von Alexander Wurzer 05.09.2026 09:00 Uhr

Lässt die Landesregierung die Kinder im Regen stehen?

Wenn Jugendliche mit dem Fahrrad unterwegs sind und plötzlich das Wetter umschlägt, kostet die Mitnahme des Rades in Bus oder Bahn trotz U19-Pass zusätzlich. UT24 hatte deshalb bereits im Juli eine kostenlose Fahrradmitnahme für junge Menschen angeregt. Zahlreiche Eltern begrüßten die Idee. Eine Umfrage unter den Landtagsfraktionen zeigt nun: Alle fünf Fraktionen, die sich dazu positioniert haben, unterstützen den Vorschlag. Auffällig ist allerdings, wer schweigt: Von den Regierungsparteien kam keine einzige Antwort.

KI-geniertes Symbolbild

Bislang können Inhaber des U19-Passes Bus und Bahn nahezu unbegrenzt nutzen, für das Fahrrad werden mit aktivierter Zahlungsfunktion aber 3,50 Euro pro Tag fällig. Der Grund dafür dürfte nicht zuletzt die Sorge vor überfüllten Waggons im Pendler- und Touristenverkehr sein.

Doch bei Kindern und Jugendlichen geht es nicht nur um Freizeitvergnügen, sondern um alltägliche Wege. Sie fahren mit dem Rad zum Training, zur Musikprobe, zur Feuerwehr oder zu Freunden. Gerade in den Dörfern und Seitentälern ist das Fahrrad ein wichtiger Teil der selbstständigen Mobilität. Schlägt das Wetter plötzlich um oder zieht ein Gewitter auf, bleibt oft nur der Umstieg auf Bus oder Bahn. Deshalb der konkrete Vorschlag: Wo die Fahrradmitnahme grundsätzlich möglich und genügend Platz vorhanden ist, sollte sie für Inhaber des U19-Passes kostenlos sein. Diese Einschränkung entkräftet auch die Sorge vor Platzmangel in Stoßzeiten.

Viele Eltern melden sich

Auf diesen Vorstoß hin meldeten sich zahlreiche Eltern bei unserer Redaktion. Die Rückmeldungen waren deutlich: Die Idee einer kostenlosen Fahrradmitnahme für Kinder und Jugendliche wurde vielfach und mit Nachdruck begrüßt.

Das war für UT24 Anlass genug, bei den Fraktionen im Südtiroler Landtag nachzufragen, wie sie grundsätzlich zu einer kostenlosen Fahrradmitnahme für U19-Inhaber stehen und ob sie einen entsprechenden politischen Vorstoß unterstützen würden. Fünf Fraktionen antworteten – und bei diesen fällt das Ergebnis eindeutig aus.

Klare Zustimmung: „Absolut sinnvoll“ und „Bin dafür“

Die kurzen und bündigen Antworten kamen von Paul Köllensperger (Team K) und Renate Holzeisen (VITA). Köllensperger hält die Idee für einen „absolut sinnvollen Vorschlag“ und beantwortete die Frage nach politischer Unterstützung schlicht mit „Ja“. Ebenso unmissverständlich die VITA-Fraktionsvorsitzende Holzeisen: „Bin dafür.“ Einen entsprechenden Vorstoß würde sie ebenfalls unterstützen.

Foppa: Aus eigener Erfahrung dafür

Auch die Grünen sprechen sich klar für den Vorschlag aus. Fraktionsvorsitzende Brigitte Foppa kennt die Verbindung von Fahrrad und Zug nach eigenen Angaben aus persönlicher Erfahrung. Sie sei selbst viele Jahre nach Bozen gependelt und habe im Sommer das Rad oft am Abend im Zug mit nach Hause genommen. Die kostenlose Fahrradmitnahme für U19-Inhaber „befürworten wir natürlich“, so Foppa. Einen Vorstoß würde man „sowieso“ unterstützen.

