von Alexander Wurzer 23.07.2026 14:15 Uhr

Freie Fahrt für Urlauber, Stehplatz für Pendler?

Während Südtirol den öffentlichen Nahverkehr immer stärker in sein touristisches Angebot integriert, erleben viele Pendler eine andere Realität: volle Busse, Gedränge an den Haltestellen und die Ungewissheit, ob sie überhaupt noch mitgenommen werden. Wer pünktlich zur Arbeit muss, kann seine Fahrt jedoch nicht einfach auf den späten Vormittag verschieben.

Bild: Team K

Mallorca zeigt nun, dass eine Tourismusregion die Bedürfnisse ihrer eigenen Bevölkerung sehr wohl an die erste Stelle setzen kann.

Mallorca reserviert Plätze für Einwohner und Beschäftigte

Seit dem 1. Juli wird auf der stark ausgelasteten Buslinie zwischen Port de Sóller, Deià, Valldemossa und Palma ein Reservierungssystem getestet. Das Pilotprojekt betrifft zunächst eine bestimmte Nachmittagsverbindung, die besonders stark von Einwohnern und Arbeitnehmern genutzt wird. Ziel ist es, der ansässigen Bevölkerung auch während der touristischen Hochsaison einen verlässlichen Zugang zum öffentlichen Verkehr zu sichern.

Die Reservierungen sind persönlich und nicht übertragbar. Gebucht werden kann zwischen sieben Tagen und 48 Stunden vor der Fahrt. Wer trotz bestätigter Reservierung nicht erscheint und den Platz nicht rechtzeitig freigibt, wird vorübergehend von weiteren Buchungen ausgeschlossen.

Das System ist weder kompliziert noch revolutionär. Es stellt lediglich klar: Der öffentliche Verkehr einer Tourismusregion muss zuerst für jene funktionieren, die dort leben und arbeiten.

Dasselbe Modell braucht Südtirol

Auch Südtirol sollte auf besonders belasteten Bahn- und Buslinien ein reservierbares Platzkontingent einführen. Während der morgendlichen Hauptpendlerzeit bis 8.30 Uhr sowie für die Rückfahrten ab 16.30 Uhr müssen die ansässige und arbeitende Bevölkerung Vorrang erhalten. Vor allem in den Sommermonaten starten Urlauber oft zeitgleich mit den Pendlern, die damit riskieren zu spät zur Arbeit zu kommen.

Die Reservierung könnte unkompliziert über die südtirolmobil-App erfolgen und an einen persönlichen südtirolmobil Pass gekoppelt werden. Berechtigt wären Personen mit Wohnsitz in Südtirol sowie Beschäftigte, die regelmäßig zu einem Arbeitsplatz innerhalb des Landes pendeln. Herkunft oder Staatsbürgerschaft dürften dabei keine Rolle spielen – entscheidend wären der tatsächliche Wohn- oder Arbeitsort und die notwendige Alltagsfahrt.

Ein Teil der Plätze könnte auf stark beanspruchten Verbindungen bis kurz vor der Abfahrt für diese Gruppe freigehalten werden. Nicht beanspruchte Plätze würden anschließend selbstverständlich allen übrigen Fahrgästen zur Verfügung stehen. Menschen mit Behinderung, ältere Fahrgäste und andere besonders schutzbedürftige Personen müssten unabhängig davon bevorzugt berücksichtigt werden.

Auch Kinder haben notwendige Alltagswege

Zu einer familiengerechten Mobilität gehört aber noch mehr. Kinder und Jugendliche sind nicht nur auf dem Schulweg unterwegs. Sie fahren am Nachmittag zum Sporttraining, zum Musikunterricht, zur Feuerwehr-, Schützen-, Jugend- oder Vereinsprobe und anschließend wieder nach Hause. Gerade in den Dörfern und Seitentälern ist das Fahrrad häufig ein wichtiger Teil dieses Weges.

Schlägt das Wetter um oder setzt starker Regen ein, bleibt jungen Menschen oft nur die Möglichkeit, gemeinsam mit ihrem Fahrrad auf Bus oder Bahn auszuweichen. Genau dann verlangt Südtirol für die Fahrradmitnahme aber eine zusätzliche Fahrkarte.

Derzeit kostet die Tageskarte für ein Fahrrad 7,50 Euro. Mit aktivierter Zahlungsfunktion auf einem persönlichen südtirolmobil Pass – darunter auch dem U19-Pass, dem Nachfolger des bisherigen abo+ – werden 3,50 Euro verrechnet.

Das ist kaum nachvollziehbar. Kinder und Jugendliche sollen zur selbstständigen und umweltfreundlichen Mobilität erzogen werden. Benutzen sie aber tatsächlich das Fahrrad und müssen wegen schlechten Wetters oder anderer unvorhersehbarer Umstände auf ein öffentliches Verkehrsmittel ausweichen, wird dafür erneut kassiert.

Deshalb sollte für Inhaber des U19-Passes auch die Fahrradmitnahme kostenlos sein. Die Kostenfrage könnte das Land sofort lösen.

Tourismus darf den Alltag nicht verdrängen

Der öffentliche Verkehr ist für Urlaubsgäste ein willkommenes Zusatzangebot. Für Arbeitnehmer, Schüler, Familien und ältere Menschen ist er hingegen ein notwendiger Teil des täglichen Lebens.

Wer morgens zur Arbeit fährt, hat keine Freizeitfahrt vor sich. Wer am Abend nach Hause muss, kann nicht beliebig auf den nächsten Bus warten. Auch ein Kind, das nach dem Training oder der Musikprobe nach Hause gelangen muss, kann seine Fahrt nicht einfach um mehrere Stunden verschieben.

Urlaubsgäste besitzen in aller Regel eine deutlich größere zeitliche Flexibilität. Es ist daher weder ungerecht noch diskriminierend, während klar abgegrenzter Pendlerzeiten ein Kontingent für jene freizuhalten, die in Südtirol leben oder arbeiten.

Zuerst die Menschen, die hier leben

Südtirol täte gut daran, ein Pilotprojekt nach mallorquinischem Vorbild einzuführen: zunächst auf jenen Buslinien, auf denen es während der Hauptsaison regelmäßig zu Überlastungen kommt. Die vorhandenen Auslastungsdaten müssten zeigen, auf welchen Strecken und zu welchen Uhrzeiten ein reserviertes Pendlerkontingent notwendig ist.

Ergänzt werden sollte das Modell durch die kostenlose Fahrradmitnahme für Kinder und Jugendliche mit U19-Pass, sofern das jeweilige Verkehrsmittel dafür ausgelegt ist und genügend Platz bietet.

Wer den Menschen ständig empfiehlt, das Auto stehen zu lassen, muss ihnen im Gegenzug garantieren, dass sie mit Bus und Bahn verlässlich zur Arbeit, zur Schule, zum Training und wieder nach Hause kommen. Es kann nicht sein, dass Südtirol seine Gäste mit einem attraktiven Mobilitätsangebot umwirbt, während die eigene Bevölkerung an der Haltestelle um den letzten freien Platz kämpfen muss – und Kinder für die wetterbedingte Mitnahme ihres Fahrrades zusätzlich bezahlen sollen.

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