von Alexander Wurzer 22.08.2026 09:00 Uhr

Gratis für Urlauber, teuer für Einheimische: Was läuft hier eigentlich falsch?

Ein paar Tage raus aus der Bozner Stadthitze, hinein ins kühlere Ultental. Von Donnerstag bis Sonntag verbrachte der Verfasser dieser Zeilen gemeinsam mit seiner Partnerin und Hund einige Urlaubstage im eigenen Land. Unverhofft kam er dabei zu einer UltentalCard – jener Gästekarte, mit der Urlauber im Tal eine ganze Reihe von Leistungen ohne zusätzliche Bezahlung in Anspruch nehmen können.

Foto/Bildschirmbild: UT24

Und die können sich sehen lassen. Neben der freien Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in ganz Südtirol beinhaltet die UltentalCard unter anderem täglich eine Berg- und Talfahrt mit der Kabinenbahn Schwemmalm, freien Eintritt ins öffentliche Schwimmbad Ulten und in die Kletterhalle „sticklä“ in St. Pankraz sowie weitere Freizeitangebote und Museumseintritte.

Als Urlaubsgast freut man sich darüber natürlich. Doch spätestens beim Blick auf die regulären Preise stellt sich eine andere Frage: Warum bekommt der Tourist solche Leistungen praktisch frei Haus, während der einheimische Tagesgast tief in die Tasche greifen muss?

Allein 104 Euro bei der Bergbahn gespart

An zwei Tagen ging es mit der Schwemmalmbahn auf den Berg. Eine reguläre Berg- und Talfahrt kostet 26 Euro pro Erwachsenen. Für zwei Personen und zwei Tage wären somit insgesamt 104 Euro fällig geworden.

Mit der UltentalCard: kein zusätzlicher Euro. Hätte man während des Aufenthaltes außerdem einmal das öffentliche Schwimmbad besucht, wären bei acht Euro pro Person weitere 16 Euro hinzugekommen. Ein Besuch der Kletterhalle hätte für zwei Erwachsene nochmals 19 Euro gekostet. Innerhalb weniger Tage kommt damit ein stattlicher Gegenwert zusammen.

Für den Urlauber ist das ein hervorragendes Angebot. Keine Frage. Doch dann kommt die andere Perspektive.

Der Urlauber fährt gratis – der Südtiroler zahlt 52 Euro

Ein Südtiroler, der an einem schönen Sommertag mit seiner Partnerin ins Ultental fährt und mit der Schwemmalmbahn hinauf möchte, legt regulär 52 Euro für die gemeinsame Berg- und Talfahrt auf den Tisch. Er übernachtet nicht im Tal, also bekommt er auch keine UltentalCard.

Das führt zu einer durchaus bemerkenswerten Situation: Wer aus Deutschland, den Niederlanden oder sonst woher nach Südtirol in den Urlaub fährt und in einem teilnehmenden Betrieb übernachtet, kann täglich ohne zusätzliche Bezahlung auf die Schwemmalm fahren. Wer hingegen das ganze Jahr hier lebt und lediglich einen Tagesausflug in ein Südtiroler Tal unternimmt, bezahlt den regulären Tarif.

Natürlich ist die Bergfahrt für den Urlauber nicht im eigentlichen Sinne „gratis“. Die Gästekarte ist Bestandteil des touristischen Angebotes und wird über entsprechende Finanzierungsmodelle getragen. Das ändert aber wenig an der Frage, die sich für den Einheimischen an der Kassa stellt: Warum gibt es für ihn kein vergleichbares Angebot?

Gerade in einem Land, in dem das Verhältnis zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten für immer mehr Menschen zum Problem wird, sind 52 Euro für eine einfache gemeinsame Berg- und Talfahrt schließlich kein Pappenstiel.

Öffentliche Millionen für touristische Infrastruktur

Noch interessanter wird die Sache, wenn man berücksichtigt, dass Südtirols Aufstiegsanlagen keineswegs in einem rein privatwirtschaftlichen Raum operieren. Das Land unterstützt entsprechende Investitionen seit Jahren mit öffentlichen Geldern. Auch auf der Schwemmalm flossen beziehungsweise fließen Millionenbeträge in neue Anlagen.

Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Aufstiegsanlagen sind gerade für strukturschwächere Täler von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Sie sichern Arbeitsplätze, schaffen Wertschöpfung und machen Gebiete touristisch attraktiv.

Doch wenn die öffentliche Hand Millionen in diese Infrastruktur investiert, muss die Frage erlaubt sein, welchen Stellenwert dabei eigentlich jene Menschen haben, die diese öffentliche Hand mitfinanzieren. Der Südtiroler Steuerzahler soll die Entwicklung touristischer Infrastruktur mittragen – bei deren Nutzung wird er aber behandelt wie jeder beliebige Tagesgast. Gleichzeitig werden Übernachtungsgäste mit umfangreichen Leistungspaketen umworben. Das hinterlässt zumindest einen schalen Beigeschmack.

Die Lösung liegt in unserer Tasche: Der Südtirol Pass

Dabei wäre ein Ausgleich denkbar einfach – und die notwendige Infrastruktur existiert längst. Fast jeder Südtiroler trägt ihn ohnehin in der Brieftasche: den Südtirol Pass.

Anstatt neue Systeme oder Gästekarten für Einheimische zu erfinden, könnte dieses bewährte Kärtchen das ideale Trägermedium für Einheimischen-Tarife werden. Die Lesegeräte sind landesweit im Einsatz, das System funktioniert reibungslos. Wer an die Kassa einer Bergbahn, eines Schwimmbads oder Museums tritt, zückt einfach seinen Pass. Damit ließe sich unkompliziert, fälschungssicher und ohne großen bürokratischen Mehraufwand feststellen, wer das Angebot als Einheimischer nutzt.

Warum kann ein Südtiroler über dieses System nicht beispielsweise für einen kleinen Tagesbeitrag Zugang zu denselben Leistungen wie ein Übernachtungsgast erhalten? Während des erwähnten Aufenthaltes waren pro Person und Nacht 3,60 Euro Ortstaxe zu entrichten. Selbstverständlich ist das nicht der „Preis“ der UltentalCard, die Finanzierung ist wesentlich komplexer. Doch man könnte das Prinzip umdrehen: Wer morgens ins Tal kommt, bucht über den Südtirol Pass seinen Tagesbeitrag ab und genießt die gleichen Vorteile.

Sollte ein Betrag von 3,60 Euro wirtschaftlich nicht ausreichen, könnte selbstverständlich über einen anderen Tarif gesprochen werden. Entscheidend ist nicht, ob die Freischaltung am Ende drei, fünf oder zehn Euro kostet. Entscheidend wäre die Botschaft: Wer hier lebt, soll gegenüber dem Urlaubsgast nicht benachteiligt werden.

Nicht gegen die Gäste – sondern für die Einheimischen

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Urlaubern etwas wegzunehmen. Die UltentalCard ist ein attraktives touristisches Instrument. Sie animiert Gäste dazu, Bergbahnen, Schwimmbäder, Museen und andere Einrichtungen zu nutzen und stärkt damit letztlich auch die lokale Wirtschaft.

Nur muss Tourismusförderung irgendwann auch die Frage beantworten, wo die eigene Bevölkerung in diesem System bleibt. Denn es ist schwer vermittelbar, wenn Urlauber mit immer umfangreicheren Vorteilskarten umworben werden, während sich eine Südtiroler Familie überlegen muss, ob sie sich einen einfachen Bergbahnausflug noch leisten möchte.

Südtirol ist eine der erfolgreichsten Tourismusregionen Europas. Vielleicht wäre es an der Zeit, einen Teil dieser Kreativität, mit der man seit Jahren immer neue Vorteile für Gäste entwickelt, auch einmal auf die eigene Bevölkerung anzuwenden.

Eine Einheimischen-Karte über den Südtirol Pass wäre jedenfalls ein starker Anfang. Denn ein Tourismusland sollte seine Gäste gut behandeln. Aber seine eigenen Leute nicht schlechter.

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