von wk 04.11.2026 10:38 Uhr

Familie und Beruf: „Jetzt braucht es einen Kulturwandel“

Zu wenige Betreuungsplätze für Kleinkinder, unterschiedliche Ganztagsangebote und mehr Pflegebedürftige: Die Plattform Land sieht Gemeinden, Betriebe und Gesellschaft gemeinsam gefordert.

Die Betreuung und Pflege älterer Angehöriger stellt viele Familien vor große Herausforderungen. Wohnortnahe Pflegeangebote und Unterstützung für Angehörige werden deshalb auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer wichtiger. Foto: Trauer-und-Krisennetzwerk Südtirol

Wie lassen sich Familie, Beruf und Pflege besser vereinbaren? Mit dieser Frage befasste sich die Plattform Land bei ihrer Mitgliederversammlung am 29. Oktober. Die dort vorgestellten Zahlen und Beispiele sollen auch in die Herbsttagung „Gute Orte entstehen gemeinsam“ einfließen, die am 25. November in St. Ulrich stattfindet.

Unterschiedliche Betreuungsangebote

Im Betreuungsjahr 2022/23 kamen in Südtirol 23,9 frühkindliche Betreuungsplätze auf 100 Kinder unter drei Jahren. Im Trentino waren es 41,2. Auch bei den Ganztagsangeboten an Grundschulen gibt es Unterschiede: Im Schuljahr 2025/26 besuchten rund 5,8 Prozent der Kinder an deutschsprachigen Grundschulen ein Ganztagsangebot, an italienischsprachigen Schulen waren es 30,8 Prozent.

Flexible Öffnungszeiten, zusätzliche Nachmittagsangebote und eine Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg könnten Familien entlasten. „Unsere Gemeinden haben ihre Betreuungsangebote in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Das ist eine wichtige Grundlage. Jetzt müssen wir noch stärker auf die tatsächlichen Bedürfnisse von Familien eingehen“, sagt Plattform-Land-Präsident Andreas Schatzer. „Auf den Strukturwandel muss ein Kulturwandel folgen: Familie, Betreuung und Pflege sind Aufgaben, die wir gemeinsam tragen müssen.“

Auch die Arbeitsmarktdaten zeigen Unterschiede: 2022 arbeiteten in Südtirol 47,7 Prozent der beschäftigten Frauen in Teilzeit, bei den Männern waren es 10,5 Prozent.

Betriebe können Angebote mittragen

Ein Beispiel für betriebliche Kinderbetreuung ist die Einrichtung „Pitla Suricia“ des Cavallino Bianco in Gröden. Sie steht nicht nur den Kindern der Mitarbeiter offen, sondern auch anderen Familien und Betrieben im Tal.

„Wir wollen als Gesellschaft Kinder und Familien. Und wir wollen, dass Frauen ihre beruflichen Möglichkeiten ausschöpfen können, auch in Vollzeit, wenn sie das möchten“, sagt Georg Lun, Direktor des WIFO – Instituts für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen. Dafür brauche es passende Rahmenbedingungen in Schulen, Betreuung, Pflege und Unternehmen. „Vor allem müssen wir das Thema gemeinsam angehen, Frauen wie Männer. Es gibt viel Raum für gute Lösungen.“

Mehr Pflegebedürftige erwartet

Auch die Betreuung älterer Menschen stellt Familien vor wachsende Herausforderungen. 2020 wurden in Südtirol rund 74 Prozent der 17.020 pflegebedürftigen Menschen zu Hause betreut. Laut einer Prognose könnte ihre Zahl bis 2035 auf rund 22.739 steigen.

Wohnortnahe Unterstützung, neue Wohn- und Betreuungsformen sowie gut vernetzte Dienste können älteren Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglichen und Angehörige dabei unterstützen, berufstätig zu bleiben. Bei der Herbsttagung will die Stiftung Lorenzerhof zeigen, wie ein Seniorenwohnheim mit Begegnungsangeboten und neuen Betreuungsformen zu einem offenen Ort für die Gemeinde werden kann.

Neben Lun werden in St. Ulrich weitere Beispiele aus Südtirol vorgestellt – von familienfreundlicher Kinderbetreuung und der Mitgestaltung durch Jugendliche bis hin zu Begegnungsräumen und Angeboten für ältere Menschen.

Die Plattform Land will damit zeigen, wie Gemeinden, Betriebe und Zivilgesellschaft soziale Infrastruktur gemeinsam gestalten können. Die genannten Zahlen und Beispiele stammen aus der Mitteilung der Plattform Land.

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