von Alexander Wurzer 12.06.2026 12:25 Uhr

Eklat am Sellajoch: „Was in der Steinernen Stadt zerstört wurde, bleibt unwiederbringlich“

Das geschädigte Naturdenkmal „Steinerne Stadt“ am Sellajoch schlägt weiter hohe Wellen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz direkt vor Ort haben Südtirols Natur- und Alpinverbände eine kritische Bilanz gezogen.

Modell eines illegal entfernten Felsblocks im Maßstab 1:1 (Foto: Heimatpflegeverband Südtirol)

Zwar muss das Gelände nach einer Entscheidung der Landesregierung wiederhergestellt werden, doch der Schaden an der über Jahrtausende gewachsenen Naturlandschaft ist laut den Verbänden teilweise irreversibel. Die Kritik an der bisherigen Politik und am touristischen Immer-mehr ist unüberhörbar.

Für die Verbände zeigt sich in der Steinernen Stadt ein schwerwiegender Eingriff in eines der sensibelsten Berggebiete Südtirols: Im Bereich der Steinernen Stadt wurden im Zuge einer skiwegartigen Verbindung Geländekorrekturen vorgenommen, geschützte Landschaftsstrukturen verändert und große Felsblöcke entfernt. Um die Dimensionen des Eingriffs zu verdeutlichen, bauten die Organisationen vor Ort sogar einen der verschwundenen Felsblöcke im Maßstab 1:1 symbolisch nach.

Hintergrund des Konflikts: Der Verbindungsweg war ursprünglich nur als Provisorium gedacht, wurde über die Jahrzehnte hinweg laut den Verbänden aber immer weiter verbreitert und eingeebnet. Im Jahr 2023 sollen die Arbeiten schließlich über den Rahmen der landschaftsschutzrechtlichen Genehmigung hinausgegangen sein. Die Landesregierung lehnte im März eine Aufsichtsbeschwerde der Piz de Sella AG ab und ordnete die Wiederherstellung an.

Ein Erfolg mit bitterem Beigeschmack

Dass das Land hier bei seiner Entscheidung geblieben ist, verbuchen die Verbände – darunter der Alpenverein Südtirol (AVS), der Heimatpflegeverband, der Dachverband für Natur- und Umweltschutz, der CAI, Mountain Wilderness und Nosc Cunfin – als wichtigen Erfolg. Dennoch bleibt für sie ein bitterer Nachgeschmack.

„Ein beschädigtes Naturdenkmal lässt sich nicht einfach zurückbauen. Was zerstört wurde, bleibt zumindest teilweise verloren“, so der Tenor der Organisationen. Elisabeth Ladinser, Vorsitzende des Dachverbands für Natur- und Umweltschutz, betonte, dass die Landesregierung zwar endlich Verantwortung zeige, dies für Teile des Gebiets am Fuße des Langkofels aber zu spät komme: „Jeglicher Eingriff wäre von vornherein absolut zu verbieten gewesen.“

Die Verbände kündigten an, die anstehenden Renaturierungsarbeiten genau zu beobachten. Es dürfe nicht bei einer rein formalen Erfüllung von Auflagen bleiben, sondern es brauche eine echte, fachgerechte Wiederherstellung. Zudem liegt dem Amt für Natur bereits seit Februar 2025 ein Expertenvorschlag zur Erweiterung des Naturdenkmals vor. Heidi Stuffer von Nosc Cunfin sieht die Politik hier in der Pflicht, rasch und nachhaltig zu handeln.

Harte Kritik am „Immer-mehr-Wachstum“

Der Fall der Steinernen Stadt hat für die Alpin- und Umweltschützer eine Signalwirkung, die weit über das Sellajoch hinausreicht. Er wirft die Frage auf, wie in Südtirol mit der alpinen Kulturlandschaft und geschützten Naturräumen umgegangen wird.

„Wozu gibt es Naturdenkmäler, die per se ausgewiesene Schutzgebiete wären, wenn dann respektlose und zerstörerische Eingriffe erlaubt sind? Was nützen alle Gesetze und Vorschriften, wenn sie nicht kontrolliert und exekutiert werden?“, fand AVS-Präsident Georg Simeoni deutliche Worte. Das größte Kapital Südtirols sei die Natur. Das ständige „Immer-mehr-Wachstum“ müsse endlich einem „Immer-mehr-Bewahren“ weichen.

In dieselbe Kerbe schlug Carlo Alberto Zanella, Präsident des CAI Alto Adige, der ein Umdenken forderte: Der Blick auf die Berge dürfe nicht auf Zerstörung, sondern müsse auf eine naturverträgliche Zukunft ausgerichtet sein. Valentine Kostner vom Heimatpflegeverband Südtirol brachte das Dilemma auf den Punkt: „Felsblöcke, Wiesen, eine zarte alpine Flora: gewachsen über Jahrtausende, unwiederbringlich verändert in nur wenigen Tagen.“ Tourismus und Natur könnten zwar nebeneinander bestehen, aber nur, wenn die Politik klare Grenzen setzt und diese auch konsequent durchsetzt.

Die Forderung: Ein Naturpark Langkofelgruppe

Um solche Eingriffe in Zukunft zu verhindern, erneuerten die Verbände zum Abschluss ihren zentralen Appell: Die bestehende Schutzzone rund um die Steinerne Stadt müsse ausgeweitet und ein rechtlich verbindlicher Naturpark Langkofelgruppe eingerichtet werden – politisch gewollt und mit wirksamen Kontrollmechanismen ausgestattet.

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