von Alexander Wurzer 06.06.2026 12:30 Uhr

Achammers Schulbilanz: Wird die deutsche Schule noch verteidigt?

Das Bildungsjahr 2025/26 neigt sich dem Ende zu. Wenn die Landespolitik kommende Woche Bilanz zieht, darf es keine Schönwetter-Veranstaltung werden. Denn hinter den Kulissen der deutschen Schule und Kindergärten brennt es an allen Ecken – personell, organisatorisch und sprachpolitisch.

Symbolbild UT24

Das Schul- und Kindergartenjahr 2025/26 neigt sich dem Ende zu. Am Dienstag, 9. Juni, wollen Bildungslandesrat Philipp Achammer und sein ladinischer Amtskollege Daniel Alfreider Bilanz ziehen. Gemeinsam mit der deutschen Landesschuldirektorin Sigrun Falkensteiner und dem Direktor der Landesdirektion Ladinische Kindergärten und Schulen, Heinrich Videsott, soll auf das ablaufende Bildungsjahr zurückgeblickt und ein Ausblick auf das kommende Jahr gegeben werden.

Doch gerade bei der deutschen Schule und den deutschen Kindergärten dürfte vielen Eltern, Lehrpersonen und Direktoren eine reine Erfolgsbilanz kaum genügen. Denn dieses Schuljahr war kein normales Jahr. Es war eine Bewährungsprobe – organisatorisch, personell und sprachpolitisch.

Personalmangel, offene Stellen, Direktberufungen, wachsender Sprachförderbedarf, Integrationsdruck und die ständige Debatte über Mehrsprachigkeit haben gezeigt, wie dünn die Reserven im Bildungssystem geworden sind. Dass der Schulbetrieb trotzdem weiterläuft, liegt nicht daran, dass alles reibungslos funktioniert, sondern daran, dass Lehrpersonen, Kindergartenpersonal und Direktoren immer mehr auffangen.

Die entscheidende Frage lautet daher: Wird die deutsche Schule in Südtirol noch als das verteidigt, was sie laut Autonomie sein muss – nämlich ein Schutzraum für die deutsche Sprache?

Die deutsche Schule ist kein normales Schulsystem

In Südtirol ist Schule mehr als Wissensvermittlung. Sie ist ein Grundpfeiler der Autonomie. Der muttersprachliche Unterricht gehört zu jenen Schutzbestimmungen, die verhindern sollen, dass die deutsche und ladinische Minderheit im italienischen Staat sprachlich und kulturell unter Druck geraten.

Gerade deshalb ist es politisch brisant, wenn die deutsche Schule immer stärker mit Aufgaben überfrachtet wird, die weit über den klassischen Bildungsauftrag hinausgehen. Sie soll unterrichten, integrieren, auffangen, fördern, dokumentieren und gleichzeitig die deutsche Sprache sichern.

Das kann auf Dauer nicht gutgehen, wenn die Politik zwar neue Konzepte liefert, aber die Grundfrage nicht sauber beantwortet: Was ist der Kernauftrag der deutschen Schule? Ist sie noch in erster Linie Schule der deutschen Sprachgruppe – oder wird sie Schritt für Schritt zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Reparaturbetrieb?

1.099 offene Stellen

Die härteste Zahl dieses Schuljahres lautet 1.099. So viele Stellen blieben nach der Online-Stellenwahl für das Schuljahr 2025/26 an den deutschsprachigen Grund-, Mittel- und Oberschulen offen. Insgesamt wurden 1.957 Stellen angeboten, nur 858 wurden gewählt. Damit blieb mehr als jede zweite Stelle zunächst unbesetzt.

Besonders brisant: Von 424 möglichen unbefristeten Lehraufträgen (Stammrolle) konnten im regulären Verfahren nur 162 vergeben werden. Das entspricht mageren 38,20 Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das: Fast zwei Drittel dieser so wichtigen Planstellen blieben zunächst unbesetzt. Die Deutsche Bildungsdirektion spricht selbst davon, dass Angebot und Nachfrage weiterhin stark auseinanderklaffen. Besonders betroffen waren technische Fächer, die Integration in allen Schulstufen und die Sprachförderung Deutsch.

Diese Zahlen zeigen auch, dass der Lehrberuf in Südtirol offenbar nicht mehr attraktiv genug ist. Wer junge Menschen für die Schule gewinnen will, muss ihnen Perspektive, Wertschätzung und vernünftige Arbeitsbedingungen bieten. Genau hier haben Achammer und die Landesregierung in diesem Jahr aber keine überzeugende Visitenkarte abgegeben. Die zähen Verhandlungen, die Unzufriedenheit an der Basis und das Gefühl vieler Lehrpersonen, politisch nicht ernst genug genommen zu werden, waren kaum geeignet, Werbung für diesen Beruf zu machen.

Dabei sind gerade die betroffenen Bereiche für die Zukunft der deutschen Schule entscheidend. Denn die deutsche Schule soll die deutsche Sprache sichern, Kinder fördern und gleichzeitig immer mehr gesellschaftliche Verschiebungen auffangen. Ausgerechnet dort, wo der Druck am größten wird, fehlt aber das Personal.

