Allein erziehen, allein gelassen

Alleinerziehend ist, wer ledig, verwitwet, getrennt oder geschieden für ein oder mehrere Kinder sorgt. Diese Familienform ist bei vielen auf dem Vormarsch, auch in Südtirol. Die Zahl der Familien mit nur einem Elternteil und mindestens einem minderjährigen Kind ist zwischen 2003 und 2023 um 70,8 Prozent gewachsen. Rechnet man die Patchworkfamilien hinzu, ist der Anteil noch höher.
Die vielleicht wichtigste Zahl betrifft das Armutsrisiko. Während in Südtirol rund 17 Prozent aller Familien als armutsgefährdet gelten, steigt dieser Wert bei Alleinerziehenden laut ASTAT auf 45 Prozent. Fast jede zweite Einelternfamilie lebt also am Rand der Armut. Das Risiko, das Kinder ohnehin mit sich bringen, verschärft sich in Haushalten mit nur einem Elternteil noch einmal deutlich.
Die doppelte Last
Der Grund liegt auf der Hand, weil ein einziges Einkommen für alles reichen muss. Wie teuer das ist, zeigt die Kinderkostenstudie des ASTAT. Demnach kostet ein Kind durchschnittlich 484 Euro im Monat, bis zur Volljährigkeit summiert sich das auf rund 105.000 Euro pro Kind.
Hinzu kommt die enorme Mehrfachbelastung. Alleinerziehende müssen Beruf, Haushalt und Erziehung gleichzeitig stemmen und gelten damit als die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Arbeitsbelastung. Der überwiegende Teil der alleinerziehenden Frauen ist erwerbstätig, häufig nicht aus freien Stücken, sondern weil sie aus wirtschaftlichen Gründen dazu gezwungen sind. Diese ständige Doppelbelastung geht oft auf Kosten der eigenen Gesundheit.
Gerade angesichts dieses hohen Risikos wäre eine gezielte Hilfe zu erwarten. Doch genau hier hakt es. Für Alleinerziehende ist es oft besonders schwierig, zu angemessenen Sozialleistungen zu kommen. Ausgerechnet jene, die Unterstützung am dringendsten bräuchten, stoßen im System auf Hürden.
Bezeichnend ist auch die Lage der wichtigsten Anlaufstelle im Land. Die Südtiroler Plattform für Alleinerziehende ist ein ehrenamtlicher Verein, der vom Land nur zu 70 Prozent finanziert wird und auf Spenden angewiesen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass es für Südtirol nur wenige verlässliche und aktuelle Daten zu dem Thema gibt, was eine treffsichere Hilfe zusätzlich erschwert.
Was gefordert wird
Die Plattform drängt deshalb seit Jahren auf konkrete Verbesserungen. Ganz oben stehen eine Kindergrundsicherung, also eine wirtschaftliche Absicherung für jedes Kind, sowie ein Unterhaltsvorschuss, der unabhängig vom Einkommen ausgezahlt wird. Dieser soll einspringen, wenn der andere Elternteil den Unterhalt nicht zahlt. Zudem fordert der Verein, die besondere Situation von Alleinerziehenden bei Landesbeiträgen und bei der Zuweisung von Wohnungen stärker zu berücksichtigen.






