von red 29.09.2025 16:28 Uhr

Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 66)

Martha Stocker untersucht in Die Paketschlacht: Ringen um die richtige Entscheidung in der Südtirolfrage die politischen Auseinandersetzungen und Entscheidungen im Zusammenhang mit dem sogenannten „Südtirol-Paket“ von 1969, das darauf abzielte, den Konflikt zwischen Italien und Südtirol zu lösen.

Martha Stocker: Die Paketschlacht. Ringen um die richtige Entscheidung in der Südtirolfrage, Bozen 2019.

Sie stellt den langwierigen Prozess dar, bei dem sich verschiedene politische Strömungen in Südtirol, Italien und international mit den Themen Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstregierung auseinandersetzten. Das Buch bietet eine detaillierte Betrachtung der politischen Debatten, der Spannungen zwischen den unterschiedlichen Akteuren und der historischen Relevanz jener Entscheidungen, die Südtirol über Jahrzehnte prägten. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.

Einführung und historische Kontextualisierung

Das Thema wird mit einem Prolog eingeläutet, der die geschichtliche Bedeutung der Südtirolfrage erläutert und sie in den Zusammenhang der politischen Entwicklungen der 1960er-Jahre verortet. Stocker schildert den langen und beschwerlichen Prozess hin zu einer Lösung, der durch Konflikte, Misserfolge und Misstrauen gekennzeichnet war. Mit dem Titel „Die Paketschlacht“ wird eine Metapher für die Auseinandersetzungen und den Widerstand verwendet, die sich gegen die vorgesehenen Maßnahmen des „Paket“-Komplexes richteten. Anzumerken ist, ob das Festhalten an der Autonomie auf längere Sicht hin die „richtige“ Entscheidung ist. Die Zukunft wird es weisen.

Der Weg zum „Paket“

Stocker behandelt im Detail die anfänglichen politischen Auseinandersetzungen und den Widerstand, die schließlich zur Entscheidung über das Südtirol-Paket führten. Ein entscheidendes Dokument war der Perassi-Brief, der als Wendepunkt angesehen wird. Der krasse Gegensatz zwischen den politischen Kräften in Südtirol und der italienischen Regierung wird hier deutlich. Die Forderung nach Autonomie stieß auf erhebliche Widerstände, und die Autorin schildert, wie das Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler über Jahrzehnte hinweg verwehrt wurde (und heute noch verwehrt wird).

Der Kreisky-Saragat-Kompromiss und die entscheidenden Verhandlungen

Ein weiterer wesentlicher Abschnitt des Buches behandelt den Kreisky-Saragat-Kompromiss sowie die bilateralen Gespräche, die in den Jahren 1967 und 1969 stattfanden. Stocker untersucht die verschiedenen Standpunkte der Beteiligten sowie die komplexen Verhandlungen, die zu einem historisch bedeutsamen Konsens führten. Dabei wird besonders offensichtlich, wie groß der politische Einsatz war und wie sehr die Verantwortlichen auf eine Lösung drängten, die sowohl Italien als auch die Südtiroler Bevölkerung beruhigen konnte.

Die Landesversammlung 1969

Die entscheidende Debatte fand anlässlich der SVP-Landesversammlung 1969 statt, in der über das Paket abgestimmt werden sollte. Dies offenbart den gespaltenen Zustand der politischen Landschaft in Südtirol. Einerseits waren da die Befürworter des Pakets, die auf eine schnelle Lösung hofften, andererseits standen die Gegner, die den Kompromiss für unzureichend und gefährlich für die Autonomie hielten. Stocker illustriert eindrücklich die Ängste und Hoffnungen der politischen Akteure sowie die tiefgreifenden Differenzen in ihren Ansichten.

Die umstrittenen Themen des „Pakets“

Ein wesentlicher Bestandteil des Pakets waren die umstrittenen Themen wie Zuwanderung, arbeitsmarktpolitische Maßnahmen und die kulturelle Identität der Südtiroler Bevölkerung. Die Debatte über die Zuwanderungen und wirtschaftliche Maßnahmen war besonders umstritten. Stocker greift die Argumente der unterschiedlichen Beteiligten auf und präsentiert deren Standpunkte so, dass sie zu verstehen sind. Auch die Frage nach der Bildungspolitik und der kulturellen Selbstbestimmung spielt hier eine bedeutende Rolle.

Langzeitfolgen und Bilanz

Stocker zieht am Ende des Buches eine Bilanz der Verhandlungen und des Ergebnisses. Sie untersucht, inwiefern das Südtirol-Paket das politische Klima veränderte und welche langfristigen Folgen es für die Autonomie und das Verhältnis zwischen Italien und Südtirol hatte. Die Beendigung der Verhandlungen führte zu einer „Neuordnung“, die auch heute noch Auswirkungen auf die politische Landschaft Südtirols haben.

Fazit

Das Buch Die Paketschlacht von Martha Stocker ist ein gründlich recherchiertes und detailreiches Werk, das die politischen Auseinandersetzungen um die Südtiroler Autonomie umfassend beleuchtet. Die Vielzahl an Perspektiven und Stimmen verleiht dem Werk die Bedeutung eines wichtigen Dokuments für das Verständnis der Südtirolfrage und ihrer historischen Entwicklung. Der Leser wird durch die genaue Darstellung der Verhandlungen und der politischen Stimmungen sowohl mit den politischen Details als auch mit den emotionalen und menschlichen Aspekten der Auseinandersetzungen konfrontiert. Für alle, die sich für die Geschichte Südtirols und die mitunter komplexen politischen Verhältnisse in diesem Land im Herzen der Alpen interessieren, stellt dies eine wertvolle Quelle dar.

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Martha Stocker: Die Paketschlacht. Ringen um die richtige Entscheidung in der Südtirolfrage, Bozen 2019.

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