90.000 Einwohner mehr in 30 Jahren: Wann ist genug?

Es sind zwei Nachrichten, die innerhalb weniger Tage für Schlagzeilen sorgten und zusammengenommen ein ernüchterndes Bild ergeben. Zuerst berichtete Bozens Bürgermeister Claudio Corrarati von etwa 50 Beschäftigten, die trotz eines unbefristeten Arbeitsvertrags obdachlos seien. Die genaue Zahl ist noch nicht abschließend bestätigt, das Problem selbst aber längst bekannt.
Sozialorganisationen berichten von Menschen, die frühmorgens aufstehen, ihrer Arbeit nachgehen und trotzdem keine feste Unterkunft haben. Menschen, die gebraucht werden, aber auf dem überteuerten Wohnungsmarkt kaum eine Chance finden.
Und dann meldet sich Unternehmerverbandspräsident Alexander Rieper zu Wort: Südtirol würden in den kommenden zehn bis 15 Jahren rund 30.000 Arbeitskräfte fehlen. Zuwanderung sei deshalb unverzichtbar, um unseren Wohlstand und das Sozialsystem zu erhalten.
Wohlstand für wen eigentlich?
Südtirol gehört zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen Europas. Die Unternehmen suchen händeringend Personal, die Beschäftigung ist hoch. Doch offenbar ist der Wohlstand inzwischen so teuer geworden, dass selbst ein sicherer Arbeitsplatz nicht mehr vor Obdachlosigkeit schützt.
Allein in Bozen werden nach Angaben der Stadtverwaltung rund 700 Wohnungen für Arbeitskräfte benötigt. Schon heute. Und während dieses Problem ungelöst bleibt, wird bereits über den Personalbedarf der kommenden Jahrzehnte diskutiert.
90.000 Einwohner mehr – und noch immer nicht genug?
Ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung macht deutlich, wie stark sich Südtirol verändert hat. Ende 1995 lebten hier 451.563 Menschen. Ende 2025 waren es bereits 542.134. Das ist ein Zuwachs von 90.571 Einwohnern beziehungsweise rund 20 Prozent in nur 30 Jahren.
Noch deutlicher zeigt sich der Wandel bei den Haushalten. Während Südtirol 1991 knapp 147.000 Haushalte zählte, waren es 2024 bereits fast 239.000. Immer mehr Menschen beziehungsweise kleinere Haushalte benötigen eigenen Wohnraum. Die Nachfrage wächst, doch Grund und Boden lassen sich nicht beliebig vermehren.
Und nun sollen weitere Arbeitskräfte von außerhalb den künftigen Personalmangel ausgleichen. Natürlich bedeuten die prognostizierten 30.000 fehlenden Arbeitskräfte nicht automatisch 30.000 zusätzliche Einwanderer. Doch wenn ein erheblicher Teil dieser Lücke durch Zuzug geschlossen werden soll, bleibt eine unbequeme Frage: Wo sollen diese Menschen wohnen?
Denn jede zusätzliche Nachfrage nach Wohnraum trifft auf einen Markt, auf dem sich bereits heute viele Südtiroler keine Wohnung mehr leisten können. Neue Arbeitskräfte konkurrieren dort zwangsläufig mit jungen einheimischen Familien, Paaren und Beschäftigten um verfügbare Miet- und Eigentumswohnungen. Wenn das Angebot nicht entsprechend wächst, geraten die Preise weiter unter Druck nach oben.
Die Folgen bekommen nicht in erster Linie die Unternehmer zu spüren, sondern jene Menschen, die bereits hier leben, arbeiten und eine Familie gründen möchten. Für sie könnte der Traum von den eigenen vier Wänden noch weiter in die Ferne rücken.
