Was der Mord an Henry Nowak über Sikh-Waffen verrät

Schwert-Marsch durch Bozen sorgte für Empörung
Als im Mai dieses Jahres Angehörige der Sikh-Gemeinschaft in traditioneller Kleidung, mit Turbanen und sichtbar getragenen Schwertern durch Bozen marschierten, sorgte das bei vielen Südtirolern für Unverständnis und Empörung (UT24 berichtete).
Der öffentliche Auftritt wirkte auf zahlreiche Beobachter befremdlich – insbesondere vor dem Hintergrund der sonst strengen Haltung gegenüber Messern und Waffen im öffentlichen Raum.
Kritiker dieser Bedenken hielten dagegen, dass es sich bei den Sikh um eine friedliche Glaubensgemeinschaft handle und die mitgetragenen Schwerter ausschließlich religiöse beziehungsweise zeremonielle Bedeutung hätten. Doch ein Fall aus Großbritannien zeigt, wie problematisch es sein kann, solche Fragen vorschnell abzutun und berechtigte Sorgen pauschal als unbegründet zurückzuweisen.
Der Fall Henry Nowak
Besonders brisant erscheint in diesem Zusammenhang der Fall des jungen Briten Henry Nowak. Er wurde im Dezember vergangenen Jahres mit einem Sikh-Zeremonialmesser tödlich verletzt. Trotz seiner schweren Verletzungen wurde zunächst sogar er selbst von der Polizei festgenommen, nachdem die Brüder Vickrum und Gurpreet Digwa den Behörden einen angeblich rassistischen Überfall gemeldet hatten.
Auf einer inzwischen veröffentlichten Bodycam-Aufnahme ist zu sehen, wie ein Polizeibeamter den Angriff auf Nowak zunächst in Zweifel zieht. Erst später stellte sich heraus, dass die Darstellung der Digwa-Brüder nicht den tatsächlichen Ereignissen entsprach.
Bemerkenswert ist dabei vor allem die Tatwaffe: Jenes Messer, mit dem Henry Nowak getötet wurde, ähnelt dem Zeremonialmesser, das auch beim umstrittenen Sikh-Umzug in Bozen offen getragen wurde. Ein Umstand, der die damalige Debatte in Südtirol aus heutiger Sicht in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Ein Täter mit Vorgeschichte
Vickrum Digwa wurde vor wenigen Wochen zu einer Haftstrafe von 20 Jahren und 190 Tagen verurteilt. Bereits im Jahr 2023 war der heute 23-jährige Inder auffällig geworden. Damals wurde er festgenommen, nachdem er in einem Sikh-Tempel in Southampton mehrere Messer im Wert von umgerechnet rund 1.150 Euro entwendet haben soll.
Auch innerhalb der eigenen Gemeinschaft scheint Digwa keinen guten Ruf genossen zu haben. Mehrere Mitglieder der Sikh-Gemeinde bezeichneten ihn laut britischen Medienberichten nach dem Prozess als „pathologischen Lügner“ und warfen ihm mangelnde Impulskontrolle vor.
Die Ermittlungen reichen mittlerweile auch in sein familiäres Umfeld hinein. Seine Mutter Kiran Kaur soll nach dem Tod des Opfers das Tatmesser in ihrem Haus versteckt haben. Gegen sie läuft derzeit ein Verfahren wegen Beihilfe zum Mord; das Urteil wird Mitte Juli erwartet. Darüber hinaus erhob die britische Staatsanwaltschaft gegen Gurpreet Digwa sowie dessen Vater Vorwürfe wegen illegalen Waffenbesitzes.
Berechtigte Fragen statt reflexhafter Beschwichtigung
Der Fall zeigt vor allem eines: Die bloße Behauptung, eine Gruppe sei grundsätzlich friedlich, kann keine Antwort auf berechtigte Sicherheitsfragen sein. Natürlich darf das Verbrechen eines Einzelnen nicht automatisch auf eine gesamte Gemeinschaft übertragen werden. Dennoch ist es ebenso falsch, Sorgen von Bürgern allein deshalb abzutun, weil sie politisch unbequem erscheinen.
Gerade vor dem Hintergrund der Bilder aus Bozen dürfte der britische Fall bei vielen Südtirolern ein ungutes Gefühl hinterlassen. Wenn Menschen mit Schwertern öffentlich durch die Straßen ziehen dürfen, während beispielsweise für die Schützen strenge Waffenregeln gelten, entsteht zwangsläufig eine Diskussion über Gleichbehandlung und öffentliche Sicherheit.
Wer diese Fragen stellt, sollte nicht vorschnell als intolerant abgestempelt werden. Vielmehr geht es darum, ob religiöse oder kulturelle Traditionen automatisch Ausnahmen rechtfertigen – und wo die Grenzen solcher Ausnahmen liegen sollten. Der Fall Henry Nowak zeigt jedenfalls, dass eine Gesellschaft gut beraten ist, Sicherheitsbedenken ernst zu nehmen, anstatt sie aus falsch verstandener Toleranz reflexartig beiseitezuwischen.






