von Alexander Wurzer 24.10.2026 08:00 Uhr

Familienland Südtirol? Diese Zahlen erzählen eine andere Geschichte

Kinder bekommen, möglichst rasch wieder arbeiten, zwölf Wochen Sommerferien irgendwie überbrücken und dabei finanziell nicht ins Rutschen geraten: Eine neue Untersuchung mit 3.488 Südtiroler Eltern zeigt, wie groß der Druck auf Familien inzwischen ist.

Die Familiengründung ist für viele Südtiroler das Lebensziel. Sie stellt die jungen Familien aber auch vor viele Herausforderungen (APA/THEMENBILD)

41 Prozent berichten von finanziellen Schwierigkeiten rund um die Elternzeit, 57 Prozent von Problemen bei der Sommerbetreuung. Viele Mütter schaffen den Wiedereinstieg nur mit Teilzeit oder Heimarbeit – und wer wegen der Kinder beruflich kürzertritt, fürchtet später um die eigene Rente. Südtirol spricht gerne von Familienfreundlichkeit. Die Zahlen zeigen: Im Alltag müssen Eltern vor allem eines – funktionieren.

Die Studie wurde bei der Veranstaltung „Zukunft Familie 2026“ vorgestellt. Sie ist ausdrücklich nicht repräsentativ. 91 Prozent der Befragten sind Mütter, zudem sind gut ausgebildete und wirtschaftlich vergleichsweise stabile Familien überdurchschnittlich vertreten.

Gerade deshalb lassen die Ergebnisse aufhorchen. Denn selbst in dieser Gruppe berichten viele Eltern von erheblichen Schwierigkeiten, Kinder, Beruf und Finanzen unter einen Hut zu bekommen.

Ein Kind – und plötzlich fehlt Geld

41 Prozent der Befragten gaben an, im Zusammenhang mit der Elternzeit finanzielle Schwierigkeiten erlebt zu haben.

In den offenen Antworten wird besonders häufig die Einkommensersatzleistung kritisiert. Denn Miete, Kredit, Stromrechnung und Lebenshaltungskosten laufen weiter, auch wenn wegen der Betreuung plötzlich weniger Geld hereinkommt.

Einige Eltern berichten deshalb sogar, auf Elternzeit verzichtet oder früher als eigentlich gewünscht wieder zu arbeiten begonnen zu haben.

Die gesetzlichen Leistungen wurden inzwischen teilweise verbessert. Die grundsätzliche Frage bleibt aber bestehen: Wie familienfreundlich ist ein System, wenn die Geburt eines Kindes für viele Befragte gleichzeitig zum finanziellen Kraftakt wird?

Mütter wollen arbeiten – können aber oft nicht wie geplant

73 Prozent der befragten Mütter wollten nach Mutterschaft beziehungsweise Elternzeit wieder in den Beruf zurückkehren.

Doch nur 13 Prozent jener Frauen, die zurückkehren wollten, gelang dies ohne Einschränkungen. 72 Prozent brauchten Anpassungen wie Teilzeit oder Heimarbeit. Weitere zehn Prozent konnten unter den gegebenen Bedingungen überhaupt nicht so zurückkehren, wie sie es sich vorgestellt hatten. Das ist bemerkenswert in einem Land, in dem Betriebe ständig über fehlende Arbeitskräfte klagen.

Gut ausgebildete Mütter wollen arbeiten – reduzieren ihre Erwerbstätigkeit aber, weil Arbeitszeiten, Betreuung und Familienalltag nicht zusammenpassen.

Gleichzeitig erklärten 27 Prozent der befragten Mütter ausdrücklich, lieber zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern zu wollen.

Auch diese Entscheidung muss Platz haben. Familienpolitik darf nicht nur darauf abzielen, Eltern möglichst schnell wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Sie muss Familien die Freiheit geben, selbst zu entscheiden, wie sie leben wollen.

Zwölf Wochen Ferien – und jetzt?

Besonders drastisch wird die organisatorische Belastung im Sommer. 57 Prozent der Befragten berichten von Schwierigkeiten bei der Betreuung während der Ferien.

