
Gastbeitrag von
Pius Leitner
50 Jahre Proporz – Autonomie im Krebsgang

Der Proporz als unverzichtbarer Schutzmechanismus
Angriffe auf den Proporz (man denke an die ethnischen „Käfige“) hat es im Laufe der Zeit immer wieder gegeben. Von italienischer Seite teilweise strikt abgelehnt und bekämpft, erweist er sich inzwischen nicht selten sogar als Besserstellung für die italienische Volksgruppe. Das hat auch damit zu tun, dass sich z. B. bei Wettbewerben weniger deutsch- und ladinischsprachige Südtiroler melden und von diesen somit weniger Stellen besetzt werden, als ihnen zustehen würden. Dies führt wiederum dazu, dass aufgrund des Mitarbeiterbedarfs der verschiedenen Ämter und Dienstleister – Bahn und Post wurden inzwischen privatisiert – der Proporz „aufgeweicht“ wird. So haben etwa Ärzte mit befristetem Vertrag nun fünf statt drei Jahre Zeit, den erforderlichen Zweisprachigkeitsnachweis vorzulegen. Damit wird den Südtirolern für zwei weitere Jahre das Recht auf Gebrauch der Muttersprache vorenthalten.
Schleichende Aushöhlung statt konsequenter Weiterentwicklung
Es ist selbstverständlich legitim, eine Bestimmung aus dem Jahre 1976 auf den Prüfstand zu stellen und zu hinterfragen, die Grundlage der Maßnahme insgesamt als Schutzmechanismus für die deutsch- und ladinische Volksgruppe muss jedoch erhalten bleiben. Die „flexible“ Anwendung des Proporzes wird leider immer mehr zur gängigen Praxis und droht festgeschrieben zu werden. Entsprechende Durchführungsbestimmungen stehen hierfür im Raum.
Die in den letzten Jahrzehnten erfolgte Zuwanderung hat zweifelsohne ebenfalls Auswirkungen auf das ethnische Gefüge in Südtirol und wird den Proporz beeinflussen. Aus ihrer Sicht kommen viele Zuwanderer nicht nach Südtirol, sondern nach Italien und neigen zu einer Hinwendung an die italienische Sprache und Kultur. Diese Entwicklung war vorhersehbar; entsprechende Warnungen wurden jedoch zunächst geleugnet, dann bekämpft und schließlich verdrängt. Südtirol wird sich dieser neuen Herausforderung offensiv stellen müssen.
Die Autonomie braucht wieder eine klare Richtung
In den letzten Jahren wurde immer wieder von der Notwendigkeit einer „dynamischen“ Autonomie gesprochen. Worauf es dabei ankommt, ist eine Dynamik im Angriffsmodus und nicht ein Verharren oder gar eine Flucht in die Verteidigung.
Trügt der Eindruck, dass sich die Autonomie, wenn nicht im Rückwärtsgang, so bestenfalls im Krebsgang befindet? Es braucht einen Befreiungsschlag!




