von mmh 06.06.2026 13:49 Uhr

Südtirols Zukunft: „Viele würden gerne zurückkommen, tun es aber nicht“

Immer mehr junge Südtiroler verlassen ihre Heimat. Für Studium, Ausbildung oder den Beruf zieht es viele nach Innsbruck, Wien, München oder noch weiter weg. Die aktuellen ASTAT-Zahlen zeigen, dass die Zahl der im Ausland lebenden Südtiroler in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. Doch wie blickt die junge Generation selbst auf diese Entwicklung?

APA

UT24 hat darüber mit dem 17-jährigen Kevin Pichler aus St. Martin in Passeier gesprochen. Der Schüler engagiert sich unter anderem im Landesschulrat, in der Jungen SVP und in verschiedenen Jugendgremien. Als jemand, der selbst vor wichtigen Zukunftsentscheidungen steht und sich aktiv politisch einbringt, kennt er die Anliegen vieler Gleichaltriger.

  • Der 17-jährige Kevin Pichler aus St. Martin in Passeier (Bild: privat).

Zwischen Heimatverbundenheit und Abwanderung

Für Pichler ist es grundsätzlich nichts Negatives, wenn junge Menschen nach der Matura oder Ausbildung zunächst ins Ausland gehen. Erfahrungen an großen Universitäten, neue Kulturen und internationale Kontakte seien eine wertvolle Bereicherung.

Problematisch werde es jedoch dann, wenn aus dem vorübergehenden Schritt ein dauerhafter Abschied werde.

„Das Problem ist aber, dass es für viele keine Einbahnstraße mehr ist. Viele kommen einfach nicht mehr zurück“, sagt der 17-Jährige.

In Gesprächen mit Freunden, die mittlerweile in Innsbruck, Wien oder München leben, höre er immer wieder dieselben Gründe. Viele würden ihre Heimat vermissen und eigentlich gerne zurückkehren. Dennoch blieben sie im Ausland, weil die Lebenshaltungskosten in Südtirol im Verhältnis zu den Einkommen für viele zu hoch seien.

Für Pichler hat diese Entwicklung langfristige Folgen: „Uns gehen dadurch die Fachkräfte und die Ideen von morgen verloren.“ Gerade junge, gut ausgebildete Menschen würden dem Land fehlen, wenn sie ihre Zukunft anderswo aufbauen.

Leistbares Wohnen als Schlüsselthema

Geht es nach Pichler, braucht es nun konkrete Maßnahmen statt weiterer Diskussionen. Besonders wichtig sei die Schaffung von leistbarem Wohnraum für junge Menschen.

Sein Vorschlag: vom Land geförderte Mietwohnungen für Berufseinsteiger und junge Gründer. Diese könnten in den ersten Jahren ihrer Karriere zu günstigen Konditionen gemietet werden und so den finanziellen Druck deutlich reduzieren.

Daneben sieht er Handlungsbedarf bei der Vernetzung zwischen Südtiroler Unternehmen und Studierenden außerhalb des Landes. Wer bereits während des Studiums attraktive Jobangebote oder spannende Projekte aus der Heimat erhalte, habe deutlich stärkere Anreize zurückzukehren.

Auch beim Thema Bürokratie ortet Pichler Nachholbedarf. Viele junge Menschen hätten den Wunsch, ein Unternehmen zu gründen oder sich selbstständig zu machen. Oft würden sie jedoch von komplizierten Verfahren und langen Wartezeiten abgeschreckt.

„Wenn wir Firmengründungen digitaler, schneller und unkomplizierter machen, schaffen wir selbst die modernen Arbeitsplätze, die uns jetzt noch fehlen“, betont er.

„Nach 22 Uhr ist in vielen Orten tote Hose“

Neben Arbeit und Wohnen spielt für junge Menschen auch die Freizeitgestaltung eine wichtige Rolle. Südtirol verfüge zwar über eine hohe Lebensqualität, sei sicher und biete eine einzigartige Naturlandschaft direkt vor der Haustür. Dennoch sieht Pichler insbesondere bei den Freizeitangeboten Verbesserungspotenzial.

„Für die Freizeit ist es oft zu langweilig“, sagt er offen.

Vor allem beim Nachtleben fehle es vielerorts an attraktiven Angeboten für junge Erwachsene. Bezahlbare Lokale, Treffpunkte, Veranstaltungsräume und eine lebendige Clubszene seien vielerorts Mangelware.

„Nach 22 Uhr ist in vielen Orten tote Hose.“

Wenn Südtirol junge Menschen langfristig halten wolle, müssten Städte und Gemeinden stärker auf deren Bedürfnisse eingehen. Dazu gehöre auch die Bereitschaft, Jugendlichen mehr Freiräume einzuräumen.

„Wir müssen der Jugend mehr Freiraum geben und auch mal akzeptieren, dass es am Wochenende ein bisschen lauter sein darf.“

Junge Menschen sollen mitentscheiden

Selbst engagiert sich Pichler seit Jahren in politischen Gremien. Für ihn ist politisches Engagement keine Frage persönlicher Ambitionen, sondern eine Frage der Verantwortung.

„Weil es um unsere eigene Zukunft geht“, sagt er.

Gerade Themen wie leistbares Wohnen, Digitalisierung, Klimaschutz oder der öffentliche Nahverkehr würden junge Menschen unmittelbar betreffen. Deshalb sei es wichtig, dass ihre Perspektiven in politische Entscheidungen einfließen.

Dass viele Jugendliche Politik als kompliziert oder langweilig empfinden, könne er nachvollziehen. Dennoch hält er dagegen: „Politik ist genau das, was wir daraus machen.“

Die junge Generation bringe neue Ideen, andere Sichtweisen und einen selbstverständlichen Umgang mit digitalen Technologien mit. Sein Appell an Gleichaltrige lautet daher:

„Wir sollten nicht nur am Stammtisch oder im Internet schimpfen, sondern selbst an den Tischen sitzen, wo die Entscheidungen getroffen werden.“

Ein modernes Südtirol mit Zukunft

Trotz aller Herausforderungen blickt Pichler optimistisch nach vorne. Seine Vision ist ein Südtirol, das Tradition und Fortschritt miteinander verbindet.

„Ich stelle mir ein Südtirol vor, das mutig und modern ist. Ein Land, das seine Traditionen pflegt, aber keine Angst vor neuen Wegen hat.“

Besonders wichtig ist ihm dabei das Zusammenleben der Sprachgruppen. Deutsch-, italienisch- und ladinischsprachige Südtiroler sollten nicht nur nebeneinander leben, sondern gemeinsam an der Zukunft des Landes arbeiten.

Für sich persönlich hat der junge Passeirer bereits eine klare Entscheidung getroffen: „Ja, ich sehe meine Zukunft hier.“

Gerade weil ihm Südtirol am Herzen liegt, engagiert er sich politisch. Sein Ziel sei es, mitzuhelfen, dass das Land auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem junge Menschen gerne leben, arbeiten und ihre Zukunft aufbauen.

Das Gespräch mit Kevin Pichler zeigt, dass es vielen jungen Südtirolern nicht an Heimatverbundenheit mangelt. Vielmehr sind es oft praktische Hürden wie hohe Lebenshaltungskosten, fehlender Wohnraum oder begrenzte Perspektiven, die einer Rückkehr entgegenstehen. Ob es gelingt, junge Menschen langfristig im Land zu halten, wird daher maßgeblich davon abhängen, wie Südtirol auf diese Herausforderungen reagiert.

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