Dann beginnt jedes Jahr aufs Neue das große Organisieren: Sommerlager, Großeltern, Urlaubstage, Verwandte, Nachbarn.

In 374 Antworten wurde sogar angegeben, dass Kinder zeitweise allein zu Hause bleiben. Die Studie sagt nicht, wie alt diese Kinder sind. Daraus lässt sich also kein Skandal über allein gelassene Kleinkinder ableiten. Die Zahl zeigt aber, wie weit manche Familien gehen müssen, um zwölf schulfreie Wochen mit einem normalen Arbeitsjahr zusammenzubringen.

Viele Betroffene wünschen sich deshalb kürzere Ferien. Unter jenen Eltern, die bereits Probleme mit der Sommerbetreuung haben, bevorzugen 663 sieben bis acht Wochen, weitere 499 sechs Wochen. Nur 134 sprechen sich für elf bis zwölf Wochen aus. Andere Eltern warnen wiederum davor, Kindern ihre notwendige Erholungszeit zu nehmen.

Die eigentliche Botschaft lautet deshalb nicht einfach „Ferien kürzen“, sondern: Zwölf Wochen Schulferien lassen sich mit dem Arbeitsalltag vieler Eltern kaum mehr vereinbaren.

Weniger arbeiten – und später dafür bezahlen

Die Folgen enden nicht mit dem Kindergarten oder der Grundschule. 63 Prozent der Befragten sind stark oder sehr stark wegen einer möglichen Rentenlücke besorgt, die durch Teilzeit und Betreuungszeiten entstehen kann.

Wer wegen der Kinder weniger arbeitet, verliert also möglicherweise gleich doppelt: heute beim Einkommen und später bei der Rente. Das betrifft weiterhin überwiegend Frauen.

Dabei erwartet die Gesellschaft selbstverständlich, dass Kinder geboren, betreut und erzogen werden. Genau diese Kinder sollen später arbeiten, Steuern bezahlen und das Renten- und Sozialsystem mittragen. Wie viel ist diese Erziehungsarbeit dann wert?

Südtirol sucht Arbeitskräfte – aber was ist mit den Familien?

Südtirol diskutiert ständig über Fachkräftemangel, fehlende Mitarbeiter und die Zukunft der Wirtschaft. Vielleicht müsste man eine Ebene früher ansetzen.

Wie attraktiv ist ein Land für junge Menschen, wenn Kinder bedeuten können, dass ein Einkommen sinkt, ein Elternteil beruflich zurücksteckt, die Sommerferien zum organisatorischen Dauerproblem werden und Jahrzehnte später möglicherweise eine niedrigere Rente wartet?

Die Studie beweist ausdrücklich nicht, dass diese Belastungen dazu führen, dass Südtiroler weniger Kinder bekommen. Aber sie zeigt sehr deutlich, welchen Druck viele jener Menschen erleben, die bereits eine Familie gegründet haben. Und in Zeiten sinkender Geburtenzahlen sollte das interessieren.

Familienfreundlich – oder nur auf dem Papier?

Südtirol verfügt über zahlreiche Familienleistungen, Kinderbetreuung und Unterstützungsangebote. Das ist unbestritten.

Doch Familienfreundlichkeit entscheidet sich nicht daran, wie viele Maßnahmen auf einer Internetseite stehen. Sie entscheidet sich am Montagmorgen, wenn beide Eltern arbeiten müssen und das Kind keine Betreuung hat. Sie entscheidet sich im Juli, wenn die Schule seit Wochen geschlossen ist. Und sie entscheidet sich am Monatsende, wenn wegen Teilzeit oder Elternzeit plötzlich deutlich weniger Geld übrig bleibt.

Ein Land, das Familien will, muss ihnen auch das Leben mit Kindern ermöglichen. Denn Kinder sind keine organisatorische Störung des Arbeitsmarktes. Vielleicht ist vielmehr eine Arbeitswelt das Problem, in die Familie immer schlechter hineinpasst.

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