von red 02.11.2026 14:30 Uhr

Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 86)

Der 1989 erschienene Bildband Südtirol. Land zwischen Reben und Firn von Sepp Schnürer ist eine umfassende, geografisch strukturierte Hommage an eine der kontrastreichsten Kulturlandschaften Europas. Das Werk führt den Leser in insgesamt 100 Stationen systematisch durch die verschiedenen Regionen Südtirols. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.

Sepp Schnürer, Südtirol. Land zwischen Reben und Firn, München [u. a.] 1989.

Die Reise beginnt am Brennerpass und führt über das Wipp- und Eisacktal tief in die Bergwelt der Dolomiten und des Pustertals. Nach Abstechern in das Sarntal, das Bozner Becken und das weinreiche Unterland schließt das Buch mit dem Burggrafenamt rund um Meran sowie dem Vinschgau und den hochalpinen Ortler- und Ötztaler Alpen ab. Schnürer verbindet dabei landschaftliche Impressionen von den tiefgelegenen Weinreben des Traminer Landes bis hin zu den eisigen Firnfeldern der Dreitausender wie Ortler und Weißkugel. Neben der Natur stehen historische Meilensteine, sakrale Bauten wie das Kloster Säben und alpine Traditionen – etwa der traditionelle Schaftrieb im Schnalstal – im Fokus.

Detailverliebtes Zeitdokument

Sepp Schnürers Bildband aus dem Jahr 1989 ist weit mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Postkartenmotiven; es ist ein detailverliebtes Zeitdokument. Dem Autor gelingt es, die Zerreißprobe Südtirols – das sprichwörtliche Spannungsfeld zwischen alpin-mediterraner Leichtigkeit im Tal („Reben“) und der rauen, unnachgiebigen Bergwelt der Hochalpen („Firn“) – fotografisch und erzählerisch meisterhaft einzufangen.

Stärken des Werks

Die Aufteilung in 100 präzise benannte Kapitel und geografische Abschnitte, welche die enzyklopädische Struktur verdeutlichen, macht das Buch zu einem hervorragenden Nachschlagewerk. Kaum ein Seitental oder geschichtsträchtiger Ort (von der Franzensfeste bis zum abgelegenen Matscher Tal) wird ausgelassen.

Schnürer beschränkt sich nicht auf Naturdenkmäler. Er integriert spürbar das historische Fundament der Region – sei es durch das Porträt des Freiheitskämpfers Andreas Hofer als „Sandwirt“ im Passeiertal oder die Würdigung alter Bergbautraditionen am Schneeberg. Diese Faktoren unterstreichen die kulturelle Tiefe des zu besprechenden Werkes.

Die im Inhaltsverzeichnis angedeuteten Bildkompositionen (wie die schneebedeckten Berge im Hintergrund der frühlingshaften Weinstraße in Tramin) verdeutlichen das visuelle Konzept: Das Nebeneinander von Extremen macht den Reiz dieses Bandes aus.

Kritische Würdigung aus heutiger Sicht

Da das Buch vor fast vier Jahrzehnten erschienen ist, spiegeln die Aufnahmen und Texte den Zustand des späten 20. Jahrhunderts wider. Moderne Infrastrukturen oder die heutigen Ausmaße des Massentourismus fehlen hier völlig, was dem Band jedoch einen fast nostalgischen, unverfälschten Charme verleiht. Für Liebhaber der analogen Fotografie und geschichtlich Interessierte bietet das Werk einen wunderbar entschleunigten Blick auf das Land.

Fazit

Südtirol. Land zwischen Reben und Firn ist ein hochwertiger Klassiker der alpenländischen Reiseliteratur. Sepp Schnürer hat ein fundiertes und visuell beeindruckendes Panorama geschaffen, das die Seele Südtirols vor dem großen touristischen Boom perfekt konserviert hat. Ein absolutes Muss für Sammler und Südtirol-Liebhaber, die das Land in ihrer ursprünglichen Vielfalt verstehen wollen.

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Sepp Schnürer, Südtirol. Land zwischen Reben und Firn, München [u. a.] 1989.

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