Knoll fordert gleichzeitig mehr Kapazitäten

Ein klares Ja kommt von der Süd-Tiroler Freiheit. Fraktionsvorsitzender Sven Knoll argumentiert, wer junge Menschen dazu bewegen wolle, Bus und Bahn zu nutzen, müsse die Kombination der Mobilitätsformen möglichst einfach machen. Zusätzliche Kosten sollten dem nicht im Wege stehen.

Knoll verbindet seine Zustimmung allerdings mit einer Forderung an das Land: Wenn künftig mehr Fahrräder in öffentlichen Verkehrsmitteln mitgenommen werden sollen, müssten auch die Kapazitäten wachsen. Dazu gehörten ausreichend Fahrradstellplätze und ein unkomplizierter Zugang zu den Bahnsteigen. Gerade angesichts des zunehmenden Radtourismus müsse verhindert werden, dass andere Fahrgäste beeinträchtigt werden oder Radfahrer wegen voller Züge zurückbleiben.

Wirth Anderlan: „Wo bleibt da der Hausverstand?“

Deutlich schärfer äußert sich Jürgen Wirth Anderlan (JWA). Er greift genau jenes Alltagsszenario auf: Ein Jugendlicher fährt zum Training oder zur Musikprobe, ein Gewitter zieht auf und er muss mit seinem Fahrrad in den Zug. „Und dafür kassieren wir noch einmal 3,50 Euro? Wo bleibt da der Hausverstand?“, fragt Wirth Anderlan.

Für ihn gilt der Vorrang der Fahrgäste. Wenn genügend Platz vorhanden sei, solle das Rad für U19-Inhaber jedoch kostenlos mitfahren. Er kündigt an, notfalls selbst einen Vorstoß in den Landtag einzubringen, sollte die Landesregierung nicht tätig werden. Seine Formel: „U19-Pass + genügend Platz = Fahrrad fährt kostenlos mit.“

Und die Landesregierung? Schweigt

Damit wird das Ergebnis der Umfrage politisch interessant. Von keiner der Regierungsparteien lag eine Stellungnahme vor. Besonders bemerkenswert ist das bei der SVP: Zunächst wurde Fraktionsvorsitzender Harald Stauder angeschrieben. Nachdem keine Antwort erfolgte, wandte sich die Redaktion zusätzlich an den für Mobilität zuständigen Landesrat Daniel Alfreider. Doch auch von ihm kam keine Rückmeldung.

Der Vollständigkeit halber: Auch mehrere Oppositionsfraktionen ließen die Anfrage unbeantwortet. Auffällig bleibt dennoch, dass unter sämtlichen eingegangenen Rückmeldungen keine einzige Regierungspartei vertreten ist.

Das Schweigen bedeutet freilich nicht automatisch, dass die Regierungsparteien den Vorschlag ablehnen. Es bedeutet aber, dass sie die Gelegenheit nicht genutzt haben, den betroffenen Familien mitzuteilen, wie sie dazu stehen.

Jetzt könnte der Landtag am Zug sein

Vielleicht bleibt es deshalb nicht bei einer Umfrage. Mehrere Fraktionen haben ausdrücklich erklärt, einen Vorstoß zur kostenlosen Fahrradmitnahme zu unterstützen. Es wäre nun ein logischer Schritt, wenn das Thema tatsächlich in den Landtag gebracht wird. Ein Beschlussantrag würde aus einer unverbindlichen Idee eine handfeste politische Debatte machen – und die Landesregierung müsste endlich erklären, warum Kinder und Jugendliche weiterhin für ihr Fahrrad zusätzlich bezahlen sollen.

Dann würde sich auch die Frage abschließend beantworten: Lässt die Landesregierung die Kinder im Regen stehen – oder schafft sie die 3,50-Euro-Hürde ab?

Jetzt
,
oder
oder mit versenden.

Es gibt neue Nachrichten auf der Startseite