Wenn die Alm zur Kampfzone wird: Südtirol und der Wolf

Doch Südtirol ist kein Labor für romantische Wildtierfantasien. Südtirol ist ein Bergland. Ein Land der kleinen Höfe, der steilen Hänge, der verstreuten Weideflächen, der Almen und der mühsamen bäuerlichen Arbeit. Wer in diesem Land den Wolf einfach als normalen Bestandteil der Landschaft verklärt, ohne die Folgen ehrlich zu benennen, macht es sich zu einfach.
Denn es geht längst nicht mehr um ein theoretisches Naturschutzthema. Es geht um Bauern, die am Morgen tote Tiere finden. Es geht um Familien, die sich fragen, ob sie ihre Tiere überhaupt noch auftreiben können. Es geht um eine Berglandwirtschaft, die ohnehin unter Druck steht – und nun auch noch mit einem Problem allein gelassen wird, das ihr jahrelang von anderen schöngeredet wurde.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Der aktuelle Situationsbericht Großraubtiere des Landes zeigt, wie ernst die Lage geworden ist. Im Jahr 2025 wurden im Zusammenhang mit Wolfsrissen an Nutztieren insgesamt 191 Rissereignisse registriert. Dabei waren 507 Tiere betroffen. Davon wurden 350 Tiere als getötet, 31 als verletzt und 126 als vermisst dokumentiert. Das Land weist ausdrücklich darauf hin, dass vermisste Tiere nicht automatisch als Wolfsopfer gewertet werden können, weil ohne Kadaver oder objektive Nachweise auch andere Ursachen möglich sind. Aber auch ohne diese Zahl bleibt die Bilanz erschütternd.
Besonders betroffen waren Schafe. Allein 315 Schafe wurden 2025 als gerissen dokumentiert, dazu 30 Ziegen, vier Rinder und ein Damwild. Von den betroffenen Tieren wurden insgesamt 318 entschädigt, mit einem Gesamtwert von 74.220 Euro.
Das sind keine kalten Zahlen aus einer Statistik. Hinter jedem dieser Tiere steht ein Bauer, eine Familie, ein Hof, eine Herde, oft jahrelange Arbeit. Wer nur auf die Entschädigung verweist, hat nicht verstanden, worum es geht. Ein gerissenes Tier ist kein kaputter Gegenstand, der ersetzt wird. Es ist Leid, Arbeit, Verlust und Ohnmacht.
Und es ist eine Zumutung, wenn jene, die den bäuerlichen Alltag nur aus Sonntagsreden kennen, den Betroffenen erklären wollen, sie müssten sich eben besser anpassen.
Südtirol ist nicht wolfskompatibel
Man muss es klar aussprechen: Südtirol ist in weiten Teilen nicht wolfskompatibel. Nicht, weil die Menschen hier keine Natur wollen. Nicht, weil Bauern gegen Tiere wären. Sondern weil die bäuerliche Nutzung unseres Landes, die Almwirtschaft und die Topographie dieses Landes mit einer unkontrollierten Wolfsausbreitung kaum vereinbar sind.
Auf dem Papier klingt Herdenschutz einfach. In der Realität bedeutet er Zäune in schwierigem Gelände, ständige Kontrolle, enorme Zusatzarbeit, rechtliche Verantwortung, hohe Kosten, Konflikte mit Wanderern und eine Dauerbelastung für Menschen, die ohnehin längst am Limit arbeiten.
Auch das Land selbst hat in der Vergangenheit festgestellt, dass auf den als Weideschutzgebieten ausgewiesenen Almen Herdenschutz aus objektiven Gründen nicht möglich ist. 2023 wurden laut Landesverwaltung 1.458 Weideschutzgebiete vorbereitet beziehungsweise ausgewiesen. Gerade diese Einstufung sollte Wolfsentnahmen überhaupt erst realistischer machen.
Wer trotzdem so tut, als ließe sich die Sache mit ein paar Zäunen, Hunden und Formularen lösen, zeigt nicht Tierliebe, sondern Weltfremdheit.
