von lif 13.09.2026 17:24 Uhr

Immer mehr Familien zahlen für Nachhilfe

Tiroler Familien geben immer mehr Geld für Nachhilfe aus, obwohl die Ausgaben bundesweit sinken. Der Grund dafür ist ein anderer als vermutet. Und ein Blick in die Zahlen zeigt, dass der Nachhilfebedarf immer früher einsetzt.

Bild: APA (Archiv/dpa)

Auf den ersten Blick wirkt die Entwicklung widersprüchlich. Während die Ausgaben pro Kind österreichweit von 800 auf 720 Euro gesunken sind, stieg die Gesamtsumme in Tirol laut der Erhebung der Arbeiterkammer von 7,7 auf 9,3 Millionen Euro. Die Erklärung liegt aber nicht bei den Preisen. „Nicht unbedingt die Preise sind gestiegen, sondern der Anteil jener Familien, die bezahlte Nachhilfe in Anspruch nehmen“, sagt Johannes Raich gegenüber UT24. Er gibt selbst seit über zehn Jahren Nachhilfe und hat im Juni die Nachhilfebörse Tirol gegründet. Laut ihm kletterte der Anteil der Familien von 14 auf 16 Prozent. Es kaufen also mehr Familien Nachhilfe zu annähernd gleichen Preisen ein. Insgesamt haben in Tirol 31 Prozent der Schüler Nachhilfebedarf, das sind rund 27.000 Kinder und Jugendliche.

Warum Tirol dabei gegen den Bundestrend läuft, lasse sich derzeit nicht seriös beantworten. Das wäre laut Raich eine Frage an die Arbeiterkammer Tirol oder die Bildungsdirektion.

Mathematik führt

Eindeutig ist dagegen die Datenlage bei den Fächern. Mathematik bleibt mit 63 Prozent klar an der Spitze, gefolgt von Deutsch mit 29 Prozent, wo es einen deutlichen Rückgang gegenüber dem Vorjahr gab und Fremdsprachen mit 20 Prozent. Auch bei den Kosten gibt es Unterschiede. Pro betroffenem Kind fallen im Schnitt rund 670 Euro im Jahr an. Am teuersten ist die Nachhilfe in Fremdsprachen mit rund 960 Euro, Mathematik liegt bei rund 670 Euro, Deutsch bei 600 Euro. 

Mehr als die Hälfte nimmt Nachhilfe nur punktuell vor Schularbeiten und Tests in Anspruch, nur gut ein Drittel regelmäßig über das ganze Schuljahr.

Nachhilfe schon für Neunjährige

Besonders auffällig ist, wie früh der Bedarf einsetzt. Bereits 19 Prozent der Volksschulkinder erhalten externe Nachhilfe. Dahinter steckt oft ein konkretes Ziel: elf Prozent der Kinder in der dritten und 16 Prozent in der vierten Schulstufe nehmen Nachhilfe, um die Aufnahme in ein Gymnasium zu schaffen. Neun- und Zehnjährige lernen also zusätzlich, damit der Übertritt gelingt.

Wenn der Weg zur Nachhilfe 90 Minuten dauert

Ein Problem, das in den Statistiken kaum auftaucht, ist die Erreichbarkeit. Eine belastbare Datengrundlage zum Unterschied zwischen Zentralraum und Tälern gibt es nicht, die Erhebung weist bei 402 befragten Tiroler Haushalten keine Bezirksauswertung aus. Einen Anhaltspunkt liefert aber eine frühere Erhebung der Arbeiterkammer, in der die Entfernung zum Wohnort ausdrücklich als einer der Gründe genannt wurde, warum gewünschte Nachhilfe nicht zustande kam.

Wie das konkret aussieht, schildert Raich an einem Beispiel aus seinem eigenen Dorf. Ein Oberstufenschüler fuhr regelmäßig zur Nachhilfe nach Imst, eine Fahrt von rund 45 Minuten mit einem Umstieg. Hin und zurück sind das rund eineinhalb Stunden reine Fahrtzeit, verpasste Busse und Wartezeiten noch nicht eingerechnet. Nach seiner Einschätzung läuft der Großteil der Nachhilfe in Tirol über Institute in den Städten, während die Verbindungen aus den Tälern oft schlecht sind. Genau dieses Erlebnis war für ihn der Anstoß, seine Plattform zu gründen, über die Nachhilfelehrer aus dem jeweiligen Bezirk zu den Schülern kommen oder online unterrichten. Die Erreichbarkeit wird damit zur eigenständigen Hürde neben dem Preis.

Vorsicht bei der Frage der Leistbarkeit

Beim Thema Leistbarkeit ist Zurückhaltung geboten, weil zwei sehr unterschiedliche Zahlen im Umlauf sind. In der aktuellen Erhebung geben zwei Prozent der Schüler, hochgerechnet rund 1.000 Kinder, an, keine Nachhilfe erhalten zu haben, obwohl sie Bedarf an bezahlter Unterstützung hätten. In einer früheren Erhebung lag der Wert deutlich höher, dort gab ein knappes Viertel der Eltern an, sich Nachhilfe gewünscht zu haben, sie aber finanziell nicht leisten oder zeitlich nicht organisieren zu können. Beide Werte messen allerdings nicht dasselbe und stammen aus unterschiedlichen Erhebungen.

Ein indirekter Hinweis auf die Belastung der Familien: Eltern von 40 Prozent der Schüler fühlen sich fachlich überfordert, 79 Prozent geben an, zeitlich spürbar belastet zu sein. Wer weder Zeit noch Geld hat, fällt durch beide Raster.

Warum der Bedarf steigt

Bleibt die Frage, warum überhaupt immer mehr Kinder Nachhilfe brauchen. Eine belastbare Antwort gebe es darauf nicht, wohl aber eine Beobachtung aus der Praxis. Raich hat in über zehn Jahren rund 150 Schüler betreut, ausschließlich in der Oberstufe an Gymnasien, HAK und HLW. Seine Wahrnehmung ist, dass Kinder und Jugendliche sich weniger selbst beibringen könnten und wollten und die schulische Selbstverantwortung nach lasse. Ablesen könne er das auch daran, dass rund 90 Prozent seiner Schüler die Nachhilfe nicht selbst gesucht hätten, sondern die Eltern. Und das, obwohl es sich um Jugendliche handelte, die das ohne Weiteres selbst hätten organisieren können.

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