von Alexander Wurzer 19.09.2026 09:00 Uhr

Islamismus 2.0: Wie Fitness, KI und Lifestyle zum Türöffner werden

Fitness, Karriere, „wahre Männlichkeit“, Instagram und sogar Wikipedia: Der politische Islam hat seine Methoden modernisiert. Ein neuer Bericht der österreichischen Dokumentationsstelle Politischer Islam zeigt, wie islamistische Akteure junge Menschen über scheinbar harmlose Lifestyle-Angebote erreichen – und gleichzeitig um die Deutungshoheit im digitalen Raum kämpfen.

Die Dokumentationsstelle Politischer Islam stellt ihren Jahresbericht 2025 vor (Copyright: Dokumentationsstelle Politischer Islam DPI)

Wer bei Islamismus noch ausschließlich an radikale Prediger und Moscheevereine denkt, könnte eine entscheidende Entwicklung übersehen. Der politische Islam kommt zunehmend moderner daher. Er spricht über Muskeln, Karriere, Erfolg und Beziehungen, produziert Videos für soziale Medien und entdeckt selbst Wikipedia und Künstliche Intelligenz als neue Schlachtfelder.

Das zeigt der neue Jahresbericht der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI). Die österreichische Einrichtung erforscht und dokumentiert religiös motivierten politischen Extremismus und dessen Netzwerke. Ihr Befund: Islamistische Akteure werden professioneller – und ihre Ideologie rückt immer näher an den Alltag junger Menschen.

Der Islamismus trägt plötzlich Sportschuhe

Besonders auffällig ist die Verbindung von Religion, Selbstoptimierung und Geschäft. Fitness, Ernährung, beruflicher Erfolg oder Männlichkeit werden aufgegriffen und mit einem umfassenden religiös-politischen Weltbild verknüpft. Bücher, Coachings, Retreats und Veranstaltungen schaffen nicht nur Einnahmen, sondern auch Gemeinschaft und Zugehörigkeit.

Die liberale westliche Gesellschaft erscheint dabei immer wieder als Gegenbild: dekadent, islamfeindlich oder moralisch gescheitert. Ein Beispiel ist das Projekt „Rujulah 1000“, das laut DPI von einer Führungspersönlichkeit der salafistischen Missionierungsorganisation IMAN gegründet wurde. Angeboten werden Kurse und Retreats rund um „wahre Männlichkeit“. Fester Glaube, Disziplin und Selbstoptimierung sollen zu einer Art „maskuliner Exzellenz“ führen.

Auch Business- und Networkingveranstaltungen gehören dazu. Aus dem klassischen Islamisten wird damit im Extremfall der moderne Lifestyle-Coach. Der Vorteil liegt auf der Hand: Ein junger Mann muss nicht nach radikalen Predigten suchen. Vielleicht interessiert er sich lediglich für Krafttraining, Unternehmertum oder Selbstvertrauen. Der ideologische Unterbau kann später folgen.

Erst Fitness – dann Weltanschauung

Genau darin sieht die DPI eine neue Herausforderung. Sport, Disziplin oder konservative Familienvorstellungen sind selbstverständlich kein Extremismus. Problematisch wird es dort, wo solche Themen als Einstieg in ein geschlossenes Weltbild dienen, in dem die westliche Demokratie grundsätzlich abgelehnt und eine religiös bestimmte Gegenordnung aufgebaut wird.

Damit wird Islamisierung wesentlich schwerer erkennbar. Der politische Islam muss nicht mehr zuerst über Politik sprechen. Er kann zunächst Gemeinschaft anbieten. Identität. Orientierung. Erfolg. Und irgendwann lautet die Botschaft: Nicht du musst dich in diese Gesellschaft integrieren – diese Gesellschaft ist das Problem.

Jetzt geht es sogar um Wikipedia

Noch erstaunlicher ist ein weiterer Bereich des Berichtes. Die DPI untersuchte Bearbeitungen des deutschsprachigen Wikipedia-Artikels über die Muslimbruderschaft. Demnach entfernten einzelne Nutzer wiederholt kritische Quellen und ergänzten andere, die die Organisation positiver erscheinen ließen.