Die 1.099 frei gebliebenen Stellen wurden anschließend direkt von den Schulen vergeben. Dabei können laut Bildungsdirektion auch Bewerber zum Zug kommen, die nicht die für den Lehrberuf vorgeschriebene Qualifikation besitzen. Das mag im Einzelfall notwendig sein, ist politisch aber ein Alarmsignal. Wenn ein Bildungssystem immer stärker auf Direktberufungen und Notlösungen angewiesen ist, dann darf man nicht mehr von einer normalen Personalschwankung sprechen.

Wenn die Sprache zur Belastungsprobe wird

Besonders deutlich wird der Druck in der Sprachfrage. Die Sprachenzentren der Deutschen Bildungsdirektion mussten auch 2025 wieder ein breites Netz an Mediation, Sommersprachkursen und Beratung leisten. Tausende Kinder, Jugendliche, Eltern und Schulen wurden erreicht. Sprachförderung ist damit längst kein Randthema mehr, sondern ein zentraler Belastungsfaktor des gesamten Systems.

In den deutschsprachigen Kindergärten und Schulen liegt der Anteil der italienischsprachigen Kinder und Jugendlichen, oder jenen mit ausländischer Staatsbürgerschaft viel zu hoch. Das ist für die deutsche Schule eine massive Herausforderung. Denn in einem Minderheitengebiet zählt nicht nur die nackte Zahl. Entscheidend ist, ob der deutsche Sprachraum im Alltag noch stark genug bleibt.

Viele Einrichtungen stehen längst an der Grenze des Erträglichen – manche wohl darüber hinaus. Wenn Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse in deutsche Kindergärten und Schulen kommen, wenn Elternhäuser die Sprache nicht mittragen können oder wollen und wenn gleichzeitig das Personal für die Sprachförderung fehlt, dann wird aus Integration eine Überforderung.

Genau darüber muss Achammer sprechen. Nicht beschönigend, nicht abstrakt, sondern konkret: Wie viel kann die deutsche Schule noch auffangen, ohne ihren eigenen Auftrag zu verlieren?

Mehrsprachigkeit darf den Schutzauftrag nicht verwässern

In Südtirol wird Mehrsprachigkeit gerne als Zauberwort verwendet. Wer Einwände erhebt, wird rasch als rückständig dargestellt. Doch gerade in einem Minderheitengebiet muss diese Debatte ehrlicher geführt werden.

Niemand bestreitet, dass Kinder gut Deutsch, Italienisch und möglichst auch Englisch lernen sollen. Die Frage ist aber, auf welcher Grundlage. Mehrsprachigkeit darf nicht bedeuten, dass die deutsche Schule sprachlich beliebig wird oder Deutsch nur noch als eine Alltagssprache unter mehreren behandelt wird.

Die deutsche Schule hat einen anderen Auftrag als die italienische Schule. Genau das ist der Sinn des getrennten Schulsystems. Wer diesen Unterschied pädagogisch verwischt, rührt nicht nur an Unterrichtsmethoden. Er rührt an einem Grundpfeiler der Autonomie.

Deshalb muss Achammer am Dienstag mehr sagen als: Mehrsprachigkeit ist eine Chance. Er muss sagen, wie die deutsche Schule als deutsche Schule gestärkt wird.

Schule als Brennglas

Bereits bei der Eröffnung des Bildungsjahres war der Ton ungewöhnlich ernst. Bildungsdirektor Gustav Tschenett sagte, Bildungseinrichtungen wirkten wie ein „Brennglas gesellschaftlicher Komplexität“. Achammer selbst erklärte, Schulen stünden vor der Aufgabe, gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen, auf deren Steuerung sie keinen Einfluss hätten.

Dieser Satz verdient Aufmerksamkeit. Denn er bedeutet im Klartext: Die Schulen müssen Probleme auffangen, die sie selbst nicht verursacht haben. Migration, Sprachdefizite, schwierige Elternarbeit, Verhaltensauffälligkeiten, digitale Überforderung und Bürokratie landen am Ende in den Kindergärten und Klassenzimmern. Dort sollen sie von Menschen bewältigt werden, die ohnehin schon am Limit arbeiten.

Wenn die Schule zum Brennglas wird, muss die Politik verhindern, dass sie daran verbrennt.

Keine Schönwetter-Bilanz

Das Schuljahr 2025/26 war kein Katastrophenjahr. Das wäre gegenüber den vielen engagierten Lehrpersonen, Kindergärtnerinnen, Direktoren und Mitarbeitern unfair.

Aber es war ein Belastungsjahr. Ein Jahr, in dem sichtbar wurde, wie wenig Puffer das System noch hat. Ein Jahr, in dem Personalmangel, Sprachförderung, Integrationsdruck und Mehrsprachigkeitsdebatte zusammenkamen. Und ein Jahr, in dem erneut deutlich wurde: Die deutsche Schule steht massiv unter Druck.

Gerade deshalb darf die Bilanz am 9. Juni keine Schönwetter-Veranstaltung werden. Achammer muss nicht nur sagen, was gelungen ist. Er muss sagen, wo es geknirscht hat – und was sich bis zum nächsten Schulbeginn konkret ändert.

Denn eines darf Südtirol sich auf keinen Fall leisten: dass die deutsche Schule zwar auf dem Papier geschützt bleibt, im Alltag aber immer stärker ausgehöhlt wird.

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