Dialekt als Türöffner: Wie Sprache Integration in Südtirol prägt

Südtirol – ein durch und durch dialektales Gebiet
Südtirol ist kein klassischer hochdeutsch geprägter Sprachraum. Im Gegenteil: „Die Umgangssprache in Südtirol ist dialektal durchgängig. Wir sind ein sehr starkes Dialektsprechergebiet“, erklärt Stephanie Risse gegenüber UT24.
Das bedeutet: Wer hier lebt, begegnet im Alltag – auf der Straße, im Betrieb oder im Verein – in erster Linie dem Dialekt, nicht der Standardsprache. Diese Realität stellt besonders Zuwanderer vor Herausforderungen, die meist zunächst Hochdeutsch lernen.
Das Missverständnis: Dialekt als Hürde
Oft wird angenommen, Dialekt erschwere Integration. Risse widerspricht dieser Sichtweise klar. Der Unterschied zwischen Hochdeutsch und Dialekt werde häufig überdramatisiert: „Da wird ein Riesenabstand generiert, als ob da alle Weltmeere dazwischen liegen. So dramatisch ist es nicht“ .
Selbst wenn Zugewanderte zunächst nur Standarddeutsch sprechen, funktioniere Verständigung in der Regel. Einheimische könnten sich anpassen – etwa langsamer sprechen oder sich stärker an der Standardsprache orientieren.
Rezeptive Mehrsprachigkeit: Verstehen geht vor Sprechen
Ein zentrales Konzept in diesem Zusammenhang ist die sogenannte „rezeptive Mehrsprachigkeit“. Dahinter steckt eine einfache Erkenntnis:
Menschen verstehen eine Sprache meist schneller, als sie sie aktiv sprechen können.
Risse erklärt im Interview mit UT24: „Wir verstehen schneller eine Sprache, als dass wir sie sprechen. Dann müssen wir vielleicht ein bisschen langsamer werden, aber wir bekommen das hin“ .
Gerade im Alltag kann Integration also auch dann funktionieren, wenn sprachlich noch nicht alles perfekt ist.
Warum Dialekt Integration fördert
Trotzdem ist der Dialekt weit mehr als nur eine zusätzliche Schwierigkeit – er ist ein entscheidender Integrationsfaktor.
„Ja, natürlich“, sagt Risse auf die Frage von UT24, ob Dialektkenntnisse Integration erleichtern. „Weil es hier einfach die Umgangssprache ist“ .
Wer Dialekt zumindest teilweise versteht oder einzelne Elemente übernimmt, signalisiert Zugehörigkeit. Oft reichen schon kleine Anpassungen: „Es genügt ja schon, wenn man ‚Woasch‘ sagt. Dann sind Sie schon sprachlich zugehörig“ .
Solche sprachlichen Marker wirken wie soziale Türöffner – sie erleichtern Kontakte, schaffen Vertrauen und reduzieren Distanz.
Integration beginnt im Alltag – nicht im Lehrbuch
Ein wichtiger Punkt: Sprache muss erlebt werden. Reine Sprachkurse – etwa ausschließlich in Italienisch – greifen oft zu kurz, wenn Menschen in deutschsprachigen Dörfern leben.
Risse betont im UT24-Interview: „Man muss eine Sprache in den Mund bekommen, in sein Gehör. Vielleicht auch ins Herz“ .
Integration gelingt also vor allem dort, wo Sprache im Alltag angewendet wird – im Gespräch mit Nachbarn, Kollegen oder im Verein.
Bildungssystem: Dialekt und Standardsprache gemeinsam denken
In Schulen und Kindergärten wird dieser Ansatz bereits teilweise umgesetzt. Dialekt und Standardsprache werden bewusst miteinander verknüpft, etwa durch Vergleiche oder parallele Verwendung.
Gerade für Kinder ist das entscheidend, da viele Begriffe im Dialekt völlig anders sind als im Hochdeutschen. Ohne dieses Wissen entstehen schnell Verständnisprobleme.
Risse beschreibt die Unterschiede im UT24-Interview anhand einfacher Beispiele: „Der Schrank ist der Kasten und das Federmäppchen ist die Griffelschachtel.“
Gleichzeitig bleibt die Standardsprache wichtig – etwa für Bildung und Schriftkompetenz. Dialekt ersetzt sie nicht, sondern ergänzt sie.
Herausforderungen bleiben – vor allem strukturell
Trotz positiver Beispiele sieht Stephanie Risse Nachholbedarf, insbesondere bei der sprachlichen Förderung: „Wir werden Deutsch als Zweitsprache ausbauen müssen. Wir werden da Geld in die Hand nehmen müssen“ .
Ein entscheidender Faktor sei die Ausbildung qualifizierter Lehrkräfte sowie gezielte didaktische Konzepte.
Fazit: Dialekt als Brücke, nicht als Barriere
Das zentrale Ergebnis des UT24-Interviews mit Stephanie Risse ist jedoch eindeutig: Dialekt ist kein Hindernis für Integration – sondern ein Schlüssel dazu.
Er ermöglicht Zugang zur Gesellschaft, signalisiert Zugehörigkeit und schafft Nähe im Alltag. Voraussetzung ist jedoch ein Zusammenspiel aus Offenheit der Einheimischen, gezielter Sprachförderung und der Bereitschaft von Zugewanderten, sich auf die sprachliche Realität Südtirols einzulassen.
Oder, wie Risse es indirekt zusammenfasst: Integration gelingt dort am besten, wo Sprache nicht nur gelernt, sondern gelebt wird.