Auch kritische Passagen in anderen Artikeln seien gelöscht worden. Besonders auffällig: Dieselben Nutzer sollen an Einträgen über Personen und Einrichtungen mitgearbeitet haben, die sich kritisch mit der Muslimbruderschaft beschäftigen. Früher hätte das vor allem Wikipedia betroffen. Heute kann die Wirkung wesentlich größer sein.

Wer Wikipedia beeinflusst, beeinflusst möglicherweise auch KI

Chatbots und KI-Suchsysteme greifen auf riesige Mengen frei verfügbarer Internetinhalte zurück. Wissensplattformen wie Wikipedia spielen dabei eine wichtige Rolle.

Damit bekommt der Kampf um einzelne Formulierungen plötzlich eine völlig neue Dimension. Wer die Darstellung einer islamistischen Organisation im Internet dauerhaft verändert, beeinflusst womöglich nicht nur Wikipedia-Leser, sondern mittelbar auch jene Systeme, von denen sich Millionen Menschen ihre Fragen beantworten lassen.

Der Kampf des politischen Islam findet damit längst nicht mehr nur auf der Straße oder in der Moschee statt. Er findet auch im Informationsraum statt.

Türkei: Die Gegenidentität zum Westen

Auch die Türkei nimmt der Bericht unter die Lupe. Seit der Machtübernahme der AKP habe sich das Land zunehmend vom Kemalismus entfernt und einem antiwestlich geprägten türkisch-islamischen „Zivilisationismus“ angenähert.

Im Zentrum steht die Vorstellung einer gemeinsamen islamischen Zivilisation, die durch Religion und Geschichte verbunden sei und dem Westen als eigener Kulturraum gegenüberstehe. Brisant wird das für Europa durch die große türkischstämmige Diaspora.

Laut DPI wird dieses Weltbild auch über regierungsnahe Vereine, Verbände, Medien und Bildungseinrichtungen verbreitet. Dadurch könne eine Identität entstehen, die sich nicht als Bestandteil der europäischen Gesellschaft versteht, sondern zunehmend in Abgrenzung zu ihr definiert. Genau dort wird aus gescheiterter Integration langfristig ein gesellschaftliches Problem.

Eine Spur führt direkt nach Österreich

Wie konkret solche Netzwerke werden können, zeigt das Kapitel über die Hamas. Die Terrororganisation nutzt Europa laut DPI als Raum für Mittelbeschaffung, Propaganda, Rekrutierung und operative Vorbereitung.

Ein Beispiel führt nach Linz. Das Propagandamedium „Gaza Now“ wurde laut Dokumentationsstelle von einem dort lebenden Aktivisten gegründet. Mehr als 1,3 Millionen Menschen folgen dem arabischsprachigen Kanal, knapp 200.000 dem englischsprachigen.

Verbreitet wird unter anderem Material der Al-Qassam-Brigaden, in dem deren Kämpfer heroisiert werden. Spätestens hier wird deutlich: Politischer Islam ist kein Problem, das irgendwo weit entfernt im Nahen Osten stattfindet. Seine Netzwerke reichen längst mitten nach Europa.

Die Islamisierung hat ihre Methoden geändert

Der vielleicht wichtigste Befund des Berichts lautet deshalb nicht, dass der politische Islam größer geworden sei. Sondern moderner.

Er kennt die Mechanismen sozialer Medien. Er versteht Marketing. Er nutzt die Suche junger Menschen nach Orientierung. Er verkauft Gemeinschaft und Selbstoptimierung. Und er hat erkannt, wie wichtig digitale Wissensräume für die gesellschaftliche Deutungshoheit geworden sind.

Genau deshalb darf Europa diese Entwicklung nicht verschlafen. Wer ausschließlich nach dem radikalen Prediger Ausschau hält, könnte übersehen, dass der politische Islam längst im Fitnessvideo, im Business-Coaching oder im nächsten Wikipedia-Streit angekommen ist.

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