von Alexander Wurzer 25.04.2026 09:00 Uhr

Eurac im Tarnanzug: Die Militarisierung wurde nicht nur diskutiert – sie stand vor der Tür

Es gibt Bilder, die sagen mehr als jede Pressemitteilung. Reihen von Alpini in Tarnuniform, bewaffnet und formiert vor dem Eingang der Eurac. Daneben der rote Teppich, dahinter das Logo eines Forschungszentrums, das sich gerne als Ort des Dialogs, der Wissenschaft und der europäischen Reflexion versteht. Wer dieses Bild sieht, kann schwerlich noch von einer bloßen Nebensache sprechen. An diesem Tag war die Militarisierung nicht nur Gegenstand akademischer Analyse. Sie war sichtbar, bewaffnet und inszeniert präsent.

Im Seminarraum wurde über die Militarisierung gesprochen. Vor der Tür wurde sie vorgeführt. (Foto: Facebook/Alessio Giordano)

Am Montag, 20. April 2026, fand in der Eurac Research in Bozen die Tagung „Sicherheitspolitik in urbanen Räumen“ statt. Eingeladen waren unter anderem Susanne Krasmann, Matteo Mazziotti di Celso, Stefania Baroncelli, Philipp Bologna, Nicola Canestrini und Francesca Schir. Der offizielle Einladungstext war bemerkenswert klar: Kriegsszenarien, multiple Krisen und hybride Bedrohungen hätten die Sensibilität für Sicherheitsfragen wachsen lassen. Mit ihr verschöben sich die Prioritäten in Sicherheitspolitik und „Militarisierung“. Der öffentliche und mediale Diskurs sei von Kriegsrhetorik durchzogen. Auch die Präsenz von Streitkräften in unseren Städten habe zugenommen, ebenso wie die Kontrolle durch Überwachungssysteme und Datensammlung.

Genau darüber sollte im Seminarraum 2 diskutiert werden: Was bedeuten diese Veränderungen für unser Zusammenleben? Wie lässt sich Sicherheit im öffentlichen Raum inklusiv und konstruktiv gestalten? Im zweiten Teil der Tagung sollte der Blick ausdrücklich auf Südtirol gerichtet werden. Experten, die sich beruflich mit sicherheitsrelevanten Fragen beschäftigen, sollten die sicherheitspolitischen Herausforderungen im Land beleuchten und unterschiedliche Perspektiven zusammenführen.

Die Fallstudie stand vor dem Eingang

Doch während in der Eurac über Militarisierung, Kriegsrhetorik, Überwachung und die Präsenz von Streitkräften in urbanen Räumen gesprochen wurde, verwandelte sich das Haus selbst in eine Bühne militärischer Repräsentation. Denn am selben Vormittag fand in der Eurac die offizielle Kommandoübergabe an der Spitze der Truppe Alpine statt. General Michele Risi übergab das Kommando an General Alberto Vezzoli. Vor dem Eingang standen unzählige Alpini in Reih und Glied, uniformiert und bewaffnet. Im Auditorium wurde ein militärisches Zeremoniell abgehalten. Im Seminarraum wurde über die Militarisierung gesprochen. Vor der Tür wurde sie vorgeführt.

Der Widerspruch könnte kaum größer sein. Die Eurac wollte über die zunehmende Präsenz von Streitkräften in unseren Städten diskutieren – und bot am selben Vormittag selbst die Kulisse für eine militärische Zeremonie. Man hätte die Tagung kaum plastischer illustrieren können. Was sonst in wissenschaftlichen Begriffen, Vorträgen und Podiumsdiskussionen beschrieben wird, stand plötzlich fotografisch festgehalten vor dem Eingang: Uniformen, Waffen, Hierarchie, roter Teppich, offizielle Staatssymbolik.

Kein neutraler Verwaltungsakt

Genau darin liegt der eigentliche politische Punkt. Es geht nicht um einzelne Soldaten. Es geht um die institutionelle Botschaft. Wenn ein Forschungszentrum seine Räume und seine Außenwirkung für eine militärische Kommandozeremonie öffnet, dann verleiht es dieser Inszenierung Legitimität, Prestige und einen akademisch-zivilen Rahmen.

Gerade die Gleichzeitigkeit mit der Tagung macht den Vorgang so entlarvend. Die Theorie sprach drinnen, die Praxis stand draußen. Die Eurac wurde damit selbst zum Anschauungsobjekt jener Entwicklung, die im Rahmen der Tagung kritisch untersucht werden sollte. Sie organisierte nicht nur eine Debatte über die sicherheitspolitische Durchdringung urbaner Räume. Sie lieferte am selben Vormittag die Fallstudie dazu gleich mit.

Welche Rolle spielen Forschungszentren?

