreulicher ist es zunächst, dass dieser markante Berg nun wieder ein Kreuz besitzt, das seinem Charakter entspricht. Nach Angaben in sozialen Netzwerken wurde es am 26. September aufgestellt.

Auf den aktuellen Fotos ist gut zu erkennen, wie viel Arbeit in die Konstruktion geflossen sein muss. Das neue Kreuz wirkt massiv, durchdacht und dauerhaft. Auf einer Seite des Querbalkens steht, gut sichtbar ins Holz gearbeitet: „Karspitze“. Und dann kommt die Rückseite. Dort steht: „Cima Quaira“.

Ein Name mit bemerkenswerter Geschichte

Gerade das überrascht. Im Ultental ist der Berg als Karspitze bekannt. So taucht er in deutschsprachigen Wanderbeschreibungen auf, und genau dieser Name ist auch auf einer Seite des neuen Kreuzes verewigt.

Die italienische Bezeichnung „Cima di Quaira“ ist für den 2.752 Meter hohen Gipfel durchaus belegt. Interessant wird die Sache jedoch beim Blick in die Geschichte der Südtiroler Orts- und Flurnamen. Im von Ettore Tolomei geprägten „Prontuario dei nomi locali dell’Alto Adige“, mit dem deutsche und ladinische Namen systematisch italienisiert wurden, taucht „Quaira“ als Übertragung von „Kaar“ mehrfach auf. So findet sich dort unter anderem „Cima di Quaira“ für eine „Kaarspitze“.

Die Wortbildung ist damit jedenfalls keine zufällige moderne Übersetzung, sondern Teil jener italienischen Namensschöpfungen, die Tolomeis Werk für Südtirol festschrieb. Das Verzeichnis selbst wurde später staatlich übernommen und 1923 unter der faschistischen Regierung offiziell bestätigt.

Ob der konkrete historische Eintrag zweifelsfrei genau diese Karspitze bezeichnet, lässt sich anhand des Verzeichnisses allein nicht endgültig nachweisen. Der entscheidende Punkt bleibt trotzdem bestehen: Ausgerechnet das Wort „Quaira“, das in Tolomeis Italianisierungswerk als Ersatz für „Kaar“ auftaucht, findet sich nun auf einem im Jahr 2026 neu errichteten Gipfelkreuz im Ultental.

Warum musste überhaupt ein zweiter Name aufs Kreuz?

Dabei drängt sich noch eine grundsätzlichere Frage auf: Weshalb musste ein Gipfelkreuz überhaupt zum zweisprachigen Namensschild werden?

UT24 hat für diese Recherche zahlreiche fotografisch dokumentierte Südtiroler Gipfelkreuze überprüft und dabei, soweit Vorder- und Rückseiten auf mehreren Aufnahmen nachvollziehbar waren, bislang kein unmittelbar vergleichbares Beispiel gefunden, bei dem der deutsche Bergname eigens auf der einen und der italienische Parallelname auf der anderen Seite angebracht wurde.

Auch bei bekannten Südtiroler Bergen mit etablierten italienischen Bezeichnungen ist eine solche Lösung nach der vorliegenden Fotodokumentation keineswegs üblich. Ein Gipfelkreuz ist schließlich keine amtliche Ortstafel und muss nicht sämtliche Sprachvarianten eines Bergnamens abbilden.

Gerade deshalb fällt die Entscheidung auf der Karspitze ins Auge. Niemand hätte sich vermutlich darüber gewundert, wenn auf dem neuen Kreuz schlicht „Karspitze“ gestanden wäre. Das ist der Name, unter dem der Berg im Ultental bekannt ist. Erst die bewusst gestaltete Rückseite macht aus einer schönen Kreuzaufstellung plötzlich auch eine sprachpolitische Frage.

Ein schönes Kreuz – mit einer unnötigen Botschaft

Das neue Gipfelkreuz selbst verdient Anerkennung. Es ist schön gearbeitet, wertet den Berg sichtbar auf und beendet eine lange Zeit, in der die Karspitze ohne ein wirklich repräsentatives Kreuz auskommen musste.

Umso unnötiger wirkt die Entscheidung auf seiner Rückseite. Die Karspitze heißt im Ultental Karspitze. Niemand braucht auf 2.752 Metern eine zusätzliche Übersetzung, um zu wissen, auf welchem Berg er steht. Schon gar nicht eine Bezeichnung, deren Wortbildung ausgerechnet auf jene Italianisierung zurückgeht, die Südtirols gewachsene deutsche und ladinische Namen ersetzen sollte.

Wer das Kreuz errichtet und wer über seine Beschriftung entschieden hat, ist bislang nicht bekannt. Doch genau diese Frage bleibt hängen: Warum konnte ein schönes neues Gipfelkreuz auf der Karspitze nicht einfach eines sein – sondern musste ausgerechnet Tolomeis „Quaira“ noch mit aufs Holz?

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