Drogenreport aus Südtirol: Immer mehr Jugendliche steigen früh ein

Am 26. Juni wird weltweit der Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch und illegalen Drogenhandel begangen.
Veränderungen beim Drogenkonsum
Suchterkrankungen verändern sich laut HANDS laufend: Kokain werde gesellschaftlich zunehmend akzeptiert, Psychopharmaka seien leicht verfügbar und Mischkonsum gehöre für viele Betroffene zum Alltag.
HANDS begleitet jährlich rund 1.400 Menschen ambulant sowie weitere 250 Personen in Rehabilitationsangeboten und Projekten im Sozialraum. Alkohol und Glücksspiel stehen im ambulanten Bereich weiterhin an erster Stelle. Gleichzeitig gewinnen Kokain, Psychopharmaka, Gaming und Mischkonsum zunehmend an Bedeutung.
Bruno Marcato, Direktor von HANDS KDS, beobachtet dabei eine deutliche Veränderung der gesellschaftlichen Wahrnehmung: „Kokain wird von vielen Menschen inzwischen ähnlich wahrgenommen wie Cannabis vor zwanzig Jahren. Für manche gehört es zu Partys, für andere zum Arbeitsalltag oder zur Bewältigung von Stress. Die Hemmschwelle sinkt.“
Früher Einstieg bereits mit zwölf oder dreizehn Jahren
Besonders besorgniserregend sei laut Marcato die Entwicklung bei Medikamenten. Beruhigungs- und Schlafmittel gelten vielen Jugendlichen als harmlos, weil sie in zahlreichen Haushalten verfügbar sind. Zusätzlich spielten Onlinehandel und soziale Netzwerke eine Rolle bei der Beschaffung.
Mischkonsum sei inzwischen Alltag vieler Betroffener: Im ambulanten Bereich von HANDS zeige etwa die Hälfte der begleiteten Menschen mehrere Abhängigkeiten gleichzeitig. In den Rehabilitationsangeboten liege dieser Anteil bei rund 90 Prozent.
„Viele Jugendliche machen ihre ersten Erfahrungen mit Suchtmitteln bereits im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren“, erklärt Marcato. Studien zeigten zudem einen Anstieg beim Konsum von Kokain, Ketamin, MDMA und neuen psychoaktiven Substanzen, während Heroin leicht an Bedeutung verliere.
Psychische Belastungen als Hintergrund
Für Marcato gehe die Diskussion über einzelne Substanzen zu kurz. Entscheidend sei, wie junge Menschen mit Belastungen umgehen können.
„Jugendliche stehen heute unter einem enormen Druck. Schule, Arbeit, soziale Medien und gesellschaftliche Erwartungen erzeugen eine permanente Anspannung. Gleichzeitig erleben viele junge Menschen Unsicherheit, Einsamkeit oder belastende Erfahrungen im familiären Umfeld“, so Marcato.
HANDS beobachte deshalb häufig Mehrfachproblematiken: Sucht, Depressionen, Angststörungen und weitere psychische Belastungen träten oft gemeinsam auf. „Der Mensch ist immer mehr als seine Diagnose“, betont Marcato.
Beispiel aus der Praxis: Konsum im familiären Umfeld
Ein Fall aus der Praxis von HANDS zeigt laut Mitteilung die Komplexität solcher Situationen. Eine junge Frau wuchs in einer Familie auf, in der Kokain, Cannabis, Medikamente und Ketamin Teil des Alltags waren. Gewalt habe es keine gegeben, die Familie habe sich als harmonisch beschrieben, gleichzeitig seien klare Grenzen zwischen Eltern und Kindern gefehlt.
Die junge Frau habe sich nicht nur mit ihrer eigenen Abhängigkeit auseinandersetzen müssen, sondern auch mit den Wertvorstellungen ihres Umfelds. Mehrfach erlitt sie lebensbedrohliche Krisen und fiel aufgrund von Ketaminmissbrauch ins Koma. Heute lebe sie selbstständig und ohne problematischen Konsum.
Neue Ansätze in der Betreuung
HANDS setzt laut Mitteilung zunehmend auf individuelle Begleitwege statt standardisierter Programme. Je nach Situation würden psychotherapeutische Angebote, sozialpädagogische Begleitung, medikamentöse Unterstützung und erlebnisorientierte Erfahrungen kombiniert.
Dazu zählen unter anderem Aufenthalte in den Bergen, Aktivitäten mit Tieren, Klettern und Kleingruppenprojekte.
„Viele bringen sehr unterschiedliche Belastungen mit. Deshalb müssen auch die Hilfen unterschiedlich aussehen“, so Marcato. Veränderung entstehe oft dort, wo neue Erfahrungen möglich werden.
Appell zum Weltdrogentag
Zum Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch richtet Marcato einen Appell an Eltern, Lehrpersonen und Bezugspersonen: Erste Warnsignale würden häufig unterschätzt oder als normale Jugendphase abgetan. Entscheidend sei, das Verhalten im Gesamtzusammenhang zu sehen.
An Jugendliche richtet er die Botschaft: „Menschen sterben auch heute noch an den Folgen von Sucht. Gleichzeitig gibt es immer die Möglichkeit, dem eigenen Leben eine neue Richtung zu geben. Freiheit bedeutet nicht, alles tun zu können. Freiheit bedeutet, wählen zu können, Verantwortung zu übernehmen und die eigene Zukunft aktiv zu gestalten.“
Über HANDS KDS
HANDS KDS ist ein Therapiezentrum mit Sitz in Bozen und Außenstellen in Meran und Bruneck. Jährlich begleitet das Sozialunternehmen rund 1.600 Menschen mit Suchtproblemen, darunter Alkohol-, Medikamenten-, Glücksspiel- und andere Verhaltensabhängigkeiten. Unterstützt wird die Arbeit von über 50 hauptamtlichen Mitarbeitenden sowie mehr als 40 ehrenamtlichen Mitarbeitern.






