Sea-Watch: „Gemeinsam handeln“ – mit den Schleppern?

Die Bilder vom 11. Mai sollen zeigen, wie Migranten unmittelbar von einem Boot in die Rettungsboote der „Sea-Watch 5“ umsteigen. Ein vermummter Mann in militärisch anmutender Kleidung gibt den Aktivisten anschließend ein Zeichen mit erhobenem Daumen. Das Ausgangsboot fährt danach wieder in Richtung Libyen zurück.
Die Staatsanwaltschaft Brindisi ermittelt gegen den niederländischen Kapitän Anne van Damme wegen des Verdachts der Begünstigung unerlaubter Einwanderung. Nach Angaben aus dem Ermittlungsumfeld wird geprüft, ob es sich tatsächlich um eine zufällige Rettung oder vielmehr um eine verabredete Übergabe gehandelt haben könnte. Eine Straftat ist bislang nicht gerichtlich festgestellt, es gilt die Unschuldsvermutung.
Rettung oder Arbeitsteilung?
Sea-Watch weist die Vorwürfe zurück und erklärt, 90 Menschen aus Seenot gerettet zu haben. Kurz nach der Übernahme sei das Schiff von bewaffneten, der libyschen Küstenwache zugerechneten Einheiten beschossen und bedroht worden. Dass es zu diesem gefährlichen Zwischenfall kam, wird auch durch Berichte der italienischen Küstenwache gestützt.
Doch der spätere Angriff beantwortet nicht die entscheidende Frage: Wie kam es zuvor zu jener Begegnung mit dem Migrantenboot?
Warum befanden sich vermummte Männer unmittelbar bei der Übergabe? Warum konnten sie anschließend mit dem Boot nach Libyen zurückfahren? Und war es tatsächlich Zufall, dass sich Schlepperboot und NGO-Schiff zur selben Zeit am selben Ort befanden?
Sollte sich der Verdacht einer abgesprochenen Übergabe bestätigen, hätte das mit klassischer Seenotrettung nur noch wenig zu tun. Es wäre eine bemerkenswert effiziente Arbeitsteilung: Die Schlepper bringen ihre zahlenden Kunden einige Dutzend Seemeilen aufs Meer, übergeben sie einem europäischen Schiff und kehren samt Boot nach Libyen zurück. Die Organisation übernimmt den Weitertransport nach Europa.
Die Schleuser würden dadurch nicht bekämpft. Ihr Geschäftsmodell würde komfortabler, billiger und sicherer.
Die Folgen tragen andere
Sea-Watch spricht von „Bewegungsfreiheit“, als gäbe es ein allgemeines Menschenrecht auf Einreise nach Europa. Ein solches Recht existiert nicht. Menschen dürfen ihr eigenes Land verlassen, aber daraus folgt kein Anspruch, sich den Zielstaat frei auszusuchen und dessen Einreisebestimmungen zu umgehen.
Auch die politischen und gesellschaftlichen Folgen dieser Überfahrten blendet die Organisation konsequent aus. Wer die Menschen an Land bringt, muss später weder für Unterbringung noch für Sozialleistungen, Integration, Polizeieinsätze oder Strafverfahren aufkommen. Die moralische Inszenierung findet auf dem Meer statt – die Rechnung wird an Land präsentiert.
Dabei ist es keineswegs „rassistisch“, auf Sicherheitsprobleme hinzuweisen. In Italien befanden sich Ende Mai 2026 insgesamt 64.741 Menschen in Haft, davon 20.350 ausländische Staatsangehörige. Das entspricht rund 31,4 Prozent. Gleichzeitig stellen Ausländer lediglich 9,4 Prozent der italienischen Wohnbevölkerung.
Diese Zahlen bedeuten selbstverständlich nicht, dass jeder Ausländer kriminell ist. Sie beweisen ebenso wenig, dass von Sea-Watch an Land gebrachte Menschen zwangsläufig Straftaten begehen. Sie zeigen aber sehr wohl, dass ausländische Staatsangehörige in den italienischen Gefängnissen deutlich überrepräsentiert sind.
Auch bei einzelnen Delikten ist die Belastung auffällig. Nach einer Analyse des italienischen Innenministeriums entfielen 2022 rund 47 Prozent der wegen Raubes angezeigten oder festgenommenen Tatverdächtigen auf ausländische Staatsangehörige. Bei Heroinhandel und -verkauf stellten Ausländer 2023 sogar mehr als die Hälfte der Beschuldigten.
Wer angesichts von Messerangriffen, Raubüberfällen, Drogenhandel und anderen Gewaltdelikten eine Kontrolle der Einwanderung verlangt, verbreitet daher nicht automatisch Hass. Er stellt eine Frage, die verantwortliche Politik beantworten muss: Wen lassen wir nach Europa, und welche Risiken muten wir der eigenen Bevölkerung zu?
Die moralische Fassade bekommt Risse
Sea-Watch stellt sich gerne als unangreifbare moralische Instanz dar. Die Aktivisten retten, die Staaten versagen, die Kritiker hetzen – so einfach ist das Weltbild.
Die Frontex-Aufnahmen passen nicht in diese Erzählung. Ein vermummter Mann, ein erhobener Daumen, eine Übergabe auf hoher See und ein Boot, das anschließend nach Libyen zurückkehrt: Das ist kein Beweis für eine strafbare Zusammenarbeit. Es ist aber ein Vorgang, der lückenlos aufgeklärt werden muss.
Vielleicht sind die Aktivisten tatsächlich „Träumer“, wie sie selbst schreiben. Doch ihre Träume von grenzenloser Bewegungsfreiheit werden nicht von ihnen allein ausgelebt. Die Folgen tragen die europäischen Bürger – finanziell, gesellschaftlich und im schlimmsten Fall mit ihrer persönlichen Sicherheit.
Sea-Watch fordert: „Lass uns gemeinsam handeln.“ Die italienische Justiz versucht nun herauszufinden, mit wem an jenem 11. Mai tatsächlich gemeinsam gehandelt wurde.






