Ötzis digitaler Zwilling eröffnet neue Möglichkeiten

Dafür wurden erstmals hochauflösende Aufnahmen der äußeren Körperoberfläche mit dreidimensionalen CT-Daten aus dem Inneren der Mumie verbunden. Grundlage waren 1.294 Fotografien von Vorder- und Rückseite Ötzis. Mithilfe der sogenannten Photogrammetrie entstand daraus ein 3D-Modell mit einer Auflösung im Submillimeterbereich. Eine besondere Herausforderung war die spiegelnde Eisschicht auf der Mumie. Mit polarisiertem Licht konnten störende Reflexionen weitgehend reduziert werden.
Anschließend wurde das Oberflächenmodell mit den Daten der Ganzkörper-Computertomografie von 2021 aus dem Krankenhaus Bozen zusammengeführt. Dadurch lassen sich Ötzis äußere Merkmale und innere anatomische Strukturen erstmals gemeinsam virtuell untersuchen.
Der digitale Zwilling kann künftig über eine webbasierte Anwendung aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, vermessen und virtuell in unterschiedlichen Ebenen untersucht werden. Wissenschaftler können dadurch zahlreiche Fragestellungen bearbeiten, ohne die Mumie physisch zu bewegen.
Auch wesentliche Teile von Ötzis Kleidung und Ausrüstung wurden digital dokumentiert – darunter das Beil, der Köcher, die Fellmütze, der Gürtel, die Schuhe und der Langbogen. Je nach Material kamen unterschiedliche Aufnahmemethoden zum Einsatz. Bei der Bärenfellmütze wurde zusätzlich künstliche Intelligenz eingesetzt, um die komplexe Struktur des Fells möglichst realitätsnah abzubilden.
Für die Konservierung bietet der digitale Zwilling ebenfalls Vorteile. Werden die Aufnahmen regelmäßig wiederholt, können selbst kleinste Veränderungen an Form und Farbe erkannt und miteinander verglichen werden. So lassen sich mögliche Veränderungen des Erhaltungszustands frühzeitig feststellen.
„Digital twins bringen beides zusammen: Sie dokumentieren den Erhaltungszustand der Objekte mit bisher unerreichter Genauigkeit, schonen die Objekte und machen wertvolle Forschungsdaten langfristig nutzbar“, sagt Elisabeth Vallazza, Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums.
Die Ergebnisse der Studie wurden Ende August im internationalen Fachjournal Heritage veröffentlicht. Das Projekt wurde vom Südtiroler Archäologiemuseum beauftragt und unter der Leitung des Archäologen Luca Bezzi von Arc-Team umgesetzt. Zum Einsatz kam ausschließlich frei zugängliche Open-Source-Software. Damit soll das Verfahren auch für künftige Untersuchungen und neue Vermittlungsangebote weiterentwickelt werden.