Denn der Wolf trifft genau jene Bauern, die Südtirols Kulturlandschaft offenhalten. Er trifft jene Menschen, die dafür sorgen, dass Hänge nicht verwalden, Weiden nicht verschwinden und Täler ihr Gesicht behalten. Dieselben Kreise, die gerne von Landschaftsschutz reden, sollten sich fragen, wer diese Landschaft eigentlich seit Generationen erhält.
Auch die Entnahme ist kein Grund zur Freude
Dass in Enneberg auf der Fojedöra-Alm nun ein Schadwolf entnommen wurde, ist kein Grund zum Jubeln. Es schmerzt jedes Tier, das getötet werden muss. Auch der Wolf ist ein Lebewesen. Gerade deshalb ist die jetzige Lage so bitter. Man hätte die Wiederansiedlung des Wolfes von Anfang an verhindern müssen, dann stünde man heute nicht vor diesem Dilemma.
Es ist tragisch, wenn am Ende geschossen werden muss. Aber noch tragischer ist eine Politik, die so lange an der Realität vorbeiredet, bis am Schluss nur noch solche Maßnahmen bleiben.
Nicht Bozen allein trägt die Verantwortung
Fairerweise muss man sagen: Die Südtiroler Politik kann in dieser Frage nicht frei schalten und walten. Der entscheidende rechtliche Rahmen wurde über Jahre nicht in Bozen, sondern in Brüssel und Rom gezogen.
Der Wolf stand auf europäischer Ebene lange unter strengem Schutz. Erst 2025 wurde der Schutzstatus in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie von „streng geschützt“ auf „geschützt“ gesenkt. Der Rat der Europäischen Union begründete diesen Schritt ausdrücklich damit, dass den Mitgliedstaaten mehr Flexibilität beim Management der Wolfspopulationen ermöglicht werden soll. Gleichzeitig bleiben die Staaten verpflichtet, den günstigen Erhaltungszustand des Wolfs zu gewährleisten. Auch Italien musste diesen europäischen Rahmen erst in nationales Recht übernehmen.
Das heißt: Südtirol ist nicht der Hauptgesetzgeber. Das Land kann Druck machen, Verfahren vorbereiten, Gutachten einholen, Landesgesetze anpassen und im Einzelfall Entnahmen verfügen. Aber es entscheidet nicht allein darüber, welchen Schutzstatus der Wolf hat und wie weit Eingriffe zulässig sind.
Ganz machtlos ist Südtirol allerdings auch nicht. Das Südtiroler Landesgesetz sieht vor, dass der Landeshauptmann unter bestimmten Voraussetzungen die Entnahme, den Fang oder das Töten von Wölfen und Bären ermächtigen kann. Voraussetzung ist unter anderem, dass keine andere Lösung besteht, der Bestand der Population nicht beeinträchtigt wird und die Vorgaben der europäischen Habitat-Richtlinie sowie die Gutachtenmechanismen eingehalten werden. Der Verfassungsgerichtshof hat diese autonome Zuständigkeit grundsätzlich bestätigt.
Südtirol bewegt sich also in einem engen Korridor. Aber innerhalb dieses Korridors muss die Landespolitik konsequent handeln – und in Rom und Brüssel weiter Druck machen.
Bauern brauchen Rückhalt, keine Belehrungen
Südtirol muss sich entscheiden, wem es in dieser Frage glaubt: Jenen, die vom Schreibtisch aus über Biodiversität reden, oder jenen, die morgens ihre toten Tiere finden. Natürlich braucht es Artenschutz. Natürlich braucht es Regeln. Natürlich darf nicht planlos geschossen werden. Aber Artenschutz darf nicht bedeuten, dass Bauern die Rechnung zahlen.
Die Berglandwirtschaft ist kein nostalgisches Auslaufmodell. Sie ist gelebte Heimatpflege. Sie erhält Landschaft, Kultur, Ernährung und Brauchtum. Wer sie dem Wolf unterordnet, gefährdet mehr als einzelne Herden. Er gefährdet ein Stück Südtirol.
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