von lif 16.05.2026 13:49 Uhr

Burnout: Modewort oder stille Krise?

Kaum ein Begriff taucht in Gesprächen über die moderne Arbeitswelt so häufig auf wie Burnout. Kollegen, die plötzlich wochenlang fehlen. Freunde, die sagen, sie können einfach nicht mehr. Eine ganze Generation, die über Dauerstress klagt. Doch ist das wirklich schlimmer geworden oder haben die Menschen früher einfach geschwiegen?

APA/THEMENBILD/ROLAND SCHLAGER

Die Antwort ist unbequem: beides stimmt. Laut dem Fehlzeiten Report 2024 der AOK stieg die Anzahl der Burnout bedingten Arbeitsunfähigkeitstage pro 100 beschäftigte Mitglieder von 100 Tagen im Jahr 2014 auf knapp 184 Tage im Jahr 2024. Das entspricht einer Zunahme von 84 Prozent in zehn Jahren. Burnout-Fehlzeiten haben sich also in einer einzigen Dekade fast verdoppelt. Auch die KKH Kaufmännische Krankenkasse bestätigt dieses Bild. Die Burnout bedingten Fehltage stiegen von 2019 bis 2024 um 33 Prozent, von 80,7 auf 107,3 Tage je 1.000 ganzjährig versicherte Arbeitnehmer. Auch die Krankheitsfälle selbst stiegen um 46 Prozent, von 2,9 auf 4,2 Krankschreibungen pro 1.000 Berufstätige. Im Jahr 2024 war ein Arbeitnehmer im Schnitt 25,7 Tage wegen eines Burnout Syndroms krankgeschrieben.

Auf europäischer Ebene zeichnet die Weltgesundheitsorganisation ein ähnlich düsteres Bild. In der europäischen Region der WHO leben mehr als 150 Millionen Menschen mit einer psychischen Erkrankung und nur ein Drittel der an Depressionen leidenden Menschen erhält die nötige Versorgung. Burnout ist dabei nur ein Teil eines viel größeren Problems.

Wer ist besonders betroffen?

Laut der Workplace Insights Studie 2025, die auf den Daten von fast 80.000 Beschäftigten basiert, schätzen 18 Prozent der Beschäftigten zwischen 31 und 40 Jahren ihr Burnout Risiko als hoch ein, mehr als in jeder anderen Altersgruppe. Zum Vergleich: Bei Berufsanfängern unter 21 Jahren sind es nur sechs Prozent. Die Lebensmitte, in der beruflicher Aufstieg und familiäre Verpflichtungen zusammentreffen, ist offenbar besonders gefährlich.

Auffällig ist auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Laut dem AOK Fehlzeiten Report entfielen auf Frauen 174 Ausfalltage je 1.000 Versicherte aufgrund von Burnout, auf Männer hingegen nur 97,6 Tage. Frauen kommen damit auf 78 Prozent mehr Burnout bedingte Fehltage als Männer. Mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie spiele dabei laut Experten eine zentrale Rolle.

Auch die junge Generation ist stärker betroffen als oft angenommen. Laut einer Pronova BKK Umfrage von 2024 erlebten 18 Prozent der Generation Z im vergangenen Jahr einen Burnout, verglichen mit 13 Prozent bei allen Beschäftigten. Hohe Erwartungen an sich selbst und an den Job, kombiniert mit einer Arbeitswelt, die diese Erwartungen selten erfüllt, scheinen dabei eine wesentliche Rolle zu spielen.

Mehr Fälle oder mehr Bewusstsein?

Hier wird die Debatte komplizierter. Burnout gilt offiziell nicht als eigenständige Erkrankung und wird daher häufig unter anderen Diagnosen wie Depressionen oder Anpassungsstörungen erfasst. Die KKH Arbeitspsychologin Antje Judick betont, dass die vorliegenden Zahlen nur die Spitze des Eisbergs zeigen, da nur jene Fälle erfasst werden, für die ein ärztliches Attest mit entsprechender Diagnose vorliegt. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher sein. Gleichzeitig ist es legitim zu fragen: Wurde früher einfach weitergemacht, wo heute jemand zum Arzt geht? Wahrscheinlich ja. Mehr Bewusstsein trägt dazu bei, dass mehr Fälle sichtbar werden. Aber das erklärt nicht eine Verdoppelung der Fehltage innerhalb von zehn Jahren.

Rund die Hälfte der deutschen Vollzeitbeschäftigten ist durch den Job relativ oft belastet, ein guter Teil davon sogar sehr häufig, obwohl im Schnitt recht viel Urlaub gemacht wird. Viele arbeiten auch im Feierabend und im Urlaub weiter, also in Zeiten, die eigentlich dem Abschalten dienen sollten. Das ist das eigentliche Problem: Nicht die Arbeit allein, sondern die fehlende Grenze zwischen Arbeit und Erholung.

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