Man muss sich fragen, welche Funktion Forschungszentren heute übernehmen. Sollen sie Orte sein, an denen gesellschaftliche Entwicklungen nüchtern analysiert, eingeordnet und kritisch diskutiert werden? Oder werden sie zunehmend zu Bühnen, auf denen staatliche Institutionen ihre Rituale und ihre Symbolik in den zivilen Raum hineintragen? Ein Zentrum, das Kultur, Minderheiten, Demokratie, Autonomie und gesellschaftliche Transformation erforscht, kann nicht so tun, als sei es politisch bedeutungslos, wenn bewaffnete Einheiten vor seinem Eingang aufmarschieren.

Dabei geht es nicht darum, notwendige Sicherheitspolitik grundsätzlich infrage zu stellen. Ein Staat muss seine Grenzen schützen, Rückführungen durchsetzen, auf Krisen reagieren und im Ernstfall auch verteidigungsfähig sein. Gerade wer Sicherheit ernst nimmt, sollte aber zwischen staatlicher Handlungsfähigkeit und symbolischer Militarisierung ziviler Räume unterscheiden. Forschungszentren dürfen sich nicht unbedacht zur Kulisse militärischer Selbstinszenierung machen lassen. Ihre Aufgabe wäre es, solche Entwicklungen mit Distanz zu analysieren – nicht sie durch rote Teppiche, protokollarische Gesten und institutionelle Gastfreundschaft stillschweigend zu normalisieren.

Mangelnde Sensibilität in Südtirol

Besonders sensibel ist das in Südtirol. Nicht, weil militärische Präsenz grundsätzlich illegitim wäre, sondern weil öffentliche Räume hier immer auch historische und politische Bedeutung tragen. In einem Land, dessen Autonomie eng mit Minderheitenschutz, kultureller Selbstbehauptung und staatlicher Macht verbunden ist, sind Symbole nie bloß Dekoration. Wer dort sichtbar auftritt, wer institutionell empfangen wird und wer den roten Teppich bekommt, sagt etwas über Macht, Anerkennung und Prioritäten aus.

Forschungs- und Innovationsorte stehen heute vielerorts näher an staatlichen Sicherheitsarchitekturen, als es früher selbstverständlich gewesen wäre. Das kann sachlich notwendig sein, etwa bei Forschung zu Krisen, Katastrophenschutz, Infrastruktur oder innerer Sicherheit. Aber gerade deshalb braucht es klare Grenzen, Transparenz und ein Bewusstsein dafür, wann aus notwendiger Zusammenarbeit symbolische Vereinnahmung wird.

So funktioniert Normalisierung

Die Verteidiger solcher Veranstaltungen werden sagen: Das sei doch nur Protokoll. Nur eine Zeremonie. Nur eine normale Zusammenarbeit zwischen Institutionen. Natürlich gibt es Sicherheitsvorkehrungen, wenn hohe öffentliche und militärische Autoritäten anwesend sind. Aber genau hier beginnt die entscheidende Frage: Wann hört die Ausnahme auf, Ausnahme zu sein? Wann wird aus der Sicherheitsmaßnahme eine Gewöhnung? Wann wird aus dem militärischen Besuch eine zivile Bühne für militärische Selbstvergewisserung?

Denn Militarisierung kommt nicht immer als Ausnahmezustand. Sie kommt als Termin im Kalender. Als freundliche Einladung. Als Sicherheitsmaßnahme. Als „wichtige Veranstaltung“. Als roter Teppich. Als etwas, das irgendwann niemand mehr hinterfragt.

Der Kurzschluss bleibt

Das Bild vor der Eurac zeigt, wie weit diese Gewöhnung bereits reicht. Ein Forschungszentrum, das gleichzeitig über Militarisierung diskutieren lässt und militärische Präsenz in dieser Dichte vor dem eigenen Eingang akzeptiert, liefert selbst das stärkste Argument für die Kritik.

Man kann sich schwer vorstellen, dass eine Einrichtung, die glaubwürdig für demokratische Debatte, kritische Wissenschaft und gesellschaftliche Verantwortung stehen will, diesen Widerspruch einfach abheftet. Es braucht eine öffentliche Erklärung, warum die Eurac eine solche militärische Inszenierung beherbergt hat. Es braucht eine Debatte darüber, welche Rolle Forschungseinrichtungen in Zeiten zunehmender Aufrüstung und Sicherheitsfixierung spielen. Und es braucht die klare Erwartung, dass Orte der Wissenschaft nicht zu dekorativen Kulissen für Machtapparate werden.

Am Ende bleibt dieses eine Bild: Vor dem Schriftzug „eurac research“ stehen bewaffnete Alpini in Formation, daneben ein roter Teppich. Drinnen wird über Sicherheitspolitik in urbanen Räumen gesprochen. Draußen wird sie vollzogen.

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