Es gibt Grenzen – auch für die Wirtschaft
Natürlich liegt die Wohnungsnot nicht allein am Bevölkerungswachstum. Hohe Baukosten, knappe Bauflächen, touristische Kurzzeitvermietungen und politische Versäumnisse tragen ebenfalls dazu bei. Doch immer mehr Menschen benötigen immer mehr Platz. Diese einfache Tatsache lässt sich nicht wegdiskutieren.
Südtirol ist nun einmal kein unbegrenzt erweiterbarer Wirtschaftsraum. Zwischen Bergen und Tälern sind die verfügbaren Siedlungsflächen beschränkt. Und zusätzlicher Wohnraum bedeutet häufig auch zusätzliche Straßen, Schulen, Kindergärten und andere Infrastrukturen.
Muss sich Südtirol also tatsächlich immer weiter vergrößern, nur damit der Personalbedarf sämtlicher Wirtschaftsbereiche gedeckt werden kann? Oder wäre es nicht langsam an der Zeit, die Lebensqualität der bereits hier lebenden Bevölkerung stärker in den Mittelpunkt zu rücken?
Warum verlassen junge Südtiroler ihre Heimat? Warum können sich viele Beschäftigte trotz Vollzeitarbeit kaum noch eine Wohnung leisten? Und weshalb wird so selbstverständlich über zusätzliche Arbeitskräfte gesprochen, während bessere Entlohnung, Produktivität und Automatisierung oft weit weniger Aufmerksamkeit bekommen?
Wer Personal braucht, muss auch Wohnraum mitdenken
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Stellungnahme von Unternehmerverbandsvizepräsidentin Evelyn Kirchmaier. Sie betont, dass die Betriebe nicht sämtliche Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen könnten, etwa bei der Bereitstellung von Wohnraum, Kinderbetreuung oder Integration.
Dass Unternehmen nicht für sämtliche öffentlichen Dienstleistungen aufkommen können, versteht sich von selbst. Doch wer zusätzliche Arbeitskräfte benötigt, muss sich auch mit deren Lebensbedingungen auseinandersetzen. Ein Stellenangebot allein schafft noch keine Wohnung.
Betriebliche Mitarbeiterwohnungen, angemessene Löhne und konkrete Wohnprojekte dürfen deshalb nicht bloß gut gemeinte Begleitmaßnahmen sein. Sie müssen Bestandteil einer verantwortungsvollen Personalpolitik werden.
Selbstverständlich wird Südtirol auch künftig Fachkräfte von außerhalb benötigen, besonders in der Pflege oder im Gastgewerbe. Doch ebenso selbstverständlich sollte sein, dass Bevölkerungsentwicklung, Wohnungsmarkt und die sprachliche und gesellschaftliche Integration gemeinsam betrachtet werden müssen.
Was nützt ein voller Arbeitsmarkt, wenn das Land aus allen Nähten platzt?
Vielleicht sollten wir den wirtschaftlichen Erfolg Südtirols künftig nicht mehr nur daran messen, wie viele Arbeitsplätze geschaffen, wie viele Umsätze erzielt und wie viele zusätzliche Beschäftigte benötigt werden. Sondern daran, ob die Menschen, die diesen Wohlstand erwirtschaften, auch noch angemessen davon leben können.
Südtirol ist in drei Jahrzehnten um über 90.000 Einwohner gewachsen. Die Bevölkerung wird älter, der Wohnraum knapper und für zahlreiche Familien immer schwerer erschwinglich. Gleichzeitig sollen weitere Arbeitskräfte gewonnen werden, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.
Doch ein Wirtschaftsmodell, das immer neue Arbeitskräfte benötigt, während bereits Beschäftigte kein Dach über dem Kopf finden, wirft grundsätzliche Fragen auf.
Bevor also über die nächsten 30.000 fehlenden Arbeitskräfte diskutiert wird, sollte geklärt werden, wie jene Menschen wohnen sollen, die bereits hier sind.
Denn Südtirol muss nicht um jeden Preis immer größer werden. Es muss vor allem ein Land bleiben, in dem man sich das Leben noch leisten kann.






