NS-Widmung, Tiroler Tradition: Streit um einen Marsch

Bei der Veranstaltung „Sterne der Blasmusik“ am 4. Oktober in Kufstein kam es zu politischen Misstönen: Zwei der vier teilnehmenden Kapellen spielten den Standschützenmarsch von Sepp Tanzer. Das Stück wird auch mit dem Untertitel „Hellau! Miar sein Tirolerbuam“ geführt. Bürgermeister und seine beiden Stellvertreter erklärten laut Tiroler Tageszeitung, solche Musik sei aus Respekt vor den Opfern des NS-Regimes nicht erwünscht.
Welche beiden Kapellen den Marsch aufführten, geht aus dem frei zugänglichen Bericht nicht hervor. Auf dem Programm standen die BMK Oberlangkampfen, die Stadtmusikkapelle Kufstein, die KMK Bad Häring und die BMK Landl. Eine Zuschreibung an einzelne Vereine wäre daher nicht gerechtfertigt.
Tiroler Verband spricht Empfehlung aus
Der Blasmusikverband Tirol (BVT) empfahl den Kapellen bereits 2013, den Standschützenmarsch aus Respekt vor den Opfern des NS-Regimes nicht zu spielen. Das ist eine Empfehlung, kein Verbot. Die Entscheidung über das Repertoire liegt bei den einzelnen Musikkapellen.
Tanzer: In erster Linie Musike
Tanzer war ein bedeutender Musiker und Komponist, der das Blasmusikrepertoire weit über Tirol hinaus prägte. Zugleich war er Mitglied der NSDAP und bekleidete während der NS-Herrschaft wichtige Funktionen im Musikleben: Er war Gaumusikleiter und Gaumusikinspektor und für die Ausbildung der Musikkapellen des Standschützenverbandes zuständig. Auch im Referat Volksmusik der Reichsmusikkammer hatte er eine Funktion inne. Diese Angaben führt der Verband Südtiroler Musikkapellen in seinem Komponistenporträt an. vsm.bz.it
Tanzer auf seine politischen Funktionen zu reduzieren, würde seiner musikalischen Laufbahn nicht gerecht. Umgekehrt dürfen seine Verdienste als Musiker nicht dazu führen, die dokumentierte Nähe zum NS-Musikapparat auszublenden. Wie bei vielen Künstlern jener Zeit konnten politische Machtverhältnisse berufliche Wege und Möglichkeiten beeinflussen.
VSM setzte auf Aufarbeitung
Der Verband Südtiroler Musikkapellen (VSM) erklärte 2017, damals keine Empfehlung zum Verzicht auf den Standschützenmarsch ausgesprochen zu haben. Der damalige Obmann Pepi Fauster betonte zugleich, das Stück könne nicht losgelöst von seiner Geschichte betrachtet werden. Der VSM setzte auf Aufarbeitung und Bewusstseinsbildung; gemeinsam mit Fachleuten wurde ein Projekt zur Geschichte der Südtiroler Blasmusik von 1919 bis 1948 begonnen.
Auch der Österreichische Blasmusikverband (ÖBV) ist mit Tanzers Laufbahn verbunden: Von 1959 bis 1978 war er stellvertretender Bundeskapellmeister.
Tradition und Entstehungsgeschichte auseinanderhalten
Die Kufsteiner Debatte berührt eine heikle Frage: Wie geht man mit einem musikalisch bekannten Marsch um, dessen Entstehung und Widmung klar in die NS-Zeit weisen? Die historischen Standschützen und die heutige Tiroler Blasmusik dürfen nicht pauschal mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt werden. Genauso wenig sollte der historische Bezug im Titel die Entstehung des konkreten Stücks verdecken.
Der BVT rät vom Spielen ab, der VSM setzte nach seiner damaligen Stellungnahme auf Aufklärung und Aufarbeitung. Beide Haltungen sind von einem Verbot zu unterscheiden. Bei einer Aufführung des Marsches bleibt es Aufgabe der Kapellen, sich mit seinem geschichtlichen Zusammenhang auseinanderzusetzen.
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